Bildung

Unreife Lehrlinge belasten Firmen – welche Berufe die meisten Abbrecher hervorbringen

Lehrlinge im Friseurgewerbe brechen am häufigsten ab.

Lehrlinge im Friseurgewerbe brechen am häufigsten ab.

Der Trend zur frühen Einschulung hat Folgen: Lehrlinge und Studenten sind nicht bereit für ihren neuen Lebensabschnitt. Und die Jugendlichen kommen künftig noch jünger aus der Schule.

Es ist nur wenige Wochen her, dass über 80'000 Lehrlinge ins Berufsleben gestartet sind. Egal ob sie Tierpfleger, Koch oder KV-Angestellter werden wollten, bei manchen ist dieser Traum vorbei, bevor er begonnen hat. Einige hundert Lehrlinge haben ihre Ausbildung bereist abgebrochen. Die jüngsten Statistiken zeigen, dass 70 Prozent Lehrvertragsauflösungen im ersten Jahr stattfinden, viele mittlerweile schon während oder kurz nach der Probezeit.

Ein Grund für die steigende Zahl der Abbrüche ist das Alter der Jugendlichen. Die Lehrlinge sind heute um einige Monate jünger als noch vor 10 bis 15 Jahren. In vielen Kantonen wurde der Stichtag der Einschulung Jahr für Jahr ein wenig nach vorne geschoben. Schulen wollten so Kinder mit emotionalen, sprachlichen oder motorischen Schwierigkeiten möglichst früh erkennen und auffangen. Gleichzeitig konnte es vielen Eltern nicht schnell genug gehen. Schliesslich sollte der Nachwuchs bestmöglich gefördert werden, damit ihm später alle Türen offenstehen.

Doch was im Trend zur Früheinschulung vergessen ging, sind die Spätfolgen. Ob ein Lehrling mit 15 oder 16 Jahren die Ausbildung beginnt, kann einen grossen Unterschied machen. «Manche Jugendliche sind noch nicht reif für eine Lehre», sagt Margrit Stamm, Erziehungswissenschafterin an der Universität Freiburg. «Die heutige Generation wird später erwachsen als früher», sagt sie, «25 ist das neue 18». Das liegt auch an den Eltern. «Buben werden wie kleine Könige, Mädchen wie kleine Prinzessinnen behandelt», sagt sie. Das Ergebnis: «Viele tun sich schwer, das erste Mal einem Chef oder einer Chefin unterstellt zu sein.»

Kichern statt lernen

Hinzu kommt, dass Kinder bis ins Erwachsenenalter bei ihren Eltern leben, selbstständig werden sie erst später. Folgen dieser Entwicklung erkennt Stamm selbst noch in höherem Alter, bei ihren Erstsemestrigen an der Universität. «Einige kichern im Hörsaal mehr, als dass sie aufpassen», sagt sie. Dabei sind die jüngsten Studierenden schon volljährig. Bei der Berufsbildung kommt neben dem Alter von 15 Jahren hinzu, dass Jugendliche heute mehr Optionen haben als früher. «Sie legen sich nur ungern fest, der Berufswunsch bleibt diffus», sagt Stamm.

Der Lehrstellenüberfluss tut sein Übriges. Waren früher Lehrstellen Mangelware, ist seit einigen Jahren das Gegenteil der Fall. Im Sommer blieben wieder 7000 Ausbildungsplätze frei. Wer unzufrieden ist und andere Möglichkeiten hat, löst seinen Lehrvertrag öfter auf. «Lernenden geben heute schneller auf und sind weniger bereit, unangenehme Arbeiten durchzuhalten», sagt Theo Ninck, Präsident der Schweizerischen Berufsbildungsämter. Doch er nimmt auch die Betriebe in die Pflicht. Firmen mit einer guten Unternehmenskultur und mit einer sorgfältigen Selektion würden weniger Probleme haben. «Es wäre falsch, die Fehler nur bei den Jugendlichen zu suchen.»

14-Jährige, die Arbeiten gehen

Einige Branchen sind stärker von Abbrüchen betroffen. Im Verkauf, bei den Coiffeuren, den Köchen oder auf dem Bau werden Lehrverträge häufiger aufgelöst als im KV. Gemäss Zahlen des Bundes bricht jeder Vierte seine Ausbildung ab, das sind 20'000 Jugendliche pro Jahr. Die meisten finden eine Anschlusslösung. Kosten verursachen die Abbrüche trotzdem: Bis zu 200 Millionen Franken sind es jährlich.

Weil der Stichtag für den Kindergarteneintritt zuletzt nochmals nach vorne verschoben wurde, dürfte sich der Effekt in den meisten Kantonen noch verstärken. Doch ewig lässt sich die Spirale nicht drehen. Im Kanton Luzern werden die Kinder seit einem Jahr wieder drei Monate später eingeschult. Grund waren unerwartete Probleme beim Lehrbeginn: Die Schulabgänger waren mit 14 Jahren schlicht zu jung. Jugendliche dürfen offiziell erst im Alter von 15 arbeiten. Der Kanton musste 83 Sonderbewilligungen ausstellen, damit die Lehrlinge mit ihrer Ausbildung beginnen konnten. Das soll in Luzern künftig nicht mehr nötig sein. Auf andere Kantone dürfte die Altersdebatte aber erst noch zukommen.

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