Rise Up for Change
Klimaschützer belagerten CS und UBS: Wie schlimm sind deren Klimasünden wirklich? Acht Antworten zum Schweizer Finanzplatz

Klimaaktivisten haben am Montagmorgen die Eingänge von Credit Suisse und UBS am Zürcher Paradeplatz besetzt. Die Polizei beendete die Aktion aber mittlerweile. Die Aktivisten sehen in den Grossbanken auch grosse Klimasünder. Welche Rolle spielt der Finanzplatz in der Klimakrise?

Othmar von Matt und Florence Vuichard
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Rund 200 Aktivistinnen und Aktivisten blockierten in Zürich die UBS- und CS-Sitze, bis die Polizei der Aktion ein Ende machte.

Keystone-SDA

1. Was fordert das Klimabündnis genau vom Finanzplatz?

Das Klimabündnis «Rise Up for Change» hat zwei konkrete Forderungen an den Schweizer Finanzplatz. Erstens sollen Banken, Versicherungen, Pensionskassen und Vermögensverwaltungen sofort offenlegen, wie viel Geld sie in welche Projekte, Industrien und Firmen stecken. Sie sollen gleichzeitig transparent machen, wie gross der damit verbundene ökologische Fussabdruck ist.

Zweitens will «Rise Up for Change» eine Neuausrichtung der Investitionen, Kredite und Versicherungsdienstleistungen. Das Bündnis fordert den sofortigen Stopp aller Gelder, die für Projekte und Unternehmen aufgewendet werden, die in fossilen Energien (Kohle, Erdöl, Erdgas) aktiv sind. «Bestehende fossile Finanzflüsse müssen schnellstens gestoppt werden», heisst es im offenen Brief, den «Rise Up for Change» vor einer Woche der Credit Suisse überreichte - stellvertretend für alle Finanzinstitute der Schweiz.

Das Bündnis «Rise Up for Change» besteht aus den Bewegungen Klimastreik, Extinction Rebellion, Collective Climate Justice und Breakfree.

2. Wie beurteilt das Klimabündnis den Finanzplatz?

Nur gerade acht Finanzinstitute bestanden die sogenannte «Abschlussprüfung», welche die Bewegung Klimastreik Ende 2020 beim Schweizer Finanzplatz durchführte. Es sind dies die Alternative Bank Schweiz, Forma Futura, Freie Gemeinschaftsbank, Globalance, Oikocredit (alle Note 6) sowie die Basellandschaftliche Kantonalbank, Graubündner Kantonalbank und Rahn + Bodmer (alle Note 5).

26 Institute bestanden die «Abschlussprüfung» nicht. Und 42 von insgesamt 74 angefragten Instituten antworteten gar nicht erst. «Die Dringlichkeit der Klimakrise wird von den meisten Finanzinstituten nur ungenügend erkannt», urteilt der Klimastreik. Selten nähmen die Finanzinstitute die entsprechende Verantwortung wahr. Das habe sich auch in den intensiven Kontakte der Bewegung mit den Finanzinstituten gezeigt.

3. Weshalb nimmt der Klimastreik vor allem die Credit Suisse und UBS ins Visier?

Das Klimabündnis betrachtet die beiden Grossbanken als besonders grosse Klimasünderinnen. In der Abschlussprüfung der Bewegung Klimastreik erhielt die Credit Suisse die Note 2 und die UBS die Note 1,5.

Das Klimabündnis «Rise Up for Change» besetzt die Eingänge von Credit Suisse (Bild) und UBS auf dem Zürcher Paradeplatz.

Das Klimabündnis «Rise Up for Change» besetzt die Eingänge von Credit Suisse (Bild) und UBS auf dem Zürcher Paradeplatz.

