Interview
SRG-Boss Marchand: «Uns würden nur Monate bleiben, um allen 6000 Mitarbeitern zu kündigen»

Als SRG-Generaldirektor keine zwei Monate im Amt, muss Gilles Marchand wegen der No-Billag-Initiative bereits um das Überleben des Unternehmens kämpfen. Ein Gespräch über Gratiskultur, verängstigte Mitarbeiter und Tessiner.

Jacqueline Büchi und Maurice Thiriet
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SRG-Generaldirektor Gilles Marchand erklärt am 6. Oktober 2017 in Bern vor Journalisten seinen Plan.

SRG-Generaldirektor Gilles Marchand erklärt am 6. Oktober 2017 in Bern vor Journalisten seinen Plan.

Keystone

Herr Marchand, angenommen, Spanien hätte die SRG: Würden sich die Katalanen trotzdem abspalten wollen?

Gilles Marchand: Eine interessante Frage ... es ist zumindest symptomatisch, dass Radiotelevisión Española fast alle Sendungen von Madrid aus produziert.

Ist sicher auch günstiger, würde der gemeine SRG-Gegner sagen.

Schon, aber vielleicht wäre TVE gut beraten, mehr Studios in Katalonien und im Baskenland zu eröffnen. Schaden würde es dem nationalen Zusammenhalt sicher nicht, und wenn man nur auf die Kosten schaut, dann dürfte eine Abspaltung Kataloniens Spanien deutlich mehr kosten als ein paar zusätzliche Studios.

Sie behaupten mit globaler Gültigkeit: Nur Öffentlich-Rechtliche kitten Nationen zusammen? Ohne SRG bald Tessiner Separatismus?

(Lacht) So weit würde ich nicht gehen. Aber ich glaube schon, dass die SRG mit Studios und Programmen in allen Landesteilen viel zum Wir-Gefühl in der Schweiz beiträgt. Wer in Zürich seine Gebühren zahlt, zahlt sie ja nicht nur für sich selber. Er garantiert damit, dass auch Leute ein vollwertiges TV-Programm bekommen, die nicht in einem starken Wirtschaftszentrum leben.

Wie zum Beispiel die Tessiner?

Zum Beispiel. Ich kämpfe für diese Idee einer Schweiz, die solidarisch ist, in vier Sprachen denkt und arbeitet. Die SRG hat kein Monopol auf den nationalen Zusammenhalt. Aber wir spielen eine Schlüsselrolle.

Das sehen nicht alle so. Tatsächlich könnte die SRG nach der No-Billag-Abstimmung in vier Monaten Geschichte, 6000 Mitarbeiter arbeitslos sein. Wie geht es Ihnen da?

Ich wusste, worauf ich mich einlasse ... ja, es steht viel auf dem Spiel: nicht nur für unsere Mitarbeiter, sondern für die ganze Schweiz. Es gibt keinen Plan B. Wir müssen diese Abstimmung gewinnen – und dann eine neue SRG angehen.

Was hat die alte SRG falsch gemacht, dass eine Annahme der No-Billag-Initiative nun plötzlich als realistisches Szenario gehandelt wird?

Nicht nur meine Vorgänger in der «alten SRG», wie Sie das nennen – ich sitze ja selber seit Jahren in der Geschäftsleitung ...

... was also haben Sie falsch gemacht?

Wir haben nicht genug gut erklärt, warum es uns braucht. Dazu kommt, dass sich unsere Gesellschaft grundlegend gewandelt hat. Es hat sich eine Gratiskultur etabliert. Ein Digital Native versteht nicht, warum er für etwas zahlen soll, das er selber nur wenig oder vielleicht gar nicht nutzt.

Jetzt ist also der Digital Native schuld? Also, dann kriegen Sie jetzt die Chance: Wir sind Digital Natives, erklären Sie uns, warum wir jährlich 400 Franken zahlen sollen, obwohl wir kein lineares Fernsehen gucken und kein Radio hören.

Die Geräte und die Programme sind ja nicht das Gleiche. Vielleicht hören Sie kein Radio und haben keinen grossen Bildschirm, aber Sie schauen sich vielleicht auf YouTube Inhalte an, die von der SRG bezahlt wurden ...

... selten ...

