Die Vögel zwitschern, Kinderstimmen auf der gegenüberliegenden Schulwiese, ab und an startet ein Easy-Jet am nahen Flughafen und donnert über unsere Köpfe hinweg. Wir stehen etwas verloren vor der schwach frequentierten Postfiliale an der von stattlichen, alten Gutshäusern gesäumten Dorfstrasse von Vernier und suchen das Gespräch mit Einheimischen. Wir rechnen eigentlich mit Türken, Portugiesen, Arabern. Fast jeder Zweite hier ist Ausländer.

Unser Schweizerdeutsch verrät uns. Hanspeter Kuhn, 66-jährig, kommt direkt auf uns zu. «Ah, zwei Deutschschweizer in Vernier. Was zum Teufel treibt euch denn hierher?», fragt der Rentner auf Züritütsch. «Wir wollen das unbekannte Genf entdecken.» Kuhn lacht. Und erklärt uns ungefragt: «Vernier ist gut. Grün, ruhig, ideal gelegen.» Und die Flugzeuge? «Stören sie die Ruhe nicht?» «Gewöhnungssache, wie auch die vielen Ausländer.» Kuhn stammt aus Winterthur. Die Arbeit lockte ihn in die Romandie. Die Liebe liess ihn nicht mehr gehen. «Ich bin glücklich hier.»

Glücklich in der Agglo

Wir halten weiter Ausschau nach Einheimischen. Doch auch die nächste Gesprächspartnerin ist keine waschechte Romande: Sabrina Torrebianca spricht immerhin Französisch. Sie hat italienische Wurzeln. Die 40-Jährige arbeitet wie so viele hier in der Stadt Genf. Sie mag das Leben in der Agglo. «Wir haben alles. Migros, Coop, Fitnessstudio, Flughafen. Was will ich noch mehr»? Ob es denn in Vernier nicht wie in französischen Vorstädten schwierige Quartiere gebe, wo Banden sich bekriegen, wo ältere Frauen ausgeraubt werden, wo man sich nachts nicht mehr so recht auf die Strasse traut? Alles nur Fantasien wohlbehütet aufgewachsener Deutschschweizer Bildungsbürger, die zu oft französisches Fernsehen geschaut haben? «Nicht da, wo ich wohne», sagt Torrebianca. Ein Verkäufer von Alarmanlagen habe zwar kürzlich geläutet und vor Einbrechern gewarnt. Doch welcher Verkäufer von Alarmanlagen macht das nicht? Szenenwechsel.

In der Auberge de la Mairie bestellen wir den Plat du jour. Rindstartare mit Kartoffeln und Salat. 15.80 Fr. plus ein Getränk. Das Gute an der Agglo sind die fairen Preise. Man stelle sich mal ein Mittagessen in der mondänen Genfer Finanzcity vor. Dreimal so teuer. Statt Lac Léman, Jet d'eau oder Montblanc vor Augen, blicken wir in die grünen Wälder des Genfer Juras. Die charmante Serviertochter ist Französin und nicht Genferin. «ça vous dérange?», will sie lächelnd wissen. «Selbstverständlich nicht.»

Wie auf dem Land

Vernier war jahrhundertelang ein unbedeutendes Bauerndorf, weit ausserhalb der Stadt Genf. Die Dorfstrasse ist Zeugin dieser vergangenen Zeit. Man wähnt sich hier tatsächlich auf dem Land. Kaum zu glauben, dass Vernier so gross ist wie Chur oder Fribourg. Nur die Genfer Aristokraten verirrten sich ab und an in ihre stattlichen Landhäuser, um sich vom geschäftigen Treiben zu erholen. In einer solchen Villa, die mit mehreren prunkvollen Sälen ausgestattet und von einem herrschaftlichen Park umgeben ist, empfängt uns Yvan Rochat.

Der Stadtpräsident hat drei Stunden Zeit für uns. «Nicht jede Woche besuchen uns Reporter aus der Deutschschweiz.» Rochat erzählt: Von der galoppierenden Urbanisierung seit den 60er-Jahren. Von den horrenden Mieten, die den Vergleich mit der Stadt Genf nicht zu scheuen brauchen, vom hohen Ausländeranteil, der ihm keine Sorgen bereite. Einzig die Sozialwohnungen im Quartier Les Libellules seien ein Problem. In den 50er-Jahren habe man einfach alle Ausländer und Ausgesteuerten dort hineingepfercht. Eine soziale Durchmischung war nicht mehr möglich. «Heute versucht die Gemeinde den dort lebenden, oft vereinsamten Menschen zu helfen.» Fertig Trockenlektion in der Mairie, dem Rathaus. Der grüne Rochat schwingt sich behände aufs Elektrovelo und fährt mit uns los. Ziel ist die Cité du Lignon direkt an der Rhone.

5700 Mieter

Zwischen 1962 und 1971 baute hier Georges Addor das mit 980 Metern längste Haus der Schweiz. Das neungeschossige Gebäude gewinnt im Verlauf der Rhone weitere sechs Geschosse hinzu. Dort bildet dieser Riegel mit zwei weiteren Scheibenhochhäusern von 29 und 34 Geschossen einen offenen Platz. «Ursprünglich für 10 000 Bewohner konzipiert, beherbergt es heute rund 5700 Mieter», sagt Rochat stolz. «Die Leute hier wollen nicht mehr weg.» Wir glauben es ihm gerne. Die vielen Kinderspielplätze und das Public-Viewing-Zelt vor dem Hauptgebäude sehen gemütlich aus.

Ob man zu Fuss das ganze Gebäude durchwandern könne, wollen wir wissen. «Mais bien sûr.» Zurück im Rathaus. Monsieur Rochat drückt uns zum Abschied Bücher und Statistiken in die Hand. Darin steht: Fast jeder zweite Einwohner ist Ausländer. Und fast jeder Dritte wählt den fremdenfeindlichen MCG. Der Kanton Genf den Genfern, lautet dessen Slogan. «C'est comme ça», sagt Rochat und verschwindet in seiner Präsidentenvilla.