Medizin
Unliebsame Studien zu Medis nicht publiziert – hilft Online-Plattform dagegen?

Klinische Versuche am Menschen müssen in der Schweiz neu online registriert werden. Bisher könnten nicht genehme Endergebnisse von Studien unter den Tisch gewischt werden. Hilft eine Online-Plattform nun, für Transparenz zu sorgen?

Anna Wanner
Drucken
Teilen

Die Vorgaben, die erfüllt sein müssen, damit ein neues Medikament auf dem Markt zugelassen wird, sind streng: Es muss wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein. Diese Kriterien überprüft das Heilmittelinstitut Swissmedic. Um eine Bewilligung zu erhalten, müssen Forscher Dossiers einreichen, die auch die Versuche des Medikaments am Menschen dokumentieren.

Forscher sagen nicht alles

Das Verfahren steht allerdings in der Kritik: Forscher würden unerwünschte Ergebnisse der Öffentlichkeit vorenthalten. Und Studien, die gegen die Wirksamkeit eines Medikaments sprechen, würden unterschlagen. Die Fachwelt spricht von einem «Publication Bias». Es wird publiziert, was die These bestätigt. Das verzerrt das Forschungsergebnis. Im Falle eines Medikaments kann das bedeuten, dass es entweder wenig bis gar nicht wirkt oder dem Patienten gar schadet.

Die Schweiz blieb nicht untätig. Das Parlament hat 2011 neue Regeln für die Forschung am Menschen verabschiedet. Das Humanforschungsgesetz, das auch mehr Transparenz bringen soll, trat nun Anfang Jahr in Kraft. Gleichzeitig ging eine Plattform online, auf der alle in der Schweiz durchgeführten klinischen Versuche erfasst werden.

Gemäss Brigitte Meier, Leiterin der Sektion Forschung am Menschen und Ethik beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), ist das ein Fortschritt: «Damit geht die Schweiz weiter als anderen Länder.» Denn unabhängig davon, ob Studien mit oder ohne Heilmittel durchgeführt, ob sie in Pflege oder Chirurgie gemacht werden: Klinische Versuche am Menschen müssen neu zwingend registriert werden.

Das Thema ist aktuell. In der neusten Ausgabe des britischen Journals «The Lancet» schreiben Forscher, dass nicht einmal 50 Prozent aller Studien veröffentlicht werden. Auch werden nicht nachvollziehbare Ergebnisse angezweifelt. Das hat in der Wissenschaft für Aufruhr gesorgt.

Keine Studienergebnisse

Das Problem ist nicht neu. Seit rund einem Jahr fordert die internationale Kampagne «All Trials», dass alle klinischen Studien veröffentlicht werden müssen. Der Verein «Skeptiker Schweiz», der sich der Wissenschaft verschrieben hat, ist auf den Transparenz-Zug aufgesprungen. Der Verein begrüsse die Plattform, sagt Mitglied Marko Kovic. Sie sei ein Versuch, klinische Studien über Humanforschung öffentlich zu machen. «Aber die Plattform ist auch gefährlich, weil sie den Eindruck von Vollständigkeit vermittelt.» Jedoch: Die Ergebnisse der registrierten Studien seien auch auf der Plattform nicht zu finden.

Entsprechend wenig aufgeregt reagieren die Betroffenen. Neu sei nur, dass die Studien in der Schweiz registriert werden müssen, sagt Roland Schlumpf, Sprecher des Branchenverbandes Interpharma. «Damit ist die Studie aber noch nicht öffentlich. Und auch die Ergebnisse nicht.» Doch fehlen nicht nur die Resultate einer Studie. Auch seien längst nicht alle von der Registrierungspflicht betroffen. So gehören Tierversuche beispielsweise nicht in die Kategorie der «klinischen Versuche».

Paul Rhyn, Sprecher des Kassenverbandes Santésuisse, zweifelt an der Verbesserung der Transparenz durch die neue Plattform: Wer das Register umgehen wolle, forsche im Ausland, wo die Vorgaben weniger streng sind.

Letzteres ist mit ein Grund, wieso die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse nur mit einer «kann»-Bestimmung versehen ist. Der Forschungsplatz Schweiz soll geschützt werden. Brigitte Meier vom BAG sagt: «Welche Inhalte von Studienergebnissen veröffentlicht werden sollen, wird derzeit international heftig diskutiert.» Das BAG wolle den internationalen Entwicklungen nicht vorgreifen. Ausserdem könne die geltende Verordnung jederzeit angepasst und könnten neue Standards aufgenommen werden.

Aktuelle Nachrichten