Forschung

So ist die aktuelle Corona-Situation in der Schweiz – müssen wir einen «Fall Florida» fürchten?

In den letzten Tagen und Wochen meldet das BAG wieder höhere Corona-Zahlen. Besonders Junge stecken sich häufiger an. Oder wird einfach mehr getestet? Und wie könnte sich die momentane Situation weiter entwickeln?

Seit ein paar Wochen steigen die Corona-Neuinfektionen wieder an, besonders unter den Jüngeren. Die Karte zeigt die gemeldeten Fälle der letzten 14 Tage, die es in den Kantonen pro 100'000 Einwohner gab:

Besonders in Genf wurden viele Menschen positiv getestet, der Kanton verzeichnete 98 Fälle pro 100'000 Einwohner. In Zürich lag dieser Wert bei 46, in Basel Stadt bei 43, im Aargau bei 43, St.Gallen 31 und Luzern bei 21 Fällen.

Gibt es tatsächlich mehr positive Fälle, oder werden einfach mehr Tests durchgeführt? Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Es wird mehr getestet als zu Beginn der Coronakrise, allerdings wurden Mitte Juli noch mehr Tests durchgeführt. Der Anteil der positiven Tests steigt seit Juli leicht an.

Das ist ein Indiz dafür, dass in der Bevölkerung wieder mehr Infektionen vorhanden sind. Eine anderer Faktor könnte aber auch sein, dass das Contact Tracing der Kantone seine Wirkung zeigt und mehr Menschen getestet werden, die in Kontakt mit bereits infizierten Personen standen. Wie stark dieser Einfluss ist, lässt sich mit den vorhandenen Daten aber schwer abschätzen.

Weniger schwere Erkrankungen – bedeutet das Entwarnung?

Ein weiteres Phänomen, das aktuell in der Schweiz zu beobachten ist, sind die wenigen Hospitalisierungen. Es sind, verglichen mit der Fallzahl, auch weniger Todesfälle zu verzeichnen.

Die Basler Epidemiologin Emma Hodcroft macht auf Twitter auf dieses Phänomen aufmerksam und vergleicht die Situation mit derjenigen, die der US-Bundesstaat Florida bereits erlebt hat:

Wie Hodcroft aufzeigt, liegt das daran, dass sich vermehrt Junge mit Sars-CoV-2 angesteckt haben. Sie zeigen durchschnittlich einen milderen Krankheitsverlauf. Auch in der Schweiz ist dieser Trend feststellbar:

Mehr positiv getestete unter den Jüngeren, woran liegt das? Untersuchungen legen laut Hodcroft nahe, dass drei Faktoren eine Rolle spielen:

  1. Mehr Leute werden getestet (damit auch mehr junge Leute mit lediglich leichten Symptomen).
  2. Die älteren Leute waren vorsichtiger.
  3. Die jüngeren Leute waren unvorsichtiger.

Bedeutet das nun Entwarnung für die Senioren? Leider nein, wie die Epidemiologin ausführt. Im Heatmap (unten) ist zu erkennen, dass sich die Infektionen in Florida mit einer zeitlichen Verzögerung auch auf die höheren Altersgruppen ausgedehnt hat (je heller, desto mehr Erkrankte).

Hat sich das Virus verändert?

Hodcroft erklärt weiter, ihr sei häufig die Frage gestellt worden, ob sich nicht vielleicht das Coronavirus verändert habe und nun in einer schwächeren Form die Leute befalle. Dem sei aber nicht so.

Die Epidemiologin arbeitet in einem Team mit Forschern aus Basel und Seattle und hat ein Programm mit dem Namen Nextstrain mitentwickelt, das die Verbreitung von Viren in Familienstammbäumen darstellt. Die allgemeine Vielfalt der Viren hat sich demnach nicht geändert. «Nach März sehen wir keine dominierende Variante in Europa, die eine solche Mutation beinhalten könnte.»

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