Erstmals sinkt die Arbeitslosenquote seit 2012 wieder unter 3 Prozent. Mit einem Wert von 2,6 Prozent im vergangenen Jahr ist dies sogar die beste Marke seit 2008. Damals brach die Finanzkrise aus und zog die ganze Wirtschaft hinunter. Dies schlug sich in den nachfolgenden Jahren in einer höheren Arbeitslosigkeit nieder.

Die positive Entwicklung im vergangenen Jahr ist vor allem Ausdruck einer robusten Konjunktur. Ökonomen rechnen für 2018 mit einem Wachstum von rund 2,5 Prozent oder sogar noch etwas mehr. Positiv entwickelte sich die Arbeitslosigkeit vor allem in der ersten Hälfte des letzten Jahres. So sank die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen um 29 Prozent, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) vorrechnet. Im Sommer und im Herbst verharrten die tiefen Zahlen auf diesem Stand. Erst im November und Dezember stieg die Arbeitslosenzahl saisonal bedingt wieder. Dies geht nicht zuletzt auf die Bauindustrie zurück, die in den kalten und regnerischen Wintermonaten weniger Aufträge erhält.

Die Zahlen zeigten, dass der Arbeitsmarkt in bester Verfassung sei, sagt Martin Neff, Chefökonom von Raiffeisen Schweiz. Seitens der Wirtschaft heisse es: «Wir brauchen Leute, wir finden keine, beschafft sie uns, egal woher.» Gleichzeitig nehme die Zuwanderung ab. Als Folge würden auch weniger gut Qualifizierte wieder vom Arbeitsmarkt absorbiert.

Nicht alle profitieren jedoch im gleichen Mass. So ist die Arbeitslosenquote der über 50-Jährigen nur halb so stark gesunken wie der Durchschnitt. Dies sei letztlich ein Spiegel der Überalterung der Gesellschaft, sagt Neff. «Ende der Achtzigerjahre hatten wir Arbeitslosenquoten von unter einem Prozent.» Damals habe sich die Wirtschaft gut entwickelt, viele Junge der Babyboomer-Generation seien vor dem Eintritt ins Erwerbsleben gestanden. Heute boome die Wirtschaft wieder, aber die Jungen von damals seien 25 Jahre älter. «Dies sind teure Lohnempfänger, von denen auch viele nicht mit der Digitalisierung Schritt halten können. Ihre Qualifikationen sind eingefurcht. Da ist es oft schwierig, fit zu werden für den Arbeitsmarkt», sagt Neff.

Wirtschaft kühlt sich ab

Der Raiffeisen-Ökonom rechnet damit, dass die Beschäftigung auch im laufenden Jahr hoch bleiben wird. Jedoch ist nicht davon auszugehen, dass die Arbeitslosigkeit im Frühling und Sommer nochmals so stark sinken wird wie in der ersten Hälfte 2018. Der Grund: Weltweit kühlt sich die Wirtschaft ab, auch in der Schweiz. Zahlreiche Prognostiker gehen hierzulande von einem Wachstum von rund 1,5 Prozent aus – also deutlich moderater als im letzten Jahr.

Der Arbeitsmarkt reagiert in der Regel mit einer gewissen Verzögerung auf eine Wirtschaftsabschwächung. Das dürfte auch dieses Mal so sein. Mit Blick auf die kommende Abkühlung werden die Unternehmen zurückhaltender und schaffen – wenn überhaupt – weniger neue Stellen. Dazu passen auch die jüngsten Aussagen der Nationalbank. Zwar laufe die Wirtschaft gut, doch die Unsicherheiten seien gestiegen, und der Franken sei noch immer hoch bewertet, sagte Vizepräsident Fritz Zurbrügg in der Sendung «Eco» des Schweizer Fernsehens.

Ohnehin zeigen die Arbeitslosenzahlen des Seco nicht das ganze Bild. Sie weisen lediglich aus, wer bei einem regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) gemeldet ist. Dies zum Unterschied zur Erwerbslosigkeit. Diese misst, wer derzeit keine Arbeit hat, unabhängig davon, ob jemand bei einem RAV registriert ist oder nicht. Hier zählen also auch etwa ausgesteuerte Personen dazu, die bei den Zahlen des Seco nicht mitgezählt werden. Erhoben wird die Zahl mit einer vierteljährlichen Umfrage bei 30 000 Personen nach Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).

Die Erwerbslosenquote in der Schweiz beträgt derzeit 4,4 Prozent. Im Durchschnitt der letzten fünf Jahre betrug sie gar 5 Prozent. Wieso die Erwerbslosigkeit trotz des Wirtschaftsaufschwungs nicht stärker gesunken ist, bleibt für die Ökonomen ein Rätsel.

Vermeintliche Musterschülerin

Einige Experten plädieren dafür, dass in der Betrachtung des Arbeitsmarkts weniger stark auf die Arbeitslosenquote des Seco abgestellt werden sollte. «Die Arbeitslosenquote des Seco misst heute wohl noch ungefähr die Hälfte der Personen, die gemäss internationaler Definition als arbeitslos gelten», sagt etwa Michael Siegenthaler, Ökonom bei der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.

Im internationalen Vergleich sind die Zahlen des Seco ohnehin nicht relevant, da andere Länder nur die Erwerbslosigkeit nach den Vorgaben der ILO erheben. Daher relativiert sich auch das Bild der Musterschülerin Schweiz. Zwar befindet sich unser Land im vorderen Drittel unter anderen wichtigen Volkswirtschaften. Doch die USA, Deutschland, die Niederlande oder Japan schneiden besser ab und weisen eine Quote von unter 4 Prozent aus.