Pandemie

Sind Sie noch solidarisch? Warum die Coronakrise uns zu Hetzern macht – und was Sie dagegen tun können

Dieses Schild hängt über dem Eingang einer Bar in Berlin.

Dieses Schild hängt über dem Eingang einer Bar in Berlin.

Während des Lockdowns hielten wir zusammen, und als die Fallzahlen sanken, waren wir erleichtert. Jetzt steigen die Infektionen wieder. Und die Stimmung kippt. Man sucht nach Sündenböcken, und es gilt: Jeder gegen jeden.

Die Angst kroch in uns hoch. Vor dem frühzeitigen Ende eines Lebens. Vor dem Verlust von allem, was wir kannten. Wir sahen die Bilder aus Bergamo, wir sahen Zahlen am Fernsehen, leergeräumte Regale, leergefegte Strassen, Züge, die nicht mehr fuhren. Nichts an unserem Alltag war noch gleich. Doch wir hatten etwas, was uns Halt gab. Wir hatten im Virus einen gemeinsamen Feind.

Und so schlossen wir uns zusammen. Die Schweiz und die Welt wurden erfasst von einer schon lange nicht mehr gekannten Einheit im Denken, Fühlen und Handeln. Wir wurden weich, solidarisch, wir halfen. Wir lächelten Fremden zu, wir winkten von unseren Balkonen herab, klatschten für Spitalpersonal, trugen alten Menschen Einkäufe nach Hause. Die Parteipolitik ruhte.

Sogar in den sozialen Medien wurde es seltsam still und freundlich. Die Angst um das Ende der Welt, wie wir sie kannten, schweisste uns zusammen. Einige bedankten sich für die viele Liebe. Andere hoben die Augenbrauen und erwiderten skeptisch: Wartet nur lange genug, und die Welt zeigt ihr hässlichstes Gesicht.

Im Bus werden Leute angegriffen, wenn sie keine Maske tragen

Dieses hässliche Gesicht wird nun erkennbar. Schuldzuweisungen und Häme machen sich breit. In der Politik, in der Bevölkerung, auf der Strasse genauso wie im Internet. Im Bus werden Leute offen verbal angegriffen, wenn sie keine Maske tragen oder sich nicht korrekt in die Schlange einreihen.

In Amerika und England feiern Twitter-User jeden Toten als politischen Sieg gegen die Politik von Donald Trump und Boris Johnson. Der «Body Count», das Zählen von toten Körpern im Kampf um das Vorrecht auf den richtigen Weg in der Krise, ist zum probaten Mittel geworden. In Deutschland erhalten der Politiker Karl Lauterbach und der Chef-Virologe Christian Drosten Morddrohungen per Post.

Die Tamedia-Zeitungen titeln, auf das einstige Krisenwunderkind Schweden und seine Verfechter gemünzt: «Und was sagen sie jetzt?» Das linksgrün regierte Schweden, das anfänglich ironischerweise von eher rechtsbürgerlichen Politikern und Medien bejubelt wurde, weil es wirtschaftsliberaler regierte, wird nun mit Schadenfreude überschüttet. Weil der einsame Weg, den es einschlug, nun doch nicht besser zu funktionieren scheint als das, was die Schweiz tat.

Wer schiesst, muss nicht über seine eigene Angst nachdenken

Für einen Moment fühlen sich selbsternannte Schweizer Experten als Gewinner in einer Krise. Überlegen. Nicht ganz so arm dran wie der Rest der Welt. Ein probates Mittel gegen die eigene innere Krise. Wer schiesst, muss nicht über seine eigene Angst nachdenken. Angriff als Verteidigung von Schwäche liegt in unserer Natur.

Die Nerven liegen blank, auch in der Politik. Dass Parteien aufeinander losgehen, ist im Grunde nichts Aussergewöhnliches. Die aktuelle Dynamik könnte als fast schon beruhigendes Zeichen dafür gelesen werden, dass die Welt wieder ein bisschen so ist, wie sie vor dieser Pandemie war. Doch dabei bleibt es nicht. Selbst Exekutivvertreter gehen aufeinander los.

Die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli beispielsweise warf dem Bundesrat per Twitter vor, den Kantonen ein Papier vorenthalten zu haben, in dem Wissenschafter vor den Gefahren der Club- und Bar-Öffnungen warnten. In den sozialen Medien ist schon wenige Tage nach dem Ende der ausserordentlichen Lage, die dem Bundesrat das Durchregieren ermöglichte, nun wieder der Ruf nach dem «starken Mann» laut geworden, nach Krisengeneral Alain Berset, der die Lage noch im Griff hatte, im Gegensatz zu den Kantonen, die nun – in der besonderen Lage – wieder weitgehend die Verantwortung für die Gesundheit der Menschen tragen.

Es hat eine Phase der Schuldzuweisungen begonnen: Bund und Kantone schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Der vielzitierte Superspreader-Fall im Zürcher Flamingo-Club markierte eine Zäsur. Weil in der Schweiz, welche die Coronakrise vorbildlich meisterte, nun erste Fehler auftauchen. Fehler, die jede Bürgerin, jeder Bürger mitverfolgen kann. Genauso wie die Pressekonferenzen, die Infektionszahlen, die strategischen Überlegungen zur Krisenbewältigung. Nie war die Arbeit von Politikerinnen so unmittelbar erkennbar wie jetzt. Wohl auch deshalb war Alain Berset sichtlich erleichtert, als er die ausserordentliche Lage für beendet erklärte. Und damit wusste: Ich bin per sofort nicht mehr für alles verantwortlich.

