Alpwirtschaft

«So kann es nicht weitergehen»: Wie der Wolf dem Älpler Willi Illien den Schlaf raubt

Älpler Willi Illien auf der Alp Tomül.

Älpler Willi Illien auf der Alp Tomül.

Weil der Wolf sich immer weiter ausbreitet, brodelt es in den Bündner Tälern, und über allem steht eine grosse Frage: wie viel Wildheit verträgt das Land?

Irgendwo da oben treiben sie sich herum. Streifen um die Felsen. Stellen sich ab und zu auf einen Grat, um ihn und seine Tiere zu beobachten. «Die Wölfe haben uns im Auge, ganz sicher», sagt Willi Illien und lässt den Blick schweifen, zu Berggipfeln und grüne Weiden, auf denen sich weisse Punkte tummeln. Der Wolf lässt dem Älpler keine Ruhe, Tag und Nacht denkt er an ihn. Und wenn er doch einmal Schlaf findet, dann wacht er bald wieder auf, obwohl er doch eigentlich so müde ist. So unglaublich müde.

Seit 27 Jahren schon kommt Willi Illien jeden Sommer auf die Alp Tomül, sie liegt in den Bündner Alpen, 2179 Meter über Meer, am Übergang vom Safien- ins Valsertal.

Hier treibt der Wolf sein Unwesen.

Hier treibt der Wolf sein Unwesen.

Zwei Ställe aus altem Stein, eine Hütte mit einer kleinen Küche und einem Wohnzimmer: das ist das Reich von Illien und seiner Frau, von Juni bis September.

Er sagt, seine Alp sei die schönste im ganzen Kanton. Aber er sagt auch, so wie jetzt könne es nicht weitergehen.

In der Surselva ist es ein Sommer wie kein anderer

Die Alp Tomül steht in einem kleinen Talkessel, grüne Weiden umrahmen sie und steile Felswände; über den Talboden zieht sich ein Bach. Vor ein paar Tagen klebte dichter Nebel über der Alp. Es war Nachmittag, gegen 16.30 Uhr, als es wieder passierte: ein totes Schaf auf der Weide, der Körper aufgerissen. Der Wolf, eindeutig. Bald fand Illien noch zwei weitere Tiere, am Leben zwar, aber schwer verletzt. Das eine mit tiefen Wunden in den Hinterbeinen. Das andere mit Bissspuren am Ohr.

Willi Illien fühlt sich für seine Tiere verantwortlich.

Willi Illien fühlt sich für seine Tiere verantwortlich.

Wenn die Bauern im Juni ihre Tiere Willi Illien anvertrauen, damit der sie über den Sommer auf die Alp bringt, dann werden diese Kühe und Schafe für ein paar Monate zu seinen Tieren. Der 68-Jährige will sie beschützen. Und wieder heil ins Tal zu bringen.

450 Schafe waren es dieses Jahr.

450 Schafe waren es dieses Jahr.

195 Rinder und Kälber hat er dieses Jahr über die steilen Pfade auf die Alp getrieben und 450 Schafe. Doch wenn er sich im Herbst auf den Weg zurück ins Tal macht, werden es weniger sein. 30 Schafe habe der Wolf ihm dieses Jahr schon genommen, sagt Illien - trotz der zwei Herdenschutzhunde, welche die Tiere beschützen sollen. So viele Schafe wie heuer hat Illien in all seinen Jahren auf der Alp Tomül zuvor zusammen nicht verloren.

Der Älpler steht an einem Pferch neben seiner Hütte; auf der anderen Seite des Zauns blöken Schafe.

Er trägt schwere Schuhe, ein Feldstecher hängt über der Schulter. Seine Haut ist sonnenverbrannt, der Bart lang und struppig. Illien ist ein rauer Mann, wenn er verärgert ist, schimpft er mit Menschen und Tieren. Aber wenn er über die Schafe spricht, die er heuer verloren hat, dann bricht seine Stimme. Dann hält er die Hand vors Gesicht, um die wässrigen Augen zu verbergen.