Keystone (Zürich, 2. August 2021)

Die Credit Suisse habe zwischen 2016 und 2020 insgesamt 82 Milliarden US-Dollar in die fossile Industrie investiert, schreibt «Rise Up for Change» im offenen Brief an die CS. Und die UBS habe im gleichen Zeitraum 36 Milliarden US-Dollar in die fossile Industrie gesteckt. Diese Zahlen stammen aus dem «Fossil Fuel Finance Report 2021» des Rainforest Action Network.

4. Was tun Credit Suisse und UBS für das Klima?

Die beiden Grossbanken wollen die jüngste Aktion am Paradeplatz nicht kommentieren. Sie gehen auch nicht auf die konkreten Forderungen der Klimajugend ein, betonen aber beide ihr Bekenntnis zu den Zielen des Pariser Klimaabkommens, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Der Hauptsitz der Credit Suisse und die UBS am Zürcher Paradeplatz.

Der Hauptsitz der Credit Suisse und die UBS am Zürcher Paradeplatz.

Keystone (Zürich, 24. September 2019)

Die UBS hat sich verpflichtet, die Treibhausgasemissionen über das gesamte Geschäft hinweg bis 2050 auf Netto Null zu senken. Sie arbeitet hier aber mit mehreren Etappenzielen für 2015, 2030 und 2035. Auch die Credit Suisse hat sich «ein Netto-Null-Emissionsziel für unsere betrieblichen Aktivitäten, die Lieferkette, und unsere Finanzierungstätigkeiten gesetzt, das wir in der globalen Bank bis spätestens 2050 erreichen wollen, mit Zwischenzielen für 2030».

Die CS konzentriert sich fürs Erreichen ihrer Klimazielen auf drei Bereiche: «Erstens arbeiten wir mit unseren Kunden zusammen, um sie beim Übergang zu kohlenstoffarmen Geschäftsmodellen zu unterstützen.» Hierzu will die CS «in den nächsten zehn Jahren mindestens 300 Milliarden Franken an nachhaltiger Finanzierung» bereitstellen. Zweitens stelle die CS nachhaltige Finanzlösungen für ihre Kunden bereit. Und «drittens arbeiten wir daran, den CO2-Fussabdruck unserer eigenen Geschäftstätigkeit weiter zu reduzieren.»

5. Als wie nachhaltig beurteilt sich der Bankenplatz selbst?

Der Finanzplatz hat an vorderster Front für das CO2-Gesetz gekämpft - und gehörte wie ein Grossteil der Klimajugend am Abstimmungssonntag vom 13. Juni 2021 zu den Verlierern. Doch während die Klimaaktivisten den Finanzplatz als Teil des Problems beschimpfen, sieht er sich selbst «als wichtiger Teil der Lösung», wie es bei der Bankiervereinigung heisst. Ausschliesslich auf die Banken und den Schweizer Finanzplatz zu fokussieren respektive zu zielen, greife zu kurz. «Die Banken können ihren Beitrag nur im Verbund mit der Realwirtschaft, den Konsumentinnen und Konsumenten, den Behörden und der Politik leisten.»

Der Schweizer Finanzplatz verweist auf seine Vorreiterrolle: Von den professionell verwalteten Geldern seien in der Schweiz per Ende 2019 rund 30 Prozent nachhaltig angelegt - Tendenz steigend. «Gegenüber dem globalen Durchschnitt von 15 Prozent haben wir einen grossen Vorsprung», hält die Bankiervereinigung fest. Diesen Vorsprung gelte es nicht zu verlieren, im Gegenteil: Es soll noch ausgebaut werden.

Die Branche erkennt im Thema Nachhaltigkeit eine Chance. Das erklärte Ziel der Bankiervereinigung: «Wir wollen die Schweiz als einen international führenden Hub für Sustainable Finance positionieren.» Doch der Finanzplatz will diese Position aus «Eigeninitiative» erreichen - und wehrt sich gegen staatliche, national verhängte Verbote. Hingegen unterstützt er die Schaffung von internationalen Transparenz-Standards.

