Wieder hat die Unia wegen Sexismus- und Mobbing-Vorwürfen schlechte Presse, diesmal im Berner Oberland. Der regionale Präsident warf ihr vor, sie sei schlechter als mancher Arbeitgeber, dem sie schlechte Arbeitsbedingungen ankreide. Ihre Antwort?

Vania Alleva: Unsere Mitarbeitenden haben starke Mitspracherechte, in jeder Region gibt es eine Personalkommission, wir haben faire Löhne, Gewerkschaftssekretärinnen und -sekretäre erhalten sechs Wochen Ferien. Darum sage ich: Wir erwarten viel von unseren Mitarbeitenden, aber insgesamt sind die Arbeitsbedingungen bei uns gut.

Jetzt wurde der Mann abgewählt. Ist das Problem damit vom Tisch?

Nein. Der Konflikt im Berner Oberland ist Ausdruck einer grundsätzlichen Herausforderung, die wir annehmen müssen. Das liegt daran, wie wir organisiert sind. Einerseits sind wir eine Basisbewegung, in der Mitglieder aus unterschiedlichsten Branchen und mit unterschiedlichsten Interessen die Richtung vorgeben. Andererseits sind wir eine professionell geführte Organisation, welche die vorgegebenen Ziele erreichen muss. Demokratie und Professionalität sind ein Spannungsfeld, dem wir uns immer wieder zu stellen haben. Wir wollen beides.

Und dann kommt ein Ex-Unia-Sekretär ebenfalls aus dem Berner Oberland, der zu allem Übel einer Nachbarin unaufgefordert Bilder von Geschlechtsteilen geschickt und Kollegen schikaniert haben soll.

Das sind schwerwiegende Vorwürfe. Sobald wir davon Kenntnis erhielten, haben wir sie mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln abklären lassen. Trotz dieser Bemühungen liegen aber bis heute weder Beweise noch eine Anzeige wegen sexueller Belästigung vor.

Es ist kein Einzelfall. 2016 wurde der Zürcher Unia-Regionalleiter sexueller Belästigung bezichtigt. Herrscht bei der Unia eine Kultur von Sexismus und Missbrauch?

Nein. Wie gesagt, ich weiss wirklich nicht, ob wir es im Berner Oberland überhaupt mit einem solchen Fall zu tun haben. Bei uns herrscht jedenfalls Nulltoleranz gegenüber Sexismus.

Was unternimmt die Unia dagegen?

Nach dem Vorfall in Zürich vor drei Jahren haben wir erstens unsere Reglemente erneut überprüft und verschärft, auch damit wir nach Entgleisungen fehlbare Mitarbeitende schneller entlassen können. Zweitens haben wir in einem breiten Prozess mit allen Mitarbeitenden eine Charta erarbeitet gegen Rassismus, Sexismus und Fremdenfeindlichkeit sowie zum Umgang mit privaten Beziehungen am Arbeitsplatz. Das wurde an über 40 Workshops diskutiert und ist jetzt Bestandteil der Ausbildung unserer Mitarbeitenden und Führungskräfte. Wir haben wichtige Lehren gezogen aus einer Geschichte, die uns sehr stark berührt hatte.

Demnach hat die Unia kein «massives Problem mit der Betriebskultur», wie die linke WOZ befand?

Nein, sondern dieses erwähnte Spannungsfeld zwischen hohen demokratischen und professionellen Anforderungen, die wir als Organisation jeden Tag zu bewältigen haben. Unsere Betriebskultur hinterfragen wir ebenso wie die Führungskultur in den letzten Jahren systematisch und schauen, was wir verbessern können. Aber Konflikte mit Mitarbeitenden gibt es bei uns wie in anderen Unternehmen oder Organisationen auch. Ich finde das normal. Und: Man darf die verschiedenen Konflikte nicht über einen Leisten schlagen. Es stellt sich aber schon die Frage, wieso unsere Konflikte immer wieder für Schlagzeilen sorgen. Das beschäftigt mich. Ich habe viel darüber nachgedacht.

Was ist Ihr Fazit?

Es hängt mit unserem Selbstverständnis zusammen. Wir sind stark wertebasiert, deshalb gehen uns solche Konflikte jeweils sehr nah und beschäftigen uns enorm. Sie schlagen auch deswegen so hohe Wellen, weil unsere Mitarbeitenden mit viel Engagement und Herzblut bei der Sache sind. Dazu kommt, dass das Austragen von Konflikten zum Job unserer Mitarbeitenden gehört. Wenn es zu einem internen Konflikt kommt, wird dieser folglich besonders heftig ausgetragen.

Das klingt beschönigend, wenn man den Vorwurf aus dem Berner Oberland hört, die Zentrale regiere mit eiserner Hand. Ist die grösste Gewerkschaft der Schweiz ein Konzern, der diktatorische Entscheide fällt?

Wir sind kein Konzern, und ich habe keine eiserne Hand. Wir sind eine Massenorganisation, deren Kurs die Mitglieder an der Basis beschliessen und den wir dann umsetzen. Niemand, weder ich noch der Präsident der Unia-Region Berner Oberland, kann einfach bestimmen, was zu tun ist. Das ist ein ständiger Aushandlungsprozess. Dennoch haben wir alle klare Vorgaben, die wir mit den Mitgliedern und Mitarbeitenden umsetzen müssen. Und wir haben Reglemente und Statuten, die einzuhalten sind. Das gilt für alle. Konkret zum Berner Oberland: Den Beschluss, den dortigen Präsidenten abzuwählen, fällte die Delegiertenversammlung – also die örtliche Basis, nicht die nationale Zentrale. Und zwar mit einem klaren Resultat, das zeigt, dass die Leute nach vorne blicken und sich wieder auf die gewerkschaftspolitischen Themen konzentrieren wollen.

