Einvernahmeprotokolle zeigen: Wie Fifa-Generalsekretär Urs Linsi im «Sommermärchen» zwischen die Fronten geriet

Heute beginnt der Strafprozess um die Fussball-Weltmeisterschaft von 2006. Urs Linsi, der damalige Fifa-Generalsekretär, ist der einzige Schweizer auf der Anklagebank. Einvernahmeprotokolle dokumentieren, wie er seine Rolle zu erklären versucht.

Andreas Maurer
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Ein Bild aus besseren Zeiten: der damalige Fifa-Präsident Sepp Blatter (l.) und Urs Linsi.

Ein Bild aus besseren Zeiten: der damalige Fifa-Präsident Sepp Blatter (l.) und Urs Linsi.

Bild: Steffen Schmidt/Keystone (Zürich, 12. Mai 2006)

Urs Linsi, 70 Jahre alt, möchte eigentlich seinen Ruhestand geniessen. Diesen verbringt er im Engadin, nachdem er die meiste Zeit seines Lebens im Aargauer Städtchen Zofingen gelebt hat. Er könnte sich zurücklehnen und auf seine Karriere zurückblicken mit Stationen bei der Grossbank Credit Suisse, dem Weltfussballverband Fifa und dem Fussballverein GC.

Doch heute Montag wird der Altfunktionär von der Schattenseite seines Berufslebens eingeholt: Er muss sich vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona verantworten. Es geht um die Fussballweltmeisterschaft von 2006, die wegen ihrer ausgelassenen Stimmung als «Sommermärchen» galt.

Ex-OK-Präsident Franz Beckenbauer.

Ex-OK-Präsident Franz Beckenbauer.

Matthias Schrader / AP/AP, 14.7.2013, München

Erst 2015 wurde über den «Spiegel» publik, dass die Finanzierung nicht sauber war. Franz Beckenbauer, der Präsident des deutschen Organisationskomitees, hatte zehn Millionen Franken an einen korrupten Fifa-Funktionär aus Katar gezahlt. Die Summe hatte er sich beim inzwischen verstorbenen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus geliehen. Linsi kam ins Spiel, als es um die Rückzahlung des Darlehens ging. Als Generalsekretär der Fifa stellte er ein Konto zur Verfügung, um den Geldfluss zu verschleiern.

Das mysteriöse Treffen in einer abgedunkelten Villa

Die Vorgänge sind bis heute nicht restlos aufgeklärt, weil die Involvierten schweigen oder sich nicht erinnern können. Auch der damalige Fifa-Präsident Sepp Blatter macht Erinnerungslücken geltend. Linsi hingegen gibt an, sich noch ganz genau zu erinnern. Einvernahmeprotokolle dokumentieren, wie er seine Geschichte erzählt, wie er Blatter belastet und wie er sich als Opfer statt als Täter darstellt.

Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus.

Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus.

Keystone, 13.3.2006, Marseille

Linsis Geschichte beginnt harmlos. Auf Anweisung von Blatter habe er Louis-Dreyfus im Sommer 2004 getroffen: «Ich bin in Basel in ein Hotel gefahren worden, in dem Beckenbauer und Louis-Dreyfus in der Lobby sassen und sich unterhielten. Ich habe zugehört und bin dann ins Stadion zum Fussballspiel gefahren. Es war nur Smalltalk.»

Doch wie Linsi zwei Wochen später realisierte, war das Meeting in Basel nicht Business as usual, sondern die Vorbereitung für ein klandestines Treffen. In seinem Büro fand er bei der Liste der Tagesanforderungen eine Notiz seiner Sekretärin, er solle sich nochmals mit dem Adidas-Boss verabreden. Blatter habe ihm nur gesagt, das Thema sei kompliziert und er dürfe mit niemandem darüber sprechen. Zudem solle er aus Gründen der Diskretion nicht den Fifa-Wagen mit Fahrer nehmen, sondern mit dem eigenen Auto selber hin fahren, und sich nach dem Termin umgehend wieder bei Blatter melden. Als Blatter später von der Bundesanwaltschaft damit konfrontiert wird, sagt er: «Kann ich mich nicht erinnern. Absolut nicht.»