... und sind sich dessen vielleicht gar nicht bewusst! Ausserdem würde ich Ihnen sagen, dass Sie mit Ihren Steuern ja auch Schulen und Spitäler mitfinanzieren, obwohl Sie vielleicht noch keine Kinder haben und noch lange nicht im Spital liegen. Sie tun das, weil Sie solidarisch sind, weil es im Interesse der Gesellschaft und damit auch in Ihrem Interesse ist.

Das Spital und die Schule gibt es nicht ohne unsere Steuern, aber Informationen gibt es im Netz in Hülle und Fülle, Unterhaltung sowieso.

Ja, aber es gibt auch in der digitalen Welt «à boire et à manger», wie man auf Französisch sagt. Sehr gute und sehr schlechte Inhalte. Das weiss auch der Digital Native. Der Anspruch der SRG muss es sein, Inhalte zu liefern, besonders News, die clean, transparent und smart sind. Denen die Leute vertrauen können und die verständlich aufbereitet sind. Das ist ein Wert an sich, gerade in Zeiten von Fake News.

Wenn dieser Wert so hoch ist, dann sind die Leute sicher auch bereit, freiwillig dafür zu zahlen und die Gebühren wären gar nicht nötig. Haben die No-Billag-Initianten recht?

Nein! Da bin ich sehr klar: Es ist nicht möglich, die SRG bei einem Ja zu No Billag am Leben zu erhalten. Weder in der heutigen noch in einer anderen Form. Wir könnten heute weniger als 20 Prozent unseres Programms über Werbung finanzieren. Und dieser Anteil würde weiter schrumpfen, wenn die Sendungen, die wir heute zur Prime Time zeigen, wegfielen. Denn dann fallen auch die Marktanteile weg und die Werbepreise brechen ein.

Sie müssten ein wenig abspecken. Das müssen alle Medienmanager in der Schweiz, das können Sie auch.

Das wäre nicht Abspecken, sondern eine tödliche Hungerkur. Per Pay-TV liesse sich höchstens ein kleines, deutschsprachiges Angebot in Zürich finanzieren. In den anderen Sprachregionen ist das betriebswirtschaftlich schon rein aufgrund der kleinen Bevölkerungszahlen unmöglich. Der Markt ist zu klein, die Produktion zu teuer.

Wie schnell müssten Sie Ihre Leute auf die Strasse stellen und die Studios schliessen, falls Volk und Stände am 4. März Ja zu No Billag sagen?

Wir hätten wohl nur wenig Zeit, die Aktivitäten kontrolliert herunterzufahren. Uns blieben nur Monate, um allen 6000 Mitarbeitern zu kündigen. Im Rahmen eines Sozialplanes natürlich. Es würde auf jeden Fall rasch sehr schwierig, unsere Leistung aufrechtzuerhalten.

Deswegen twittern SRF-Moderatoren wie wild, die Kader Ihrer Produktions-Tochter TPC rufen die Mitarbeiter zu Spenden im Abstimmungskampf auf. Wie soll man Ihnen so eine ausgewogene Berichterstattung zu No Billag abnehmen?

Wir haben intern klar kommuniziert, dass wir keine Kampagnen dulden. Aber die aktuelle Situation ist nicht einfach für unsere Mitarbeiter, viele haben berechtigterweise Angst. Täglich erreicht sie sehr starke, teilweise unschöne Kritik. Da sollen sie sich wehren und erklären dürfen. Ganz wichtig ist mir, dass die Berichterstattung auf dem Sender auch zu No Billag absolut neutral und ausgeglichen daherkommt.

Mit Spannung wird erwartet, welche Parole die SVP Schweiz fasst. Die Zürcher Sektion sprach sich grossmehrheitlich für ein Ja zu No Billag aus, auch Christoph Blocher hegt Sympathien für die Initiative. Womit rechnen Sie?

Ich glaube, nur ein Teil der SVP will mit solcher Radikalität gegen die SRG vorgehen. Es gibt auch Schwergewichte in der Partei, die gegen No Billag sind. Das müssen die SVP-Mitglieder mit sich selbst ausmachen.

Und wenn Sie gewinnen, wollen Sie also eine neue SRG erschaffen. Wie soll die aussehen?

Ja, nach dem 4. März beginnt mein eigentlicher Job – sofern wir diese Abstimmung gewinnen. Ich will dieses Unternehmen neu denken, neue Ideen einbringen. Wir müssen uns fragen: Was produzieren wir morgen, wie tun wir es, und wo könnten wir mit den Privaten zusammenarbeiten?