Haben Sie ein Grössenproblem?

Wir haben nicht mehr Konflikte als andere Organisationen unserer Grösse, aber wir stehen viel mehr im Schaufenster. In einem gewissen Sinn bin ich sogar stolz, dass wir Konflikte haben und diese austragen können. Das ist ein Ausdruck der hohen Ansprüche, die wir an uns stellen. Wir dürfen auch stolz sein, dass die Öffentlichkeit an uns höhere Massstäbe anlegt als an andere. Das heisst, dass wir eine wichtige Kraft sind. Entscheidend ist, wie wir mit diesen Konflikten umgehen – und dass wir an ihnen wachsen und uns weiterentwickeln.

Unternehmer kritisieren, die Unia sei immer gegen alles und lasse nicht mit sich reden. Setzen Sie Konfrontation über den Konsens?

Wir organisieren nicht jeden Tag einen Streik. Es gehört zu unseren Stärken, dass wir uns gegen Arbeitgeber durchsetzen und bessere Arbeitsbedingungen und Löhne für die Beschäftigten im Land erkämpfen können. Das müssen wir, um die Interessen unserer Mitglieder zu verteidigen. Die kollektive Konfrontation bleibt dennoch die Ausnahme. Im Gewerkschaftsalltag arbeiten wir konsensorientiert mit den Arbeitgebern zusammen.

Wo zum Beispiel?

Etwa in den paritätischen Kommissionen, wo wir uns für die Arbeitsbedingungen in den verschiedenen Branchen einsetzen: Das ist ein Miteinander, kein Konflikt. Die Suche nach dem Konsens geben wir nur auf, wenn es nicht mehr anders geht. Wenn Arbeitgeber auf stur schalten, die Arbeitsbedingungen verschlechtern wollen und nicht mehr mit sich reden lassen. Dann führen wir den Konflikt.

Sie sind die grösste Gewerkschaft, schrumpfen aber neuerdings. Wieso?

Seit es die Unia gibt, sind wir in den Dienstleistungsberufen konstant gewachsen. Das war auch unser strategisches Ziel. Wir wollten in Bereichen wie Verkauf, Gastgewerbe oder private Pflege gewerkschaftlich Fuss fassen, weil da die Arbeitsbedingungen häufig schwierig und die Löhne tief sind. Dieses Ziel haben wir erreicht. In den letzten acht Jahren sind wir auch als Gesamtorganisation gewachsen. Dass es 2018 erstmals seit Langem einen Mitgliederrückgang gab, hängt mit den Veränderungen in den Branchen zusammen, in denen wir tätig sind. Im Detailhandel gingen Arbeitsplätze verloren. Überdies sind viele Portugiesen, die auf dem Bau gearbeitet hatten, in ihre Heimat zurückgewandert.

Macht Ihnen das keine Sorgen?

Doch. Aber die Erfahrung der letzten 15 Jahre zeigt, dass die strategische Richtung, die wir eingeschlagen haben, eine Erfolgsgeschichte ist. Nämlich bei den traditionell gewerkschaftlich organisierten Berufen weiter präsent zu sein und uns gleichzeitig in neuen Berufen, in denen vor allem Frauen arbeiten, zu verankern. In den ersten Monaten dieses Jahres waren wir wieder gut unterwegs.

Durch Automatisierung und Digitalisierung verschwinden weitere Stellen. Muss sich die Unia auf sinkende Mitgliederzahlen einstellen?

Ich glaube nicht. Die Arbeit wird, davon bin ich überzeugt, nicht ausgehen. Aber es gibt grosse Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, Berufe verschwinden. Da ist es unsere Aufgabe, unsere Mitglieder zu begleiten und dafür zu sorgen, dass man in Aus- und Weiterbildung sowie Umschulungen investiert. Die Gewerkschaft spielt im Veränderungsprozess eine wichtige Rolle. Sie setzt sich dafür ein, dass der Produktivitätsfortschritt auch den Beschäftigten weitergegeben wird, in Form von Arbeitszeitverkürzung oder von höheren Löhnen. Es geht nicht an, dass nur die Konzerne die Gewinne der Digitalisierung einstreichen.

Dann wird es weiterhin Negativschlagzeilen geben?

Wir werden jedenfalls sicher nicht bequem und ruhig werden, denn die anstehenden Herausforderungen sind enorm. Wenn ich nur schon an die erste Jahreshälfte denke: Es braucht unsere ganze Mobilisierung für den Frauenstreik vom 14. Juni, wo es um mehr Lohn, mehr Zeit und Respekt geht. Im Hinblick auf das geplante Rahmenabkommen mit der EU braucht es unser ganzes Engagement, um den Lohnschutz aufrechtzuerhalten. Und dann braucht es endlich wieder substanzielle Lohnerhöhungen für alle Arbeitnehmenden und nicht bloss in den am besten organisierten Branchen. Da sind die Gewerkschaften die zentrale Kraft.

Sind sie im 21. Jahrhundert kein Auslaufmodell?

Solange es Arbeitnehmende gibt, braucht es Gewerkschaften. In einer immer komplexer werdenden Arbeitswelt sorgt letztlich nur die Solidarität für gute Arbeit.