Streitgespräch

«Und trotzdem brauchen Frauen Sperma, um schwanger zu werden»

Kein Konsens: Claudine Esseiva und Peter Föhn beim Gespräch in der Wandelhalle des Bundeshauses.peter klaunzer/keystone

Kein Konsens: Claudine Esseiva und Peter Föhn beim Gespräch in der Wandelhalle des Bundeshauses.peter klaunzer/keystone

Gehen die Abtreibungen zurück, wenn die Abtreibungsinitiative angenommen wird? Ja, findet SVP-Ständerat Peter Föhn und Claudine Esseiva (FDP) entgegnet, dass mit der Initiative ein falsches Zeichen gesetzt würde.

Herr Föhn, Sie haben die Initiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache» lanciert. Wo drückt der Schuh?

Peter Föhn: Die finanzielle Situation der Krankenkassen drängt: Die Prämien steigen jährlich. Die Grundversicherung deckt Eingriffe ab, die medizinisch nicht notwendig oder gar verwerflich sind: Abtreibung, Kaiserschnitt, Schönheitsoperationen und Geschlechtsumwandlung.

Frau Esseiva, Sie haben eine Schwangerschaft abgebrochen. Gehört die Abtreibung in die Grundversicherung?

Claudine Esseiva: Ich unterstütze die Idee, im Gesundheitswesen zu sparen. Aber mich stören die Kürzungen auf Kosten der Frauen. Eine Abtreibung kostet zwischen 500 und 2500 Franken. Jährlich gibt es etwa 10 000 solcher Eingriffe. Durch diese Ersparnis werden wir das Gesundheitssystem nicht sanieren.

Das finanzielle Argument zieht also nicht?

Esseiva: Nein. Und wieso soll die Frau die Abtreibung alleine bezahlen? Für eine ungewollte Schwangerschaft braucht es Mann und Frau. Es ist ja eigentlich klar, dass – wenn schon – beide dafür bezahlen müssten.

Föhn: Ich attestiere Ihnen, dass Sie die Kosten im Griff halten wollen. Die Krankenkasse hat den Auftrag, Leben zu schützen und zu erhalten – aber nie zu vernichten. Ich setze auf Eigenverantwortung. Man kann sich nicht gehen lassen und sagen, die Allgemeinheit finanziert die Konsequenzen. Und bei Vergewaltigungen zahlt weiterhin die Krankenkasse eine Abtreibung. Ausserdem kann eine Frau eine Zusatzversicherung abschliessen, wofür sie ein bis zwei Franken draufzahlt.

Frau Esseiva, Sie schütteln den Kopf.

Esseiva: Das ist doch scheinheilig! Sie schieben Kosten vor und wollen eigentlich die Fristenregelung wieder abschaffen.

Föhn:Über die Fristenregelung haben wir vor zehn Jahren abgestimmt. Das müssen wir nicht mehr diskutieren. In dieser Initiative geht es darum, wer es bezahlen soll.

Esseiva: Sie werden die andere Initiative zur Abschaffung der Fristenregelung von Heinz Hürzeler nicht unterstützen?

Föhn: Nein. So nicht. Das Schweizer Volk hat ein klares Votum abgegeben.

Esseiva: Dann bin ich aber froh. Bei der Einführung der Fristenregelung vor zehn Jahren waren Sie noch dagegen.

Föhn: Ja, klar! Wir haben verloren. Nach wie vor liegt mir daran, dass nicht die Allgemeinheit gegen ihren Willen für eine Abtreibung aufkommen muss. Auch wenn wir damit «nur» 20 Millionen Franken sparen – irgendwo müssen wir anfangen. Wenn die Initiative durchkommt, werden weitere Sparmöglichkeiten in Angriff genommen.

Esseiva:Warum um Himmels willen fangen Sie bei den Abtreibungen an? Wenn Sie über den Leistungskatalog der Grundversicherung reden wollen, dann tun wir das. Aber wieso müssen sich Frauen zusätzlich versichern? Und dabei ziehen sich die Männer aus der Verantwortung.

Die Grundversicherung trägt die Kosten solidarisch. Sie wollen, dass die Frauen alles bezahlen?

Föhn: Es ist bei allen Versicherungen so, dass der Betroffene aufkommen muss, auch wenn er zu einer Tat motiviert wurde. Wie bei der Autoversicherung: Ich bezahle, wenn ich einen Unfall baue.

Esseiva: Eben nicht! Wenn ich einen Unfall baue, dann stehe ich dafür gerade. Aber für eine ungewollte Schwangerschaft braucht es immer zwei. Und nun will man, dass der Mann keine Konsequenzen trägt und die Frau alleine geradesteht. Daran störe ich mich.

Föhn: Das ist in der Natur der Sache, dass die Frau schwanger wird und nicht der Mann.

Esseiva: Ja. Aber es braucht doch immer zwei Personen dafür!

Föhn: Der Mann muss auch Verantwortung tragen. Er hält bereits an anderen Orten den Kopf hin.

Esseiva: Wann denn? Bei der Kindererziehung?

Föhn: Eventuell. Oder bei den Finanzen: Ich bringe den Lohn nach Hause.

Esseiva: Auch ich bringe den Lohn nach Hause.

Föhn: Das ist Ihr Entscheid.

Esseiva: Unglaublich! Überall wird die Eigenverantwortung hochgehalten – ausser bei ungewollten Schwangerschaften. Da wird der Mann von der Verantwortung freigesprochen.

Föhn:Das ist in der Natur der Sache. Das hat der Herrgott so eingerichtet.

Jetzt argumentieren Sie nicht mehr mit den Finanzen.

Föhn: Der Ursprung war ein finanzieller. Aber die Moral dürfen wir nicht aus dem Spiel lassen. Wenn ich etwas verwerflich finde, will ich das nicht mitfinanzieren.

Andere finden es verwerflich, sich ungesund zu ernähren und sich dann über die Grundversicherung einen Magen-Bypass finanzieren zu lassen.

Föhn: Das können wir in einem nächsten Schritt anschauen. Wenn das Volk ein Bedürfnis signalisiert, muss die Politik aktiv werden.

Esseiva: Damit entlarven Sie sich! Wenn es wirklich um die Kosten gehen würde, müssten Sie etwas gegen die Fettleibigkeit unternehmen. Diese verursacht massiv höhere Kosten als Abtreibungen. Und jeder ist verantwortlich dafür, wie viele Burger er isst und wie viel Cola er trinkt. Gleichzeitig werden Frauen, die ungewollt schwanger werden als liederliche Geschöpfe abgestempelt, da sie sich nicht im Griff haben.

Föhn:Das habe ich nie gesagt. Und Sie wiederholen sich. Dass eine Frau die Abtreibung bezahlt, liegt in der Natur der Sache, das kann ich nicht ändern.

Esseiva: Und trotzdem brauchen Frauen Sperma, um schwanger zu werden.

Betrifft eine Abtreibung Männer nicht?

Föhn: Doch. Eine Frau soll den Mann zur Rechenschaft ziehen. Und in Ausnahmefällen wie Vergewaltigungen muss die Krankenkasse bezahlen. Wenn die Frau freiwillig zusagt, hängt sie mit drin; sie ist mitverantwortlich.

Sie gehen davon aus, dass die Abtreibungen durch die Initiative zurückgehen?

Föhn: Wenn die Versicherung nicht bezahlt, gibt es weniger Abtreibungen.

Trifft der Abbau nicht die sozial Schwächsten?

Föhn: Nein. Dafür kann man ja Zusatzversicherungen abschliessen. Und es gibt heute gute soziale Einrichtungen, welche gerne helfen, Abtreibungen zu verhindern.

Esseiva: Was hier vergessen geht, ist die Selbstbestimmung der Frau. Sie muss unabhängig vom gesellschaftlichen Druck entscheiden können. Keine einzige Frau nimmt diesen Entscheid auf die leichte Schulter. Das Kostenargument überwiegt also nicht. Wenn die Initiative durchkommt, gehen die Frauen deswegen nicht wieder zu Engelsmacherinnen.

Föhn: Soll das Selbstbestimmungsrecht nur für Frauen gelten, die abtreiben wollen? Nein! Es soll auch für jene gelten, die verwerfliche Abtreibungen aus ethischen Gründen nicht mitfinanzieren wollen.

Esseiva: Wir geben ein falsches Zeichen: Fristenregelung ja, aber die Frauen tragen alleine die Verantwortung. Das ist moralisierend, die Frauen werden stigmatisiert. Zu den Männern schweigt man. In einer solchen Gesellschaft will ich nicht leben. Wenn eine Frau nicht bereit ist für ein Kind, muss sie die uneingeschränkte Freiheit haben, nein zu sagen.

Föhn: Ja. Aber sie muss von Anfang an Nein sagen. Wenn eine Frau ein Kind hat, schränkt das ihre Freiheit immer ein.

Esseiva: Logisch. Aber es gibt Umstände, in denen es nicht möglich ist, ein Kind auf die Welt zu bringen. Das müssen Sie akzeptieren. Frauen fällen den Entscheid nicht leichtfertig.

Föhn: Das unterstellen Sie mir! Ich schiebe nicht alles auf die Frauen. Wenn ich mit jemandem ins Bett gehe, dann teile ich die Verantwortung. Aber wir leben in einer demoralisierten Welt. Darum will ich als gläubiger Christ Zeichen setzen.

Esseiva: Aber Sie schreiben vor, wie jemand zu leben hat. Es gibt Beziehungen, die nicht funktionieren und Schwangerschaften, die nicht geplant waren. Trotzdem haben wir die tiefsten Abtreibungsraten in Europa. Das hängt mit der guten Aufklärung in den Schulen zusammen, mit Prävention. Unsere Kinder wissen, wie sie verhüten müssen.

Föhn: Das stimmt. Wir haben eine gute Bildung.

Esseiva: Darum dürfen Sie auch nicht für die Sex-Koffer-Initiative sein.

Föhn: Doch ich bin dafür. Also Hergott! Auch da zählt die Eigenverantwortung! Es ist doch nicht nur Aufgabe der Schule, die Kinder aufzuklären.

Esseiva: Wenn einen die Eltern aufklären, ist das oft etwas peinlich. In der Schule funktioniert das besser, da die Lehrer neutrale Personen sind.

Bei den Initiativ-Gegnern exponieren sich hauptsächlich Frauen. Ist das symptomatisch für das Thema?

Esseiva: Es gibt auch Männer, die sich engagieren. Aber es ist, wie Herr Föhn sagt: Am Ende trifft es die Frau. Sie trägt die Verantwortung. Ausserdem kostet es viel Mut, öffentlich hinzustehen und zu sagen, dass man abgetrieben hat. Ich wollte zeigen, dass es passieren kann.

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