Die Privaten wollen aber nicht mit Ihnen zusammenarbeiten. Sehen Sie das nicht?

Das stimmt nicht. Einige tun es bereits und man kann noch mehr machen.

Was?

Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass wir unsere Regionalinhalte mit den Kollegen von den privaten Stationen teilen. Wir haben schon solche Kooperationen gemacht in der Westschweiz. In einer Welt, die immer internationaler und immer vernetzter ist, stehen wir als SRG nicht in Konkurrenz zu den lokalen Sendern, sondern zu jenen im Ausland. Damit wir schlagkräftig bleiben, müssen wir zusammenspannen.

Das ist die Appeasement-Strategie von Roger De Weck und sie interessiert, wie gesagt, die Privaten nicht. Im Gegenteil. Die sind stinksauer, weil die SRG in der Werbeallianz Admeira mit der Swisscom zusammenarbeitet. Die muss weg, sonst nützt alles nichts.

Es ist nicht mein Plan, aus Admeira auszusteigen. Auf jeden Fall möchte ich die Gespräche mit den privaten Verlegern fortführen. Und wir bleiben offen für neue Partner.

Warum verzichten Sie nicht wenigstens als Geste auf ein paar Sender, mit denen die SRG in den letzten Jahren die Privaten bedrängt? Denken wir zum Beispiel an SRF 4, Virus, Radio Swiss Jazz ...

Wir haben seit zehn Jahren keinen neuen Sender lanciert. Zudem ist es nicht zielführend, über die Anzahl Kanäle zu reden. Entscheidend sind die Inhalte, und dort müssen wir zwangsläufig Abstriche machen. Auch, weil unsere Gebühreneinnahmen ab 2019 plafoniert werden. Wir müssen ein Sparpaket von 50 Millionen Franken schnüren.

Es wird sicher nicht gejammert, jetzt. Dank der Zuwanderung steigt die Gebührensumme seit Jahren ...

... kein Gejammer, einfach eine Tatsache. Die Gebühren werden plafoniert, eingefroren...

... und auf das heutige Gesamtbudget der SRG gerechnet sind 50 Millionen etwa ... 3 Prozent!

Mit den letzten Sparübungen, die wir 2016 gemacht haben, sind wir dann schon bei 5 Prozent. Und weil auch unsere kommerziellen Einahmen rückläufig sind, sind es noch mehr. Richtig, diese Millionen sind nicht existenziell für uns, aber wir werden sie spüren. Fakt ist: Wir müssen sparen, um unsere Kosten weiter decken zu können.

Und wo wollen Sie inhaltlich hin?

Darüber können wir sprechen, wenn ein Abstimmungsresultat vorliegt.

Wie vor der RTVG-Abstimmung verschieben Sie die Service-Public-Debatte auf nach der Abstimmung? Ist das schlau? Es war damals schon knapp.

Auch wenn gewisse Leute mantramässig das Gegenteil behaupten: Wir beteiligen uns laufend an der Service-Public-Diskussion! Welches Unternehmen spricht so viel über seine eigenen Aktivitäten wie die SRG? Ich weiss es wirklich nicht. Und den Fahrplan der politischen Diskussion über Umfang und Art des Leistungsauftrags bestimmt nicht die SRG, sondern der Bundesrat. Wir können nicht im Alleingang vor den Abstimmungen das Gesetz über den Leistungsauftrag diskutieren, wie Ihnen das offenbar vorschwebt.

Das ist natürlich richtig. Versuchen wir es also mit einem konkreten Vorschlag, der die Zürcher dazu bringen könnte, lieber für die Tessiner mitzuzahlen?

Ich höre.

Könnte man die Fressbeizen- und Schwingfest-Dichte im Programm ein wenig lichten? In der Deutschschweiz fährt SRF seit Jahren ein klischiertes Swissness-Programm, das mit der Realität der urbanen Bevölkerung nichts zu tun hat.

Ich bitte Sie! Von einem einseitigen Swissness-Kurs kann keine Rede sein. Dass wir über Schweizer Traditionen berichten, macht doch einen Teil unserer Legitimität aus. Wir produzieren sehr wohl auch Angebote für junge, urbane Leute. Vielleicht sollten Sie sich unsere Programm doch etwas öfters anschauen.