Erschöpfung

Übermüdete Ärzte gefährden Patienten – jetzt schreitet die Politik ein

Operation im Bruderholzspital in Binningen.

Operation im Bruderholzspital in Binningen.

Der Kampf für faire Arbeitsverhältnisse an Spitälern hat eine neue Qualität erreicht: Jetzt soll der Bundesrat eingreifen. Dieser soll bei den Spitälern Druck machen, damit die Arbeitszeiten von Ärzten besser überwacht werden.

Eigentlich sind die Vorgaben klar: Auch ein Assistenzarzt darf höchstens 50 Stunden pro Woche arbeiten. So will es das Arbeitsrecht. Seit Jahren kämpft der Verband der Assistenz- und Oberärzte (VSAO) für dessen Einhaltung. Denn an vielen Spitälern wird das Gesetz bis heute missachtet.

In einer Umfrage des VSAO vom April geben mehr als die Hälfte der Assistenzärzte an, dass sie zu viel arbeiten. Anstatt der gesetzlich zulässigen 50 Stunden seien sie im Schnitt 56 Stunden pro Woche im Einsatz. Zudem werden viele Überstunden nicht aufgeschrieben und die jungen Ärzte arbeiten wiederholt mehr als sieben Tage am Stück – alles Verstösse gegen das Arbeitsrecht. 

Eingreifen der Politik

Trotz Kampagnen an den Spitälern und in der Öffentlichkeit hat sich die Situation kaum verbessert. Im Gegenteil. Laut VSAO zeigt sich in der Praxis ein «alarmierendes Bild»: Erschöpfte Ärzte, die wegen Übermüdung die Gesundheit der Patienten gefährden.

Weil die Kantone und das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) zu lasch kontrollierten, soll nun der Bundesrat bei den Spitälern Druck machen. Das verlangt der Zürcher SP-Nationalrat Angelo Barrile in einer Motion, die er letzte Woche eingereicht hat.

Mittels wirksamer Kontrollen seien die Gesetzesverstösse zu stoppen. Ausserdem will er einen «Rückschritt» im Arbeitsrecht via Moratorium verhindern. Denn zwei parlamentarische Initiativen von den Ständeräten Konrad Graber (CVP/LU) und Karin Keller-Sutter (FDP/SG) fordern eine Flexibilisierung. Beide sind der Meinung, dass starre Wochenarbeitszeiten nicht zeitgemäss sind und Arbeitnehmer mehr selbstbestimmen wollen, wann sie arbeiten. Die Arbeitszeiterfassung funktioniere nicht für alle Branchen. Das Gesetz soll deshalb gelockert werden.

Ähnlich argumentieren die Spitäler, die eine zu strenge Auslegung des Rechts als nachteilig empfinden, weil es auch die Ärzteschaft eingrenze. Sie vertreten die Haltung, dass  einzelne Überstunden, die innert kurzer Frist kompensiert werden können, nicht zwingend belastend sind. Das sehen auch Assistenzärzte auf Anfrage so. Denn eine zu starre Einhaltung führe nicht unbedingt zu besseren Arbeitsbedingungen.  

Gefahr der Selbstausbeutung

Angelo Barrile, selbst Hausarzt und Vizepräsident des VSAO, warnt vor einer Selbstausbeutung der Ärzteschaft und verweist auf andere Wege, wie Spitäler Assistenz- und Oberärzte entlasten können. «Der administrative Aufwand ist gross», sagt er.

Aufgaben wie Krankengeschichten bei Hausärzten einfordern oder mit Krankenkassen verhandeln könnten delegiert werden und müssten nicht zwingend die Assistenzärzte machen. «Fortschrittliche Spitäler haben dafür Sekretariate eingerichtet.»

Damit entgegnet er der Argumentation vieler Spitäler, die Überstunden mit Kostendruck und knappen Ressourcen rechtfertigen. Die Anstellung eines Stationssekretärs sei nicht nur günstiger, so Barrile, sondern ermögliche den Ärzten auch, sich besser um die Patienten zu kümmern.

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