Bildung
Schweizer Hochschulen zieht es ins Reich der Mitte

Ein Austauschsemester in den USA? Das war einmal: China rückt zunehmend in den Fokus der Hochschulen. Doch bei den Studenten ist das noch nicht angekommen.

Sven Altermatt
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Der grosse Ansturm auf chinesische Unis ist bis jetzt noch ausgeblieben.

Der grosse Ansturm auf chinesische Unis ist bis jetzt noch ausgeblieben.

Keystone

Lange Zeit dachten Studenten vor allem an die USA, wenn sie einen Austausch ausserhalb Europas in Betracht zogen. Der Zustrom nach Amerika stagniert jedoch. Dafür könnte China als Auslandziel beliebter werden: Noch sind es nur wenige Studenten aus der Schweiz, die das Reich der Mitte für ein Auslandsemester oder ein Gastjahr wählen. Doch mittlerweile unterhalten alle Schweizer Universitäten fixe Austauschprogramme mit chinesischen Hochschulen, bestätigt Martina Weiss, die Generalsekretärin von Swissuniversities. Gleichzeitig verzeichnet die schweizerische Rektorenkonferenz immer mehr Fachhochschulen, die Partnerschaften in China eingehen.

Eine Vorreiterrolle hat dabei die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) eingenommen. Ihre Hochschule für Wirtschaft in Olten arbeitet seit 20 Jahren mit chinesischen Instituten zusammen. Über 1000 Führungskräfte, Ingenieure und Parteikader haben ein Ausbildungsprogramm an der FHNW durchlaufen.Ein Forschungszentrum hilft Schweizer Firmen beim Markteintritt im Fernen Osten. Parallel können Schweizer Studenten ein Semester an Partner-Unis absolvieren.

ETH ist bei Chinesen besonders beliebt

1320 chinesische Studenten waren 2016 an Hochschulen in der Schweiz immatrikuliert. Das zeigen Zahlen der Schweizer Botschaft in Peking. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die beiden technischen Hochschulen in Zürich und Lausanne. Allein an der ETH Zürich sind derzeit 540 chinesische Studenten eingeschrieben, wie eine Sprecherin mitteilte. Das sind acht Prozent aller Studenten aus dem Ausland. (sva)

Ruedi Nützi beobachtet ein steigendes Interesse an einem Aufenthalt in China. «Weil das Land weiter an Bedeutung gewinnen wird, wollen auch mehr Leute verstehen, wie es tickt», sagt der Direktor der Hochschule für Wirtschaft. Mit ihren Kooperationen verbessere die FHNW nicht zuletzt die Chancen ihrer Studenten auf dem Berufsmarkt. Wer als Ausländer in China studiert und mit den örtlichen Gepflogenheiten vertraut ist, verfügt über spezifisches Wissen.

Während die Möglichkeit des internationalen Austausches in vielen Ländern Europas stark genutzt wird, hinkt die Schweiz hinterher. Nur jeder fünfzehnte Student absolviert eine gewisse Zeit seines Studiums im Ausland. An der FHNW verbringen immerhin gut 20 Prozent der Wirtschaftsstudenten, die sich für einen Auslandaufenthalt entscheiden, ein Semester in China. Insgesamt waren es in den vergangenen 15 Jahren über 600 Studenten, die ein solches Angebot nutzten. Austauschsemester sind das eine. Für Nützi sind Projektwochen in China oder «Summer Schools» genauso wichtig, um das Verständnis für das Land zu fördern.

37 Stipendien für China

Die chinesische Regierung vergibt sechsmonatige bis mehrjährige Stipendien an Schweizer Studenten. Im Jahr 2016 haben 37 Personen ein solches erhalten, heisst es bei Swissuniversities. Der Austausch ist in einem bilateralen Abkommen geregelt, im Gegenzug kommen chinesische Studenten in die Schweiz.

An der Universität Zürich sind es derzeit 17 Studenten, die ein Teil ihres Studiums in China verbringen. Die Uni hat Partnerschaftsabkommen mit acht chinesischen Hochschulen abgeschlossen, hinzu kommen separate Abkommen der Fakultäten. Derweil ist die Universität Bern mit vier Universitäten partnerschaftlich verbunden. Allerdings: «Im Moment haben wir nur einen Studenten an einer dieser Unis», sagt Sprecherin Nathalie Matter.

Die Universität Basel konnte gestern keine Angaben dazu machen, wie viele ihrer Studenten zuletzt einen Austausch in China absolvierten. Das Konfuzius-Institut an der Uni, zur Hälfte finanziert durch chinesische Staatsgelder, widmet sich dem wissenschaftlichen Austausch. Ähnliches bezweckt die Universität St. Gallen mit ihrem «China Competence Center».

Der Ansturm auf die chinesischen Unis ist bisher ausgeblieben. Trotzdem dürften die Schweizer Hochschulen ihre Zusammenarbeit mit China weiter ausbauen. Einen Anfang macht die Universität Genf: Sie unterzeichnete soeben ein Abkommen mit der Pekinger Tsinghua-Universität. Die beiden Hochschulen wollen einen gemeinsamen Master-Studiengang in nachhaltiger Entwicklung anbieten.

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