Bildung

Statt Massenschlag drei-Sterne-Doppelzimmer: Fürs Schullager ins Hotel

Immer häufiger wählen Lehrer eine Unterkunft mit Rundum-Service fürs Schullager aus. Sind unsere Kinder zu verwöhnt?

Neulich in Chiasso: Die Gäste des Hotels Mövenpick Touring staunen nicht schlecht, als mit ihnen die Junioren einer ganzen Fussballmannschaft einquartiert werden.
Doppelzimmer für 12-Jährige im DreiSterne-Hotel statt Massenschläge und Selbstversorgerküche – nicht nur Jugendvereine ziehen das Hotel immer häufiger den einfachen Gruppenunterkünften von früher vor.

Immer öfter ziehen auch ganze Schulklassen das Hotel den Massenschlägen vor. Die Gäste des Sporthotels Knobelboden in den Flumserbergen SG teilen die Gänge und Speisesäle während der Wintersaison mit Unter- und Oberstufenschülern und ihren Lehrern. Für 49 Franken pro Kind und Tag gibt es im Knobelboden Vollpension. Die Schüler haben die Wahl zwischen Doppel- und Viererzimmern. Ihre Mithilfe ist dabei kaum gefragt. «Sie müssen am Morgen nur ihre Betten machen und nach dem Essen den Tisch abräumen», sagt Knobelboden-Geschäftsführerin, Martina Gubser.

Schulklassen füllen leere Hotels

Sind die Zeiten, in welchen unsere Kinder im Lager mitkochen und abwaschen mussten nun etwa vorbei?

Immer mehr. Der «Nordwestschweiz» liegen von der Vermittlungsplattform für Gruppenunterkünfte groups.ch ausgewertete Zahlen vor: Zwar entscheidet sich die grosse Mehrheit der Gruppen nach wie vor für eine Unterkunft ohne Inklusiv-Verpflegung. Der Anteil derjenigen Gruppen, die sich in der Unterkunft verpflegen lassen, bewegt sich bei knapp 20 Prozent.

Wer die Zahlen jedoch weiter aufschlüsselt und nur die Schullager allein betrachtet, der erkennt einen deutlichen Trend: Immer häufiger wählen Lehrer eine Unterkunft mit Halb- oder sogar Vollpension. Wählten im Jahr 2011 noch 14,6 Prozent eine Unterkunft mit Verpflegung, sind es im laufenden Jahr bereits über 16 Prozent. Weiter zurückliegende Zahlen, die mit denjenigen der letzten fünf Jahre vergleichbar wären, existieren nicht.

Von der «Nordwestschweiz» angefragte Fachpersonen bestätigen den Trend. Jürg Brühlmann ist Leiter Pädagogik beim schweizerischen Lehrerverband. Er sagt: «Vereinzelte Schulklassen haben schon vor 30 Jahren ihre Schullager in Hotels verbracht. Heute füllen aber mehr und mehr Klassen die Hotels und sorgen so für eine gute Auslastung in schwierigen Zeiten.»

Ole Rauch von der Schneesportinitiative, einem von der Schneesportindustrie, vom Bundesamt für Sport (Baspo) sowie vom Lehrerverband getragenen Verein, bestätigt: «Auch wir stellen diesen Trend fest. Es geht in die Richtung, dass Lehrer immer häufiger Vollpension buchen für ihre Schneesportlager, weil sie immer mehr Schwierigkeiten haben, freiwillige Co-Leiter, Betreuer und Helfer zu finden, die die Kinder ins Lager begleiten und etwa beim Kochen mithelfen.»

Für die Lehrer ist der Aufwand, mit dem das Lagerleiten verbunden ist, stetig gewachsen, weil sich kaum noch Eltern finden lassen, die bereit sind, ihre Ferien fürs Lager zu opfern. Dieser Befund hängt eng mit der abnehmenden Bereitschaft für Freiwilligenarbeit zusammen.

Kinder in der Konsumspirale

Brühlmann vom Lehrerverband nennt einen zweiten Grund: «Viele Gemeinden haben bereits vor geraumer Zeit damit begonnen, ihre gemeindeeigenen Gruppenunterkünfte in den Ferienregionen abzustossen.» Hinzu komme, dass einst einfache Unterkünfte wie die Jugendherbergen heute mit einem Rundumservice aufwarteten, der demjenigen eines Hotels in nichts mehr nachstehe.

Er erkennt einen deutlichen Zusammenhang: «Der Service wurde auch in einfachen Unterkunftsarten verbessert. Mit dem wachsenden Angebot schufen die Betriebe eine wachsende Nachfrage.»

Über diese Entwicklung mag sich Brühlmann nicht freuen. Er, ganz der Pädagoge, findet: «Es wäre besser, wenn die Kinder mithelfen müssten, etwa beim Kochen, beim Abwaschen oder beim Putzen. Fällt das weg, ist das ein pädagogischer Verlust, denn mit dem Rundumservice im Lager nimmt man den Kindern eine Erfahrung weg.» Die Folge dieses Rundumservices, der nun auch in den Schullagern Einzug hält: Ob Fussball-Junior oder Schüler – die Kinder bekommen immer mehr das Gefühl, konsumieren zu können.

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