Die Schweizer Sozialdemokraten dürfen anders als in Europa auf stabile Wähleranteile zählen. Vorbei sind zwar die 1930er-Jahre, als die SP an der 30-Prozent-Marke kratzte. Doch seit 2007 ist ihr Wähleranteil auf nationaler Ebene relativ konstant, und das trotz Konkurrenz durch die politisch ähnlich positionierten Grünen. Stets bewegt sich die SP um die 19 Prozent, im jüngsten Wahlbarometer kommt sie auf 19,3 Prozent. Im Vergleich zu anderen Ländern Europas ist die Schweiz damit beinahe zur SP-Hochburg avanciert.

SP-Vizepräsidentin Barbara Gysi sagt: «Die Konstanz der SP hängt mit unserer Politik zusammen: Wir nehmen linke Positionen ein und haben dadurch ein klares Profil.»

Der deutschen Schwesterpartei wurde die Zusammenarbeit mit Angela Merkels Union zum Verhängnis. «Die SPD ist für viele Wähler nicht mehr erkennbar, weil sie in die Grosse Koalition eingebunden ist», sagt Gysi. «Die SPD wird mit der Bundesregierung gleichgesetzt.» In der Schweiz sei das anders: «Wer Veränderungen will, muss in anderen Ländern die Opposition wählen. In der Schweiz wissen die Wähler auch, dass sich etwas bewegt, wenn sie ihre Stimme der SP geben.»

Eine Besonderheit des politischen Systems der Eidgenossenschaft ist, dass alle Bundesratsparteien gleichzeitig an der Regierungsverantwortung beteiligt sind und eine Oppositionsrolle einnehmen können. Die SVP etwa attackiert mit der Initiative zur Kündigung der Personenfreizügigkeit die Zuwanderungspolitik jener Regierung, in der sie selbst zwei Vertreter stellt.

Regierungs- und Oppositionskraft zugleich

Ähnliches macht die SP, wenn sie mit einer Prämienverbilligungsinitiative in jenen Politikbereich eingreift, den mit Alain Berset einer ihrer Bundesräte verantwortet. Dieser Mechanismus erlaubt es den Parteien, Kompromisse einzugehen, ohne dass sie zu sehr an Profil einbüssen. Selbst ein Richtungsstreit schade der Partei nicht, findet die St. Galler Nationalrätin, die selbst aus dem Gewerkschaftsflügel kommt und nach dem Amt der Präsidentin des Gewerkschaftsbunds strebt: «Die Flügeldiskussionen nutzt unsere Partei, um ihre Position zu schärfen.»

Allerdings mussten die Sozialdemokraten jüngst auch Niederlagen einstecken. In der Zentralschweiz etwa stellen sie nur noch im Kanton Uri einen Regierungsrat, während sie in Luzern und Zug aus der Exekutive gefallen sind. Das liegt indes primär an loka- len Fehlern bei der Kandidaten- und Strategiewahl.