"So einen Sommer habe ich noch nie erlebt": Viermal hat der Wolf bei Willi Illien auf der Alp Tomül Schafe gerissen

"So einen Sommer habe ich noch nie erlebt": Viermal hat der Wolf bei Willi Illien auf der Alp Tomül Schafe gerissen

In all den vielen Jahren war der Wolf nie ein Thema für Illien. Doch nun prägt das Tier sein Leben, wühlt ihn auf. «Einen Sommer wie diesen habe ich noch nie erlebt», sagt er. Und das gilt nicht nur für ihn. Sondern auch für viele andere Bündner Bauern und Hirten. Denn die Zahl der Wölfe steigt im Kanton gerade rasant an. Christa Buchi ist die Präsidentin des kantonalen Älplervereins. «Wir sind angespannt und verunsichert», sagt sie.

Es müsse etwas passieren, und zwar bald.

Die Einstellung zum Wolf verändert sich

Keinen anderen Kanton hält der Wolf derzeit so in Atem wie Graubünden. Besonders gilt das für die Menschen in der Surselva, wo auch die Alp Tomül liegt. Martin Candinas, der Bündner CVP-Nationalrat, kennt die Gegend gut; er ist dort aufgewachsen und bis heute eng mit ihr verbunden.

Der Wolf sei ein riesiges Problem, sagt Candinas Er treibe die Leute aktuell gleich um wie Corona. Und fügt an, das solle aber nicht so verstanden werden, dass man das Virus nicht ernst nehme.

Wenn die Schweizer Bevölkerung Ende September über das neue Jagdgesetz abstimmt, das einen anderen Umgang mit dem Wolf vorsieht, dann geht es für viele Menschen in der Surselva und in anderen Berggebieten auch darum, wie ernst man unten in den Städten ihre Sorgen nimmt.

Auf Facebook gibt es seit Anfang Jahr eine Gruppe, die sich «Surselva Wolf» nennt, Mitgliederzahl aktuell: 1534. «Medel Lucmagn, Alp Gannaretsch: 6 Schafe durch Wolf gerissen», steht dort zum Beispiel; es ist einer von vielen solchen Einträgen. «Wo führt das noch hin», hat darunter jemand geschrieben. Die Gruppe ist entstanden, weil die Menschen in der Region sich lieber gegenseitig informieren, statt auf Behörden und Medien zu vertrauen. Das zeigt, wie es in der Surselva gerade zu und hergeht.

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Natürlich denken lange nicht alle in Graubünden so. Und doch ist etwas in Bewegung geraten. Den Wolf hat man im Bündnerland lange weniger feindselig betrachtet als im Wallis. Dort liess ein Nationalratskandidat schon 2015 den Slogan «Für ein Wallis ohne Wolf» auf sein Wahlplakat drucken. Die Bündner waren da lange gelassener, doch nun brodelt es im Kanton. Ein altes Bild flammt da und dort wieder auf: das des bösen Wolfs - ein wenig so, wie es im Märchen von Rotkäppchen transportiert wird. Und über allem schwebt eine grosse Frage, die für das ganze Land von Belang ist: Wie wild soll die Schweiz noch sein? Und was ist uns das wert?

Die schwierige Aufgabe des Wolfsmanagers

Der Weg von der Alp Tomül bis in die Kantonshauptstadt Chur ist weit, zwei Stunden zu Fuss, dann noch eine mit dem Auto. Dort sitzt Adrian Arquint in seinem Büro. An den Wänden hängen Zeichnungen von Gemsen und Steinböcken. Doch es ist der Wolf, der gerade Arquints Arbeitstage taktet.

Der 49-Jährige leitet das Bündner Amt für Jagd und Fischerei, und wahrscheinlich gibt es gerade im ganzen Kanton keinen undankbareren Job. Arquint ist der Mann, der den Wolf managen soll. Und das ist in diesem Jahr zu einer riesigen Aufgabe geworden. Vor zwei Wochen entdeckten Wildhüter im Albulatal ein weiteres Rudel; es ist das siebte insgesamt im Kanton und das dritte neue allein in diesem Jahr.

