«Qualität der Medien»

Trendwende: Hochstehende Artikel werden auch online viel geklickt

Inzwischen informieren sich 41 Prozent der Bevölkerung primär auf Newsseiten von Medienanbietern oder über soziale Medien.

Inzwischen informieren sich 41 Prozent der Bevölkerung primär auf Newsseiten von Medienanbietern oder über soziale Medien.

Forscher machen der Medienbranche Mut: Sie stellen eine Qualitätssteigerung der Online-Medien fest.

Es war schon fast eine Tradition: Im Oktober, wenn die Tage kürzer und die Temperaturen kälter werden, trafen sich die Medienjournalisten des Landes jeweils in Bern, um sich von Forschern bestätigen zu lassen, wie schlecht es um die Qualität ihrer Leistungen steht. Der 2015 verstorbene Medienwissenschafter Kurt Imhof prangerte den Niedergang der Branche stets mit markigen Worten an: Besonders gerne kritisierte er Onlineredaktionen, die in seinen Augen einzig nach Klicks schielten und so eine «Diktatur der Reichweite» errichteten.

Gestern lud Imhofs Nachfolger Mark Eisenegger erneut ins Hotel Bellevue – und verblüffte die Zuhörer mit dem gefühlt ersten positiven Befund in der nunmehr achtjährigen Geschichte der Jahrbücher «Qualität der Medien». Die professionell betriebenen Schweizer Onlinemedien seien in den vergangenen drei Jahren besser geworden, sagte der Präsident des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG).

Zwar erzielten nach wie vor Angebote mit geringer Qualität die grösste Reichweite, führten Eisenegger und der stellvertretende Institutsleiter Linards Udris aus. «Doch auch mit guter Qualität lässt sich ein Massenpublikum erreichen.» Insgesamt haben sich die Onlineportale der abonnierten Presse auf der vom FÖG benutzten Skala (mit Werten von 0 bis 10 seit 2014) um 0,3 Punkte verbessert. Auch die Internetauftritte der Boulevardzeitungen konnten zulegen.

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Die Qualitätssteigerung der Portale ist umso bedeutender, da ihre relative Bedeutung wächst: Inzwischen informieren sich 41 Prozent der Bevölkerung primär auf Newsseiten von Medienanbietern oder über soziale Medien. 30 Prozent geben das Fernsehen als wichtigste Quelle für Nachrichten an, 18 Prozent Printmedien und 9 Prozent das Radio.

Facebook schwächt Redaktionen

Für 18- bis 24-Jährige sind Social Media die wichtigste Informationsquelle. Nicht wenige von ihnen gaben an, sie läsen regelmässig Artikel auf Facebook, sagte Udris – dabei würden die Beiträge von professionellen Redaktionen erstellt und auf Facebook lediglich eingebettet oder verlinkt. Diese «Plattformisierung» setze die Zeitungsredaktionen unter Druck, warnte der Wissenschafter. «Der entbündelte Medienkonsum schwächt ihre Medienmarken.» Von der Entwicklung profitierten auch alternative Anbieter, die Verschwörungstheorien verbreiteten und in Einzelfällen erstaunlich viel Resonanz hätten, sagte Udris. «Sie treten bewusst in Opposition zu den von ihr als Mainstreammedien verunglimpften professionell gemachten Zeitungen.» Ein Grossteil der Aufrufe der in der Schweiz ansässigen alternativen Medien kommt allerdings aus Deutschland und Österreich – so stammen beim bekanntesten Anbieter bloss 18 Prozent der Nutzer aus der Schweiz.

Warnung vor No-Billag-Initiative

Die Medienforscher machen hierfür das nach wie vor intakte Vertrauen in die bestehenden Schweizer Medien verantwortlich. Im Vergleich zu anderen Ländern zeige sich eine geringe Polarisierung, schreiben sie im Jahrbuch: «Linke, Anhänger der politischen Mitte und Rechte nutzen mehrheitlich dieselben Medien.» Offensichtliche «Fake News» hätten hierzulande deshalb mehr Mühe, in abgeschotteten Filterblasen unentdeckt heranzuwachsen.

Mehr Sorgen bereitet den Forschern die zunehmende Medienkonzentration: In der Deutschschweiz teilten sich 2016 die beiden Verlage Tamedia und Ringier sowie die SRG 71 Prozent der von Informationsmedien online erzielten Reichweite. In der Romandie erreichten die drei Marktführer Tamedia, SRG und Swisscom sogar 88 Prozent. Eindringlich warnten Eisenegger und Udris schliesslich vor einem Ja zur No-Billag-Initiative, über die am 4. März abgestimmt wird und die den Untergang der SRG bedeuten würde. Und so war es am Ende doch wieder fast so wie früher mit Kurt Imhof: Die Skepsis überwiegt.

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