Paul Meier
«Trauriger Abschluss – schöne Zeit»

Eigentlich wollte er noch eine Amtszeit dranhängen – doch es kam anders heraus: Paul Meier über die Gefühle nach der Abwahl, 16 Jahre Gemeindepolitik und seine neu gewonnene Freiheit.

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Paul Meier

Paul Meier

Limmattaler Zeitung

Daniel Winter

Paul Meier

Der 62-Jährige FDP-Politiker gehörte seit 1994 dem Bergdietiker Gemeinderat an; vor vier Jahren übernahm er zudem das Amt des Gemeindeammanns. Bei den Gesamterneuerungswahlen vom 27. September wurde er als Gemeinderat nicht wiedergewählt. Meiers Nachfolge als Gemeindeammann tritt am 1. Januar 2010 der neu in den Gemeinderat gewählte Gerhart Isler (Bürger-Forum) an. Meier war bis zur Pensionierung bei der UBS tätig. Er wohnt seit 1986 in Bergdietikon, ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern. (liz)

Herr Meier, eine Ära geht zu Ende: 16 Jahre Gemeinderat, die letzten vier Jahre auch als Gemeindeammann. Am kommenden Montag absolvieren Sie Ihre letzte Gemeindeversammlung in Bergdietikon. Bereiten Sie sich noch besonders darauf vor?

Paul Meier: Nein. Es ist für mich der traurige Abschluss einer schönen Zeit.

Die Enttäuschung, die Sie bei den Wahlen vom 27. September erlebten, haben Sie noch nicht weggesteckt?

Meier: Die Enttäuschung sitzt tief. Es schmerzt noch immer, nach 16 Jahren so abgewählt zu werden. Es wäre für mich einfacher, das Ganze nachvollziehen zu können, wenn man mir im Wahlkampf Greifbares vorgeworfen hätte - wenn man mir konkret gesagt hätte, das und das hast Du als Gemeindeammann falsch gemacht und deshalb wollen wir Dich nicht mehr. Dann hätte ich mit mir selber ins Gericht gehen können. Aber so? Was hat man mir vorgeworfen. . .

. . . zum Beispiel «fehlende Transparenz», «ungenügende Kommunikation».

Meier: Ja, aber was heisst Transparenz? Ich glaube, ich habe als Gemeinderat und Gemeindeammann bei jedem Geschäft offen und ehrlich kommuniziert. Und wenn man schon von fehlender Transparenz spricht, dann kann man auch die Frage stellen: Wie transparent ist das Bürger-Forum?

Das Bürger-Forum hat in seiner Wahlkampagne «neue Köpfe» gefordert, Sie persönlich aber nicht namentlich und direkt angegriffen.

Meier: Es war durchaus ein Kampf gegen mich. Das Bürger-Forum hatte mich bereits 2005 bekämpft, es hat mich in den letzten vier Jahren bekämpft, es ist auch jetzt ganz klar um meine Person gegangen. Es tut mir weh, dass das Dorf auf eine relativ teure Kampagne eingestiegen ist, die neue Ideen versprochen, aber keine gebracht hat, und mich abgewählt hat. Das schmerzt. Aber das Leben geht weiter. Ich werde mich damit auf jeden Fall arrangieren und einen Weg finden, die neu gewonnene Freiheit zu geniessen.

Fühlen Sie sich als Opfer?

Meier: In einer gewissen Art und Weise schon. Mühe habe ich auch weniger mit meinem Nachfolger als mit jenen, die mich abgewählt haben. Zumindest eine Konsequenz habe ich daraus gezogen: Ich verzichte darauf, meine Zeit weiter für das Dorf zu investieren. Entsprechend habe ich mich entschieden, aus dem Vorstand der Dorfgemeinschaft auszutreten. Das Problem ist allerdings, dass in der Folge weitere Vorstandsmitglieder ebenfalls ihren Rücktritt erklärt haben. Es ist deshalb noch nicht klar, ob die traditionellen Dorfgemeinschaftsanlässe wie der Familienzmorge, das Grümpi oder die Metzgete im nächsten Jahr stattfinden werden. Da bin ich noch am Grübeln - vielleicht komme ich auf meinen Entscheid nochmals zurück. Ich bin gerne Bergdietiker, und die Dorfgemeinschaft liegt mir am Herzen.

Hand aufs Herz: Kann man in der Politik Dankbarkeit erwarten?

Meier: Mein Vater, der selber Gemeinderat war, hat immer gesagt: Sohn, Du darfst keine Rosen erwarten, die gibt es erst, wenn man Dich beerdigt. Mir war immer klar: Wenn man sich in einem Amt der Wahl stellt, dann geht man damit auch das Risiko ein, abgewählt zu werden. Wenn im Vorfeld aber kein konkreter Vorwurf geäussert wird, dann tut es einfach weh.

Heisst das, Sie wurden vom Entscheid des Souveräns überrumpelt?

Meier: Nein. Angesichts der Konstellation in der Gemeinde war alles möglich. Nicht zuletzt der Umstand, dass die SVP mich nicht unterstützt hat, führte dazu, dass ich damit rechnen musste, als Überzähliger auszuscheiden. Ich war denn auch entsprechend gefasst. Und trotzdem wurde es letztlich zu einer riesigen Enttäuschung.

Fühlen Sie sich abgestraft - nachdem Sie sich 16 Jahre in den Dienst der Gemeinde gestellt hatten?

Meier: Das kann man so sagen.

Welche Reaktionen erhielten Sie nach dem 27. September?

Meier: Es war ein Aufsteller, wie viele Menschen mich trösteten und mir sagten, sie könnten es nicht verstehen, es tue ihnen leid und sie wünschten mir alles Gute.

Hat sich der Einsatz in der Politik im Rückblick für Sie persönlich gelohnt?

Meier: Es war eine bereichernde, schöne Zeit. Die Atmosphäre im Gemeinderat war stets gut. Und wir haben in den 16 Jahren einiges für Bergdietikon erreicht: Die Gemeinde verfügt über ein «altersgerechtes Wohnen», um das uns viele andere beneiden; die Finanzen sind wieder im Lot, mein Nachfolger kann eine sehr gesunde Gemeinde übernehmen; wir haben sehr viel für eine moderne Schule getan; die Infrastruktur ist gut erhalten, und die Hypothek des Landes «Rai» kommt einer Lösung zu; es wird ein Golfplatz entstehen. Kurzum: Die Standortattraktivität der Gemeinde, die seit jeher hoch war, hat sich noch weiter verbessert. Wir alle können darauf stolz sein.

Was bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?

Meier: Da gäbe es so viel aufzuzählen. . . Viele menschliche Begegnungen - zum Beispiel bei Geburtstagen, die wir mit älteren Einwohnern gefeiert haben. Es gab aber auch grosse Events wie die Dorffeste, die Millenniumsfeier und noch so manches mehr. Es wäre unfair, einzelne Ereignisse besonders herauszupicken.

Gab es auch Rückschläge?

Meier: Natürlich. Es gab immer wieder Dinge, die man in Frage stellen musste. Ich habe beispielsweise sehr früh realisiert, dass unsere Finanzen nicht gesund waren. Es trug mir sicher einen Grundstock an Gegnern ein, dass ich in meinen ersten zehn Jahren als Finanzvorstand immer wieder gepredigt habe, dass es uns nicht so gut gehe, wie viele geglaubt haben. Ich musste im Gemeinderat zweimal eine Niederlage einstecken, als ich die Steuern erhöhen wollte und die jeweilige Finanzkommission nicht mitzog. Man hat sich immer wieder an die «Überschüsse» geklammert. Dass die notwendig sind um die Investitionen zu finanzieren, wollen auch heute noch viele nicht einsehen. Aber: In der Politik gibt es zwangsläufig Erfolge und Misserfolge. Es ist ein Geben und Nehmen. Entscheidend ist, dass es immer vorwärts geht.

Und in Bergdietikon ging es vorwärts in den letzten Jahren?

Meier: Auf jeden Fall.

Wie steht Bergdietikon heute da im Vergleich zu jener Zeit, als Sie in die Gemeinde gezogen und in die Politik eingestiegen sind?

Meier: Unsere Standortattraktivität hat sich klar verbessert. Wichtig ist aber nicht nur die Sicht auf die Gemeinde. Der regionale Aspekt war für mich immer von grosser Bedeutung. Ich war als Gemeindeammann in drei Planungsgruppen aktiv. Es ist enorm wichtig, dass wir uns regional vernetzen: Nur ein starkes Limmattal ermöglicht ein starkes Bergdietikon. Unser Interesse muss es sein, dass die Region insgesamt, das ganze Limmattal von Schlieren bis Baden, prosperiert. Das heisst aber auch, dass nicht alles verbaut wird. Die Lebensqualität muss geschützt und weiter gepflegt bleiben.

Was erwarten Sie von Ihren Nachfolgern im Gemeinderat?

Meier: Neue Ideen wurden propagiert, jetzt bin ich gespannt, wie diese aussehen. Schauen wir, wie die neue Transparenz aussehen wird und wie die neuen Kräfte mehr Einwohner an die Gemeindeversammlungen bringen werden. Aber es ist sicher nicht an mir, Erwartungen zu formulieren. Ich hoffe ganz einfach, dass unsere schöne Gemeinde weiterhin gut geführt werden wird.

Sie haben, gegen Ihren Willen, ab neuem Jahr viel Freizeit erhalten. Was machen Sie damit?

Meier: Es wird etwas dauern, bis sich das eingespielt hat. Bis Ende Jahr bin ich noch Gemeindeammann. Danach werden wir bestimmt etwas mehr reisen. Ich werde mehr Zeit haben für die Familie, für meine Frau, die in den letzten Jahren auf einiges verzichten musste. Da gibt es einiges, was wir nachholen können. Mir wird es nicht langweilig werden.

Sie bleiben in Bergdietikon?

Meier: Ja.

Aber mit der Politik ist Schluss?

Meier: Ja. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass diejenigen, die zurücktreten - ob freiwillig oder nicht - sich nicht mehr einmischen sollten. Ich werde das politische Geschehen mit Interesse weiter verfolgen, aber wohl nicht mehr aktiv eingreifen.