Linsi fuhr wie angewiesen zur Villa an der Zürcher Goldküste. Louis-Dreyfus habe ihn trotz des sommerlichen Wetters sofort ins Haus geführt und alle Fenster und Türen verschlossen. Dann erklärte er ihm sein Problem: Beckenbauer schulde ihm zehn Millionen, zahle das Geld aber nicht zurück und auch der Deutsche Fussballbund (DFB) fühle sich auch nicht zuständig. Blatter habe jedoch gesagt, dass die Fifa helfen könne. Linsi gab an, nichts davon zu wissen, sich aber um die Angelegenheit zu kümmern.

Zurück in Zürich habe er Blatter alles berichtet und mitgeteilt, die Fifa könne dafür keine eigenen Gelder einsetzen. Diesen Standpunkt vertrat Linsi auch in Verhandlungen mit dem DFB, worauf diese versandeten. Blatter habe ihm «Obstruktion» vorgeworfen. Blatter in der Einvernahme: «Also das Wort Obstruktion kommt mir irgendwie spanisch vor.»

Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Boris Roessler / dpa, 13.8.2019, Diez

Im März 2005 rief plötzlich Theo Zwanziger, der neue DFB-Präsident, Linsi an. Das sei ungewöhnlich gewesen, da die Kommunikation normalerweise von Präsident zu Präsident und von Generalsekretär zu Generalsekretär lief.

Linsi schildert, wie er unter Druck geraten sei. Blatter und Zwanziger hätten auf eine rasche Rückzahlung gedrängt. Gleichzeitig habe Louis-Dreyfus einen Anwalt eingeschaltet und Beckenbauer mit seinem Rücktritt als OK-Präsident gedroht, was für die geplante WM «den nahezu grössten anzunehmenden Unfall bedeutet hätte».

Am 27. April 2005 floss schliesslich das Geld. Das Datum ist von Bedeutung, weil die mutmassliche Straftat am 27. April 2020 verjähren würde. Der Deutsche Fussballbund überwies die Millionen auf ein Fifa-Konto, von wo sie am gleichen Tag zu Louis-Dreyfus weiterflossen. Dank diesem Fifa-Konto konnten die Deutschen in der eigenen Buchhaltung den Anschein erwecken, das Geld sei für die WM bestimmt. Bei der Deklaration des Verwendungszwecks war Kreativität gefragt: Der Betrag sei für einen LED-Teppich an der Eröffnungsgala vorgesehen, den angeblich «grössten Bildschirm der Welt». Solche Pläne gab es tatsächlich, doch realisiert wurden sie nie. Linsi war zufrieden, weil er die Millionen als durchlaufende Kosten verbuchen konnte. Rechtlich, steuerlich und buchhalterisch schien ihm alles in Ordnung.

Das war offenbar das Einzige, was für den Ex-Banker zählte. Er beteuert wie alle Angeklagten, die Hintergründe nicht gekannt zu haben. Dass sie nicht sauber waren, musste er allerdings zumindest geahnt haben.

Was er aber wohl tatsächlich nicht ahnen konnte: Die Deutschen verwenden seinen Buchhaltungstrick 15 Jahre später nun gegen ihn. Zwanziger, der ebenfalls wegen Betrugs angeklagt ist, schiebt die Schuld zur Fifa weiter. Diese habe die Millionen nicht wie im Verwendungszweck vom DFB deklariert verwendet.

Linsi gerät unverhofft in den Mittelpunkt des Prozesses

Blatter, der nur als Auskunftsperson befragt wird, nimmt Linsi in der Einvernahme in Schutz:

«Die Fifa oder den Fifa-Generalsekretär in die Schuld zu nehmen, das finde ich falsch. Das finde ich total falsch, weil er hat ja nur seinen Auftrag erfüllt.»

Linsis Kunst bestand darin, im richtigen Moment jeweils sichtbar oder unsichtbar zu sein. Doch im «Sommermärchen» gelingt ihm dies bis heute nicht. Eigentlich stehen im Prozess die drei deutschen Angeklagten um Theo Zwanziger im Mittelpunkt. Doch dieser entzieht sich der Show. Im Februar wurde er an den Augen operiert. Diese Woche wurde er wegen einer Entzündung wieder ins Spital eingeliefert. Einen weiteren Grund für eine Dispensation liefert die Corona-Welle im Tessin.

Linsi teilt über seinen Sprecher mit, dass er alle Vorwürfe vehement bestreite, aber voraussichtlich vor Gericht erscheinen werde. Er hat allerdings auch kaum eine Wahl: Während die Deutschen hinter der Grenze sicher sind, könnte die Polizei ihn im Engadin abholen.