Interview

Stapferhaus-Ausstellung bewegt die Massen: «Es gibt ein Bedürfnis, über das Thema Heimat nachzudenken»

© Sandra Ardizzone

Sibylle Lichtensteiger, Leiterin des Stapferhauses Lenzburg, sagt, was das grosse Interesse an der aktuellen Ausstellung mit der Globalisierung zu tun hat.

Frau Lichtensteiger, die Ausstellung «Heimat» boomt. Erwarteten Sie das?

Sibylle Lichtensteiger: Wir stellten bei den Recherchen im Vorfeld fest, dass alle gerne über das Thema Heimat reden. Das Thema öffnet die Herzen, ist am Puls der Zeit. Wir stellen aber auch fest, dass Heimat inzwischen von allen Seiten instrumentalisiert wird – von der Politik bis zur Werbung.

Wer kommt an die Ausstellung?

Die Ausstellung zählte bis jetzt über 50 000 Besucher. Spannend ist: Es kommt nicht nur das klassische Kulturpublikum, sondern ein sehr breites Publikum: von der Genfer Feuerwehr über das Team der Kläranlage Schöftland bis hin zum Migrationsamt aus Wil.

Wieso elektrisiert das Thema so sehr?

Es gibt ein Bedürfnis, über das Thema Heimat nachzudenken. Die globalisierte Welt wirkt bedrohlich mit ihrem rasanten sozialen Wandel. Es findet eine Entfremdung statt. Der deutsche Journalist und Autor Harald Martenstein sagt es treffend: In einer solch schnelllebigen Zeit verliert man mit jedem Älterwerden ein Stück Heimat. Wenn man im eigenen Dorf vor dem Billettautomaten steht und nicht mehr weiss, wie man ein Billett bekommt, ist einem die eigene Welt fremd geworden. Das führt zu einem Bedürfnis nach einem verklärten und intakten Heimatbild, das es nie gab und auch nie geben wird. Das erinnert an die Romantik.

Weshalb?

Der Begriff Heimat war einst juristisch. Die tiefgreifende Umgestaltung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse führte aber im Verlaufe der Industrialisierung zu einem Gefühl der Entfremdung. Es kam zu einer Verklärung der Heimat. Sie wurde emotionalisiert und idealisiert. Heute geschieht wieder etwas Ähnliches. 50 Prozent der Leute sagen, sie hätten Angst, Heimat zu verlieren.

Ist die Schweiz die Heimat für die Besucher?

Sie meinen mit Heimat nicht in erster Linie die Schweiz als Nation. Wer Schweiz sagt, denkt vor allem an die Schweizer Landschaft, in die er hineingeboren wurde, an ihre Berge, Seen und Wälder. 94 Prozent der 1000 Befragten haben die Landschaft als Heimat bezeichnet. Höher war der Wert mit 95 Prozent nur bei den Menschen. Ein Ort auf der Landkarte folgt erst an fünfter Stelle.

Warum ist Landschaft so wichtig?

Die Schweizer Landschaft wird überhöht. Es geht um eine Idee. Es ist spannend, dass derart viele Menschen Berge als ihre Heimat bezeichnen, obwohl diese gar nicht zu ihrem Alltag gehören. Da herrscht übrigens Konsens von Links bis Rechts, von Jung bis Alt, von Städtern bis zu Landbewohnern. Das hat wohl mit einer kollektiven Identität zu tun.

Das Europa-Barometer des GfS zeigt: Nicht mehr das Dorf ist Angelpunkt des Lebens, sondern die Schweiz.

Das hat mit der zunehmenden Mobilität zu tun. Auch ich würde nicht die Einfamilienhäuser von Aardorf, wo ich aufwuchs, als Heimat bezeichnen. Der Geburtsort verliert an Kraft, weil man den Ort oft wechselt, in dem man lebt und arbeitet. Die Schweiz hingegen steht mit ihrer Natur und den Bergen als Symbol für Stabilität und Geborgenheit. Sie verkörpert den Wunsch nach einem Rückzugsort. Wer an Heimat denkt, sieht keine Baustellen, Autobahnen, Einfamilienhäuser. Kein verbautes Mittelland. Sondern Berge, Seen und Wälder. Er idealisiert.

Die Umfrage zeigt auch, dass sich nur 11 Prozent der EU zugehörig fühlen.

Das ist in unserer Umfrage ähnlich. Hier sind es nur 7 Prozent. Dasselbe gilt aber auch für einen Kanton. Beides sind abstrakte Konstrukte, die es nicht geschafft haben, sich emotional aufzuladen.

Ihre Umfrage zeigt, dass vor allem Junge, Linke und Gebildete in der EU eine Heimat sehen.

Der Soziologe Harald Welzer sagt in der Ausstellung, die EU stehe vor allem für die Globalisierung, eine Welt, die für gut gebildete und verdienende Kosmopoliten einen Reiz hat. Für alle anderen bringt die Globalisierung eher Heimatlosigkeit.

Was ist das Eindrücklichste bei der Ausstellung?

Heimat hat auf politischer Ebene etwas Ausschliessendes, und Trennendes, betont Grenzen. Es gibt auch dieses Bedürfnis, den Urzustand zu bewahren, zu verlangsamen, den Wohlstand zu schützen. An der Ausstellung selbst zeigt sich aber vor allem etwas anderes.

Was?

Das Reden über Heimat schafft viel Verständnis und Gemeinsamkeit. Jenseits der politischen Debatten und über die Landesgrenzen hinaus scheinen Menschen sehr ähnliche Bedürfnisse und Erinnerungen an Heimat zu haben.

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