6. Weshalb beharren die Banken darauf, weiterhin in fossile Energien investieren zu können?

Die Konzerne mit grossem CO2-Ausstoss werden am meisten zur Erreichen des Netto-Null-Ziels beitragen müssen. Davon ist Patrick Odier, Teilhaber der Genfer Privatbank Lombard Odier und Präsident der Vereinigung Swiss Sustainable Finance, überzeugt. «Sonst schaffen wir das nie.» Doch die Transformation solcher Unternehmen, etwa weg von der Erdölproduktion hinzu erneuerbaren Energien, brauche Zeit und Geld. «Ohne Investitionen wird es noch länger dauern.»

Patrick Odier, Teilhaber der Genfer Privatbank Lombard Odier und Präsident der Vereinigung Swiss Sustainable Finance.

Patrick Odier, Teilhaber der Genfer Privatbank Lombard Odier und Präsident der Vereinigung Swiss Sustainable Finance.

Keystone (Zürich, 14. September 2016)

Entscheidend ist gemäss Odier nicht der Status Quo, sondern insbesondere die Richtung in welche sich Unternehmen entwickeln. Die Banken wollen demnach die Firmen nicht in gut oder böse respektive grün oder nicht-grün einteilen: «Der Gegensatz besteht zwischen Firmen, die verstanden haben, dass sie ihr Geschäftsmodell und ihre Produkte ändern müssen, und jenen Firmen, die das nicht verstanden haben – und das sind Firmen, in welche wir nicht mehr investieren werden», sagt Odier. «Wenn eine Firma auch langfristig weiter Erdöl machen will, dann kann sie das tun. Aber ohne uns.»

7. Wie beurteilt der Bund den Finanzplatz?

Der Bund macht subtil Druck auf den Schweizer Finanzplatz. Er will, dass sich dessen Akteure in Sachen Klimaverträglichkeit bewegen, wie Silvia Ruprecht sagte, die Projektleiterin Klima und Finanzmarkt des Bundesamts für Umwelt (Bafu). Das Bafu führt gemeinsam mit dem Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) Klimaverträglichkeitstests nach der Pacta-Methode durch. Das ist eine standardisierte Analyse für globale Aktien, Unternehmensanleihen und Kreditportfolios.

2020 nahmen 179 Finanzinstitute am Test teil, darunter auch die beiden Grossbanken Credit Suisse und UBS. Der Test deckt 230'000 reale Vermögenswerte oder 80 Prozent der Investitionen des Finanzmarktes ab. Der Befund zeigte, dass 80 Prozent der Finanzinstitute nach wie vor in Kohle investieren. Zudem setzen die Institute viermal mehr Mittel ein für Firmen, die Strom aus fossilen Quellen erzeugen als in Produzenten erneuerbarer Energien.

«Der Pacta 2020 Test zeigt erste Schritte einzelner Finanzinstitute in eine klimaverträgliche Richtung», sagte Bafu-Direktorin Katrin Schneeberger. «Eine klimaverträgliche Ausrichtung ist also möglich.» Nach wie vor investierten die Finanzinstitute aber zu viel in fossile Energien und förderten sogar deren weiteren Ausbau. «Das läuft den Klimazielen zuwider.»

8. Weshalb nimmt das Klimabündnis die Nationalbank ins Visier?

Das Klimabündnis «Rise Up for Change» nimmt auch die Nationalbank ins Visier.

Das Klimabündnis «Rise Up for Change» nimmt auch die Nationalbank ins Visier.

Keystone (Bern, 13. Juni 2019)

«Rise Up for Change» nimmt auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) ins Visier. Sie müsse ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen und die Privatbanken zu Transparenz und zum Stopp fossiler Investitionen anhalten, schreibt das Bündnis in einer Medienmitteilung. Zudem müssten die jährlichen Gewinne der SNB - um die 100 Milliarden Franken - für eine soziale und gerechte Lösung der Klimakrise verwendet werden.

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