Wutbürger, die sich weiterhin in ihrer Freiheit beschnitten fühlen

Die ausserordentliche Lage ist nun vorerst Vergangenheit. Doch sie dauerte lange genug, um Gefühle anzustauen. Und diese Gefühle nun ungefiltert rauszulassen, jetzt, wo man nicht mehr unmittelbar um sein Leben bangen muss.

Mancher Wutbürger, der sich auch weiterhin in seiner Freiheit eingeschränkt fühlt, schiesst nun vor allem gegen diejenigen, von denen er sich bevormundet fühlt: Gegen den Bundesrat, obwohl dieser das so weit geöffnet hat, wie es kaum eine andere Regierung in Europa tat (inzwischen sind hier Veranstaltungen bis 1000 Leute erlaubt; in Schweden: Bis 50 Leute). Gegen Wissenschafter, die den jüngsten Öffnungsschritt des Bundesrats kritisieren. Gegen die Polizei, welche die letzten noch geltenden Coronamassnahmen durchsetzen will. Gegen die Verantwortlichen in den Kantonen. Gegen die Medien. Gegen Andersdenkende.

Besonders auffällig zeigt sich in diesen Tagen auch der Hass der Korrekten. Er richtet sich jetzt gegen Clubbesucher, die schnell als Schuldige der anrollenden zweiten Welle ausgemacht wurden. Gegen Jugendliche generell, die als undisziplinierter Haufen gesehen werden, der querschlägt. Gegen all die vermeintlichen Egoisten, welche die Corona-Tracing-App noch nicht heruntergeladen haben. Ihr seid schuld!

In den sozialen Medien tobt der Kampf besonders hart

Hass und Rechthaberei verstärken sich über die sozialen Medien. Wir googeln, wir schreiben selbst, wir analysieren und wir fühlen aus dem Bauch heraus, was in dieser Welt falsch oder richtig ist, und finden im Internet Tausende Gleichgesinnte für alles, was wir für richtig halten. Und so tun sich Gräben auf, zwischen denjenigen, die für eine Maskenpflicht werben oder für das Runterladen einer Corona-Tracing-App und denjenigen, die meinen, die Corona-Pandemie sei eine grosse, weltweit orchestrierte Irreführung der Menschheit.

Der Hass im Netz habe neue Dimensionen angenommen, sagt Jolanda Spiess-Hegglin vom Verein «Netzcourage». Und er habe sich klar verlagert. Waren vor der Krise vor allem Frauen und Menschen aus dem linken politischen Milieu von Hass-Nachrichten und Cybermobbing betroffen, hat sich das Feld jetzt geweitet. Eine besonders beliebte Zielscheibe der Wüteriche: Verantwortungsträger und Wissenschafterinnen.

Nach anfänglicher Solidarisierung fällt der Mensch wieder in seine alten Muster zurück. «Am Anfang waren wir alle in der Schockstarre und hielten uns zurück. Weil wir nicht wussten, was auf uns zukommt. Das Virus war eine grosse Unbekannte», sagt Katja Rost, Professorin für Soziologie an der Universität Zürich. Jetzt seien viele Leute frustriert. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Weil wir nicht in die Ferien können, wieder pendeln müssen, zuhause streiten, das Geld nicht reicht. Dazu kommt: Der Mensch hat Mühe mit Veränderungen. Frustration, das weiss die Psychologie, erzeugt Aggression.

Die Leute wollen sich nicht reglementiert fühlen

Wir haben im Zuge von Corona viel Leid und Kosten auf uns genommen - individuell, aber auch als Land. Deshalb reagieren wir so empfindlich, wenn wir eine Schutzmaske tragen und sehen, dass andere das nicht tun. Dass junge Leute in Serbien ungeniert Party machen, während wir kaum mehr das Haus verlassen.

Auf den Onlineportalen erzeugt die Frage nach einer Maskenpflicht eine Flut an Kommentaren, viele davon sind gehässig. Dabei stimmt in Online-Umfragen regelmässig eine Mehrheit von 65 bis 80 Prozent für eine Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr. Abstimmen ist das eine, es zu tun, das andere: Nur etwa 5 Prozent tragen im ÖV eine Maske. Auch deshalb beschloss der Bundesrat am Mittwoch eine Maskenpflicht in Zügen und Bussen.

In der Phase der Lockerungen geriet das Bedürfnis nach Autonomie bei vielen wieder in den Vordergrund. Die Leute wollen sich nicht reglementiert fühlen. Fremdbestimmt? Ich sicher nicht. Das Weglassen einer Maske ist für einige das Symbol des Aufstands. Und die, die sich an die Empfehlung halten, kochen dann vor Wut. Weil sie sich für das Kollektiv aufopfern und ihre Freiheiten einschränken, während andere darauf pfeifen.

Diese Haltung könne gefährlich werden, mahnt Soziologin Rost. «Das aktuelle soziale Verhalten wird die Fallzahlen wieder ansteigen lassen», ist sie überzeugt. So weit ist es bereits: am Mittwoch meldete das BAG erstmals wieder über 100 Neuinfektionen an einem Tag, konkret: 137 bestätigte Fälle.

Die Lösung? Ausgerechnet Immanuel Kant und der Kategorische Imperativ. «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.» Das heisst im Klartext, findet Rost: Nehmt die sozialen Normen ernst, die dem Kollektivgut dienlich sind. Maske freiwillig tragen, Abstand halten. Aber trotzdem den Alltag so gut es geht wieder «normal» leben. Und statt Schuldzuweisungen lieber die Suche nach konstruktiven Lösungen für die Zukunft starten.

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