Ein Rudel Wölfe.

Ein Rudel Wölfe.

Als der Wolf in den 1990-Jahren nach über 100 Jahren wieder nach Graubünden zurückkehrte, glaubten die Behörden zuerst nicht, dass der Wolf bleiben wird. Und schon gar nicht, dass sich neue Rudel bilden würden in diesem Gebiet, das zuweilen wild und abgelegen wirkt, vom Menschen aber sehr intensiv genutzt wird. Heute sind im Kanton rund 60 Wölfe unterwegs, wenn man die Welpen mit einrechnet.

© CH Media

Vielleicht auch mehr. So genau kann das niemand sagen, selbst Adrian Arquint, der Wolfsmanager, nicht. «Wir wissen nicht alles, das geht auch gar nicht, wir haben es schliesslich mit einem scheuen, sehr anpassungsfähigen Wildtier zu tun», sagt er.

Nachts ist der Wolf gerne unterwegs.

Nachts ist der Wolf gerne unterwegs.

Die meisten Wölfe leben in der Surselva. Amtsleiter Arquint sagt, es handle sich um eine «völlig neue, einzigartige Entwicklung: der Wolf im kleinräumigen, strukturierten Raum, damit kennen wir uns noch nicht aus», sagt er. Die Region ist zu einem gewaltigen Freiluftlabor geworden. Die Bedürfnisse von Älplern, Bauern, Touristen prallen auf die eines wilden Tiers, das lange fast vollständig aus dem Land verschwunden war.

Die Idylle ist dahin.

Die Idylle ist dahin.

Adrian Arquint erlebt gerade, wie viel Zündstoff das birgt. «Die aktuelle Situation mit der schnellen Zunahme der Wolfspopulation ist schwierig und überfordert Landwirte und Gemeinden», sagt er. Er stellt fest, dass die Bereitschaft, mit dem Wolf zusammenleben, in Graubünden sinkt. Und er glaubt, dass diese Entwicklung auch in anderen Teilen der Schweiz bevorsteht, wenn der Wolf sich dort verbreitet.

Wie weiter also? Für Adrian Arquint ist klar: Kantone, in denen der Wolf sich ausbreitet, brauchen bessere Instrumente, um das Zusammenleben zu steuern. Damit meint der Amtsleiter auch die Möglichkeit, bei Wölfen mit problematischen Verhalten schneller eingreifen und den Wolfsbestand regulieren zu können.

Das neue Jagdgesetz sieht diese Möglichkeit vor. Unter bestimmten Bedingungen dürften die Kantone dann früher eingreifen und Wolfsrudel schon dann verkleinern, wenn Schaden erst droht - und nicht bereits entstanden ist. «Der Wolf darf sich nicht zu stark an den Menschen gewöhnen. Das können wir mit gezielten Eingriffen sicherstellen», sagt Arquint. Es gehe dabei keinesfalls darum, den Wolf auszurotten – sondern darum, die Bestände zu kontrollieren.

Beim Herdenschutz neue Wege gehen

Als das Jagdgesetz im Parlament behandelt wurde, gehörte Silva Semadeni zu jenen, die es am energischsten bekämpften.

Bis letztes Jahr sass Semadeni für die SP im Nationalrat. Ihr wichtigstes Thema war stets der Naturschutz; 16 Jahre lang stand sie an der Spitze von Pro Natura. Auch jetzt, mit 68 Jahren, treibt die Bündnerin das Thema noch um.

Semadeni sagt, es tue ihr sehr leid, was Älpler Illien auf der Alp Tomül widerfahren sei. Aber vom neuen Jagdgesetz hält sie nichts. Es gab eine Zeit, in welcher der Wolf in die Schweiz mit aller Macht verfolgt wurde, mit Gewehren, mit Fallen und Giften. Ende des 19. Jahrhunderts war er ausgerottet. Semadeni sagt, das neue Gesetz sei das Machwerk jener, die sich diese Schweiz ohne grosse Raubtiere zurückwünschen. Der Weg, den sie einschlagen will, ist ein anderer. «Es stört mich, wenn alles, was den Menschen stört, weg muss», sagt sie. Das sei ein rückwärtsgewandtes, nur auf Nutzung getrimmtes Verständnis von Natur, ohne Rücksicht auf die Artenvielfalt.

Die Schafherde einfach in die Berge treiben und da sich selbst überlassen wie früher, das geht mit dem Wolf nicht mehr.

Die Schafherde einfach in die Berge treiben und da sich selbst überlassen wie früher, das geht mit dem Wolf nicht mehr.

Semadeni ist im Puschlav aufgewachsen, ihre Eltern hatten einen kleinen Bauernhof. Im Sommer wurde die Schafherde in die Berge getrieben. Und dann bis im Herbst alleine gelassen. Das, sagt Semadeni, gehe nun, da der Wolf zurück sei, nicht mehr.

Was sie mit der Anekdote sagen will: der Mensch muss den Wolf nicht zurückdrängen. Sondern einen Weg finden, sich mit ihm zu arrangieren. Und dieser Weg besteht für die ehemalige Politikerin darin, den Herdenschutz weiter auszubauen. Mit Zäunen, mit Herdenschutzhunden, «und wenn nötig mit noch mehr Unterstützung», sagt sie. Dass pro Wolf immer weniger Nutztiere gerissen werden, ist für sie ein Beweis dafür, dass Herdenschutz funktioniert – wenn er denn richtig gemacht wird.

Die Drohung der Älpler

Auf der Alp Tomül hat Willi Illien einen Teil seiner Schafe neben den Ställen eingepfercht, um sie vor dem Wolf zu schützen.

Der Herdenschutz wurde ausgebaut.

Der Herdenschutz wurde ausgebaut.

Die andere, zweite Herde, die immer noch unter dem Berggipfeln auf der Weide grast, zäunt er jetzt besser ein. Er hat den Herdenschutz ausgebaut. Sechs Stunden arbeitet er dafür jeden Tag zusätzlich. Wenn der 68-Jährige über die Weiden geht, zieht er ein Bein nach. Die weiten Wege, die er nun zusätzlich über Stock und Stein gehen muss, zehren an seinem Körper.

Der Wolf bedroht die Alpwirtschaft.

Der Wolf bedroht die Alpwirtschaft.

Illien sagt, er tue, was er könne, um seine Tiere zu schützen. Aber irgendwann werde der Aufwand zu gross, «und dann gehe ich lieber nicht mehr auf die Alp». Es ist eine Warnung, die man auch als Drohung verstehen kann und die gerade viele Älpler formulieren: dass der Wolf die Alpwirtschaft bedrohe, diese jahrhundertealte Schweizer Tradition. Und dass die Alpen bald verwaisten, die Weiden vergandeten, wenn es so weitergehe.

Illien hofft auf ein Ja zum neuen Jagdgesetz. Und erwartet von den Behörden, dass sie dem Wolf dann auf den Pelz rücken, «und zwar rigoros». Es ist ein Vorgeschmack darauf, wie gross der Druck auf die kantonalen Behörden werden dürfte, wenn sie den Umgang mit dem Wolf selbst regeln können.

Illien ist müde, und er ist auch wütend. Wütend auf die Behörden, die ihm zu wenig helfen. Wütend auf die Politiker, die ihn zu wenig ernst nehmen. Wütend auf die Menschen im Unterland, die nur an den Wolf denken – und nicht an Leute wie ihn, die tatsächlich mit ihm leben müssen. Wütend auf den Wolf, der seine Schafe reisst. Und sie dann liegenlässt, statt sie zu fressen. Er sagt, ein Jahr wie dieses schaffe er nicht noch einmal. Es gibt für ihn nur eine Lösung: Entweder der Wolf. Oder er.

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