Bundesrat
«Rechtsruck in kleinen Schritten» – Politologe Hermann im Interview zur Cassis-Wahl

FDP-Nationalrat Ignazio Cassis wurde im zweiten Wahlgang zum 117. Bundesrat gewählt. Politgeograf Michael Hermann erklärt, warum das Parlament bei der Wahl des Tessiners gespalten war, wie der Bundesrat in Zukunft ticken wird, und warum der Kampf um die angemessene Frauenvertretung zu früh eingestellt wurde.

William Stern
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Politologe Michael Hermann: "Der Abgang Burkhalters markiert das Ende der liberal-bürgerlichen Generation, die mit dem EWR-Entscheid politisiert wurde."

Politologe Michael Hermann: "Der Abgang Burkhalters markiert das Ende der liberal-bürgerlichen Generation, die mit dem EWR-Entscheid politisiert wurde."

Schweiz am Wochenende

Herr Hermann, haben Sie die Bundesratswahl live verfolgt?

Nein, so konnte ich noch ein bisschen arbeiten nebenan. Was man am Fernsehen sieht, ist ja vor allem eine Show.

Eine Show mit abruptem Ende. Haben Sie erwartet, dass Ignazio Cassis bereits im zweiten Wahlgang das Rennen macht?

Ich war nicht überrascht. Es lief schlussendlich alles auf Cassis hinaus.

Cassis marschierte durch ...

Halt, nur weil's schnell gegangen ist, heisst das nicht, dass er durchmarschiert ist. Es war kein Erdrutschsieg, im Gegenteil, Cassis hatte mit 125 Stimmen nur gerade zwei mehr, als zum absoluten Mehr notwendig war. Das heisst umgekehrt auch, dass 121 Parlamentarier gegen ihn gestimmt haben. Fast die Hälfte widersetzte sich dem Anspruch des Tessins. Das Parlament war gespaltener als etwa bei Doris Leuthards Wahl.

Paola Cassis gratuliert ihrem Mann, dem neuen Bundesrat Ignazio Cassis (rechts).
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Die erste Medienkonferenz als neugewählter Bundesrat.
Ignazio Cassis: «Ich ändere mich nicht für die SVP»
Ein Selfie mit der Mediensprecherin muss schon sein: Ignazio Cassis mit der stellvertretenden Leiterin der Parlamentsdienste Karin Burkhalter.
Nach der Vereidigung geht es raus auf den Bundesplatz.
Hier geniesst der frisch vereidigte Bundesrat das Bad in der Menge ...
... und grüsst seine zahlreichen Anhänger,
die ihn auf dem Bundesplatz feiern, ehe es zu seiner ersten Pressekonferenz als gewählter Bundesrat geht.
Raus aus dem Nationalratssaal, hinab in die Bundeshalle:
Der frisch gewählte Bundesrat Ignazio Cassis freut sich sehr über seine Wahl.
Gesamtbundesrat, von links, Bundespraesidentin Doris Leuthard, Alain Berset, Ueli Maurer, Simonetta Sommaruga, Johann Schneider-Ammann, Guy Parmelin, und rechts, Bundeskanzler Walter Thurnherr.
Bundesratswahl 2017
Stimmen, Freude, Gratulationen und schöne Blumensträusse: Ein schöner Tag für den neuen Bundesrat Ignazio Cassis.
Der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Collina d'Ora, Giorgio Cattaneo, rechts, und Grossrätin Maristella Polli, links, jubeln entsprechend beim Public Viewing in der Mittelschule von Montagnola.
Auch bei der Tessiner FDP-Fraktion ist die Freude riesig.
Im Äusseren Stand wird ausgelassen gefeiert.
Ratsweibelin Nathalie Radelfinger mit Bunderat Ignazio Cassis, der sich über die Blumen freut.
Der grosse Moment: Der neugewählte Bundesrat Ignazio Cassis...
... legt als 117. Mitglied des Bundesrats den Eid ab.
Der neue Bundesrat schwört...
selbstbewusst auf Italienisch: «Lo giuro.»
Hand aufs Herz: Ignazio Cassi...
... erklärt die Annahme der Wahl zum Bundesrat.
Geniesst die Aufmerksamkeit im Ratssaal: Cassis und Kurt Fluri (FDP, SO).
FDP-Präsidentin Petra Gössi gratuliert ihrem neu gewählten Bundesrat Ignazio Cassis.
Auch Toni Brunner (links) von der SVP freut sich über den Cassis-Sieg und gratuliert ihm.
Glückwünsche gibt es auch von der unterlegenen Kontrahentin:
Isabelle Moret gratuliert dem Sieger Ignazio Cassis. Links im Bild die SP-Ständerätin von Basel-Stadt, Anita Fetz.
Der sich freuende Ignazio Cassis wird gefilmt vom Berner Nationalrat Christian Wasserfallen.
Moment der Entscheidung: Die Ratsweibel leeren die Wahlurnen mit den Stimmzetteln auf den Tisch der Stimmenzähler der Vereinigten Bundesversammlung.
Bundesratskandidat Ignazio Cassis (rechts) diskutiert mit Christian Wasserfallen (FDP, Bern, Mitte) und dem Zürcher Interimspräsident der FDP-Fraktion, Beat Walti.
FDP Parteipräsidentin Petra Gössi schiebt ihren Wahlzettel in die Urne. Bundesratskandidat Ignazio Cassis schaut genau hin.
Der Tessiner Bundesratskandidat Ignazio Cassis (FDP, Mitte) erhält eine Flasche Cassis-Likör vom Schaffhauser Ständerat Hannes Germann (SVP, links) und dem Tessiner Nationalrat Fabio Regazzi (CVP, rechts). Ganz rechts schaut der Berner Nationalrat Christian Wasserfallen (FDP) zu.
Blick in die Vereinigte Bundesversammlung: So sieht die Ersatzwahl von oben aus.
Tritt ab: Bundesrat Didier Burkhalter, fotografiert während der Wahl seines Ersatzes.
Didier Burkhalter am Rednerpult. Hinter ihm: Nationalratspräsident Jürg Stahl (SVP) aus Winterthur, der Burkhalter zu Beginn gewürdigt hat.
Friedrun Sabine Burkhalter (Mitte) applaudiert nach der Rede ihres Ehemannes, des scheidenden Bundesrats Didier Burkhalter.
Die Bundesräte Ueli Maurer, Alain Berset und Bundespräsidentin Leuthard (von rechts) applaudieren Didier Burkhalter.
Zwischen den Wahlgängen: Cassis bespricht sich mit Parteipräsidentin Petra Gössi.
Der Tessiner Bundesratskandidat Ignazio Cassis (FDP) wird begrüsst von Albert Rösti (SVP, links) und Toni Brunner (SVP, rechts). Die SVP hatte den späteren Gewinner Cassis als Bundesrat empfohlen.
Bundesratskandidatin Isabelle Moret schreitet in den Saal.
Anhänger von Ignazio Cassis (von der Tessiner FDP-Fraktion) sind mit einem Bus aus dem Tessin zur Ersatzwahl angereist.
Der Moment, als Ignazio Cassis am Morgen über den Bundesplatz geht, bevor er im Bundeshaus eintrifft.
Bundesratskandidat Ignazio Cassis spricht am Morgen vor der Wahl mit Journalisten (auf dem Bundesplatz).
Schien seinem wahrscheinlichen Wahlerfolg noch nicht ganz zu trauen: Ignazio Cassis im Berner Hotel Bellevue vor der Ersatzwahl.
Bei der SVP ist die "europäische Vergangenheit" der Kandidaten entscheidend: Pierre Maudet (links), Isabelle Moret und Ignazio Cassis. Schon früh hat die SVP denn auch Cassis empfohlen.
Nacht der langen Messer: Da wusste der Tessiner Favorit noch nichts von seinem kommenden Sieg: Die Kandidaten Ignazio Cassis, Isabelle Moret und Pierre Maudet (v.l.)

Paola Cassis gratuliert ihrem Mann, dem neuen Bundesrat Ignazio Cassis (rechts).

KEYSTONE/MARCEL BIERI

Trotzdem, Cassis musste nicht über einen dritten oder vierten Wahlgang.

Ja, aber der Punkt ist, dass Maudet auch mit sämtlichen Moret-Stimmen nicht gewonnen hätte.

Cassis wusste die SVP seit langem geschlossen hinter sich.

Ja, die SVP wird wohl geschlossen für den Tessiner gestimmt haben, die FDP zumindest grossmehrheitlich. Entscheidend war aber, dass er zudem genügend Stimmen von der CVP und den kleineren Parteien sicherte. Er schaffte, was ihm als FDP-Fraktionschef bei der Altersreform misslang: sich eine Mitte-rechts Mehrheit zu sichern.

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848 Karin Keller-Sutter - St. Gallen - ab 2019
119 Bilder
Amherd, Viola CVP - Wallis - ab 2019
Cassis, Ignazio FDP - Tessin - 2017 bis heute
Parmelin, Guy SVP - Waadt - 2015 bis heute
Berset, Alain SP - Fribourg - 2011 bis heute
Schneider-Ammann, Johann FDP - Bern - 2010 bis 2018
Sommaruga, Simonetta SP - Bern - 2010 bis heute
Burkhalter, Didier FDP - Neuenburg - 2009 bis 2017
Maurer, Ueli SVP - Zürich - 2008 bis heute
Widmer-Schlumpf, Eveline BDP - Graubünden - 2007 bis 2015
Leuthard, Doris CVP - Aargau - 2006 bis 2018
Blocher, Christoph SVP - Zürich - 2003 bis 2007
Merz, Hans-Rudolf FDP - Appenzell Ausserrhoden. - 2003 bis 2010
Calmy-Rey, Micheline SP - Genf - 2002 bis 2011
Schmid, Samuel SVP/BDP - Bern - 2000 bis 2008
Deiss, Joseph CVP - Freiburg - 1999 bis 2006
Metzler, Ruth CVP - Appenzell Innerrhoden - 1999 bis 2003
Couchepin, Pascal FDP - Wallis - 1998 bis 2009
Leuenberger, Moritz SP - Zürich - 1995 bis 2010
Dreifuss, Ruth SP - Genf - 1993 bis 2002
Villiger, Kaspar FDP - Luzern - 1989 bis 2003
Felber, René SP - Neuenburg - 1987 bis 1993
Ogi, Adolf SVP - Bern - 1987 bis 2000
Cotti, Flavio CVP - Tessin - 1986 bis 1999
Koller, Arnold CVP - Appenzell Innerrhoden - 1986 bis 1999
Kopp, Elisabeth FDP - Zürich - 1984 bis 1989
Delamuraz, Jean-Pascal FDP - Waadt - 1983 bis 1998
Stich, Otto SP - Solothurn - 1983 bis 1995
Egli, Alphons CVP - Luzern - 1982 bis 1986
Friedrich, Rudolf FDP - Zürich - 1982 bis 1984
Schlumpf, Leon SVP - Graubünden - 1979 bis 1987
Aubert, Pierre SP - Neuenburg - 1977 bis 1987
Honegger, Fritz FDP - Zürich - 1977 bis 1982
Chevallaz, Georges-André FDP - Waadt - 1973 bis 1983
Hürlimann, Hans CVP - Zug - 1973 bis 1982
Ritschard, Willi SP - Solothurn - 1973 bis 1983
Furgler, Kurt CVP - St.Gallen - 1971 bis 1986
Brugger, Ernst FDP - Zürich - 1969 bis 1978
Graber, Pierre SP - Neuenburg - 1969 bis 1978
Celio, Nello FDP - Tessin - 1966 bis 1973
Gnaegi, Rudolf SVP - Bern - 1965 bis 1979
Bonvin, Roger CVP - Wallis - 1962 bis 1973
Schaffner, Hans FDP - Aargau - 1961 bis 1969
Bourgknecht, Jean CVP - Freiburg - 1959 bis 1962
Spühler, Willy SP - Zürich - 1959 bis 1970
Tschudi, Hans Peter SP - Basel-Stadt - 1959 bis 1973
von Moos, Ludwig CVP - Obwalden - 1959 bis 1971
Wahlen, Friedrich Traugott SVP - Bern - 1958 bis 1965
Chaudet, Paul FDP - Waadt - 1954 bis 1966
Holenstein, Thomas CVP - St.Gallen - 1954 bis 1959
Lepori, Giuseppe CVP - Tessin - 1954 bis 1959
Streuli, Hans FDP - Zürich - 1953 bis 1959
Feldmann, Markus SVP - Bern - 1951 bis 1958
Weber, Max SP - Zürich - 1951 bis 1953
Escher, Josef CVP - Wallis - 1950 bis 1954
Rubattel, Rudolphe FDP - Waadt - 1947 bis 1954
Petitpierre, Max FDP - Neuenburg - 1944 bis 1961
Nobs, Ernst SP - Zürich - 1943 bis 1951
Kobelt, Karl FDP - St.Gallen - 1940 bis 1954
von Steiger, Eduard SVP - Bern - 1940 bis 1951
Stampfli, Walter FDP - Solothurn - 1940 bis 1947
Celio, Enrico CVP - Tessin - 1940 bis 1950
Wetter, Ernst FDP - Zürich - 1938 bis 1943
Obrecht, Hermann FDP - Solothurn - 1935 bis 1940
Etter, Philipp CVP - Zug - 1934 bis 1959
Baumann, Johannes FDP - Appenzell Ausserrhoden - 1934 bis 1940
Meyer, Albert FDP - Zürich - 1929 bis 1938
Minger, Rudolf BGB (Vorgängerin der SVP) - Bern - 1929 bis 1940
Pilet-Golaz, Marcel FDP - Waadt - 1928 bis 1944
Häberlin, