Analyse
Sexuelle Belästigung bei der SRG: Fernsehchefin Wappler crasht den «Club»

Die Diskussion im «Club» über die sexuellen Belästigungen beim Westschweizer Fernsehen verläuft animiert. Bis TV-Direktorin Nathalie Wappler die Sendung unnötigerweise unterbricht.

Francesco Benini
Francesco Benini
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Plötzlich auf Sendung: Fernsehchefin Nathalie Wappler.

Plötzlich auf Sendung: Fernsehchefin Nathalie Wappler.

SRF

Nach einer halben Stunde unterbrach Moderatorin Barbara Lüthi die Diskussion. Leider. Eingespielt wurde ein Interview mit der Fernsehdirektorin Natalie Wappler. Sie erzählte, wie wirkungsvoll das Schweizer Fernsehen Fälle von sexueller Belästigung ahnde. Und wie gezielt SRF Frauen fördere. Schade nur, hatte die Leiterin der Fachredaktion Literatur, Esther Schneider, ein paar Stunden zuvor ihren Abgang bekanntgegeben.

Mit ihrer unnötigen Intervention wollte sich Wappler im «Club» profilieren. Anders als in der Westschweiz und im Tessin läuft am Leutschenbach alles bestens - so ihre Botschaft. Mitarbeiterinnen werden hier nicht sexuell belästigt.

Es lag an der Diskussionsteilnehmerin Michèle Binswanger, Journalistin bei Tamedia, zu erklären, warum das so ist. Nach einem schweren Fall von Belästigung wurde bei SRF eine Stelle eingerichtet, an die sich jede und jeder wenden kann, der eine Beschwerde vorbringen will. Die Massnahme, lange vor Wapplers Amtsantritt angeordnet, erwies sich als wirksam.

Rothenbühler sieht das Problem nicht, Cina verspricht Besserung

Der «Club» zu den Belästigungen beim Westschweizer Fernsehen war geprägt von den Provokationen Peter Rothenbühlers - dem vormaligen Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten» und des «Matin» - und der Zerknirschung Jean-Michel Cinas, des Präsidenten der SRG.

Rothenbühler warf ein, dass sich Frauen wehren könnten, wenn sie blöd angegangen würden. Das zeige seine lange berufliche Erfahrung auf Redaktionen. Für Rothenbühler ist Gilles Marchand ein Opfer, das nun über alle Massen «gebasht» werde. Von der «Exekution» Darius Rochebins ganz zu schweigen. Die Vorwürfe gegen den Starmoderator liessen sich nicht erhärten.

Gilles Marchand war Chef von RTS, als sich im Genfer Medienhaus Fälle von Belästigungen zutrugen. Seltsamerweise fiel es dem SRG-Präsidenten Cina zu, Rothenbühler daran zu erinnern: Drei Mitarbeiter verlassen nun RTS, weil in den Untersuchungen die Belästigungen bestätigt wurden. Ausserdem wurde einer gerügt. Und Marchand hat sich dafür entschuldigt, dass er einen Fall ungenügend abgeklärt hat.

Priscilla Imboden, Co-Präsidentin der Mediengewerkschaft SSM, betonte: Für eine Angestellte kann es schwierig sein, sich zur Wehr zu setzen, wenn es ein Vorgesetzter ist, der sie belästigt. Oder wenn Kolleginnen, die sich wehren, mit Nachteilen rechnen müssen. Wenn mit anderen Worten das Betriebsklima nicht stimmt, Belästigungen nicht sanktioniert werden und Anzüglichkeiten alltäglich sind, ohne dass jemand interveniert. So scheint es auf der Redaktion des Westschweizer Fernsehens gewesen zu sein, über Jahre. Jean-Michel Cina versprach siebenmal, dass sich das nun ändere.

Sexismus, wo keiner ist

Am interessantesten war die Diskussion, als Peter Rothenbühler plötzlich Unterstützung bekam, und zwar von Michèle Binswanger. Moderatorin Barbara Lüthi wollte von ihr wissen, warum sie den offenen Brief der Tamedia-Journalistinnen nicht unterschreibe; die Redaktorinnen hatten Sexismus auf der Redaktion kritisiert. Weil in diesem Schreiben Kraut und Rüben durcheinandergebracht würden, meinte Binswanger.

Da gebe es einerseits Respektlosigkeiten, die nicht zu tolerieren seien. Aber wenn ein männlicher Journalist kritisiere, dass die Artikel über den Frauenstreik zu lange oder langweilig gewesen seien, habe das mit normaler journalistischer Arbeit zu tun, nicht mit Sexismus.

Binswanger vermutet, dass einige Kolleginnen vielleicht dünnhäutig seien, weil bei den Beförderungen Frauen oft übergangen würden. Das führe zu einer gewissen Frustration. Es braucht in den Medienunternehmen mehr Frauen in Kaderpositionen - da waren sich alle Gesprächsteilnehmer des «Club» einig.

Wobei das dann nicht dazu führen muss, dass die Chefin eines öffentlichen Senders eine angeregte Fernsehdiskussion mit einem Interview unterbricht, auf das niemand gewartet hat.