Gletscherschwund

Schweizer Klima-Professor: «Trinkwasser-Versorgung wird problematisch»

Dem Klimatod geweiht: Der Aletschgletscher im Wallis wird laut Forschern bis im Jahr 2100 praktisch weggeschmolzen sein. Key

Dem Klimatod geweiht: Der Aletschgletscher im Wallis wird laut Forschern bis im Jahr 2100 praktisch weggeschmolzen sein. Key

Bis 2100 werden gut 90 Prozent des Gletschervolumens schmelzen. Neue Gletscherseen, Felsstürze und Flutwellen werden die umliegenden Ortschaften bedrohen. Professor Wilfried Haeberli erklärt, was die Gletscherschmelze für die Schweiz bedeutet.

Laut den Szenarien des NFP 61 werden bis im Jahr 2100 gut 90 Prozent des Gletschervolumens schmelzen. Wo sehen Sie die grösste Gefahr?

Wilfried Haeberli: Das vordergründige Problem in den Gebirgen werden Felsstürze in Gletscherseen sein, die Flutwellen auslösen. Zwar nicht häufig, aber vermehrt. Dieses Phänomen haben wir bisher kaum wahrgenommen. Hotspot wird der Aletschgletscher, weil sich da die grössten Seen der Alpen bilden werden. Aber die Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn-Region ist ein Weltnaturerbe. Wir müssen uns deshalb sehr genau überlegen, ob wir die Landschaft zubetonieren oder sich selber überlassen. Dann müssten wir einfach Brig evakuieren. Deshalb braucht es auch da integrierte Lösungen.

Welchen Zeithorizont haben Ihre Arbeiten der NFP 61 verfolgt?

Unsere Szenarien gehen bis Ende dieses Jahrhunderts. Bei einer globalen Erwärmung von 2 Grad Celsius gegenüber den Werten von 1960 bis 1990 – was ja das politisch angestrebte Ziel ist – ist der Aletschgletscher praktisch weg. Dieses Szenario ist schon stark vorgegeben. Im Engadin werden sich aber schon bald neue Seen bilden.

Schon das «beste Szenario» bedeutet das Ende für den Aletschgletscher. Was passiert denn, wenn es mit dem Klima doch nicht so gut läuft?

Es passiert das Gleiche, nur sehr viel schneller. Bei einer globalen Erwärmung von 4 Grad Celsius rechnen wir in der Schweiz mit etwa 6 bis 8 Grad – was ein unglaublicher Wert ist. Dann wären etwa um 2050 nur noch 20 Prozent des Gletschers existent.

Die Gletscher sind für die Schweiz nicht unwichtig ...

Es geht erst einmal um einen ideellen Wert: Das vergletscherte Hochgebirge ist ein Markenzeichen der Schweiz. Damit wird gross Tourismuswerbung gemacht. Es geht also eine Identität verloren.

Werben wir also künftig für das Bergsee-Gebiet Schweiz?

Die Seen werden sicherlich sehr schön und spektakulär werden, weil Gletscherwasser darin fliesst. Die Landschaften werden sich aber schnell verändern, und die Seen werden einen kleinen Anteil ausmachen. Ihr Volumen wird 2100 etwa drei Prozent vom jetzigen Gletschervolumen haben. Selbst wenn für die Seen Staumauern gebaut werden, können wir den Verlust in der Energieproduktion durch den reduzierten Abfluss gerade kompensieren. Ein Ausbau der Wasserkraft mit den Seen ist eine Illusion. Viele liegen in geschützten Landschaften.

Mehr Gletscherwasser heisst grösseres Hochwasserrisiko ...

Gletscher haben auf das Hochwasser nicht so eine grosse Wirkung. Der Schnee ist für das Hochwasser zuständig. Wenn die Schneefallgrenze steigt, werden die Niederschläge im Winter auch in grösserer Höhe als Regen fallen. Künftig werden also die Winterniederschläge für eine höhere Hochwassergefahr sorgen.

Was bedeutet die Gletscherschmelze für das Flach- und Mittelland?

Die schmelzenden Gletscher haben Einfluss auf den Abfluss und verändern dessen jährliche Verteilung. Heute haben wir immer noch Niederwasser im Winter, was ja niemandem auffällt. Künftig werden wir aber Niederwasser im Sommer haben, das für das Flach- und Mittelland gravierende Auswirkungen hat – beispielsweise für die Landwirtschaft.

Ist das Klima oder die Gesellschaft an dieser Entwicklung schuld?

Es gibt eine einfache Grundregel. Oberhalb der Waldgrenze dominiert der Klimaeffekt. Unterhalb hat die Klimaveränderung einen weniger starken Einfluss, weil die menschlichen Aktivitäten viel grösser sind. Wir sehen aber, dass der Klimaeinfluss künftig im Unterland mehr Geltung haben wird. Die Fichte wird beispielsweise eine 2-Grad-Erwärmung nicht überstehen. Wir werden also im Mittelland Buchen statt Fichten haben.

Was ist Ihre Lösung?

Eine Wasserstrategie muss in der Planung des Bundes einen wichtigen Stellenwert bekommen. Ein Beispiel: Die Bevölkerung ist sich noch zu wenig bewusst, dass das Grundwasser unsere Trinkwassersicherheit ist. Durch das Siedlungswachstum werden mehr und mehr Grundwasserfassungen aufgegeben. Die Trinkwasserversorgung in Trockenzeiten wird also problematisch. Gewisse Dinge müssen Priorität bekommen. Wir müssen Grundwasserfassungen vor dem Siedlungsdruck schützen.

*Wilfried Haeberli ist Professor am geographischen Institut der Uni Zürich, Glaziologe und leitet das Projekt NELAK des NFP 61.

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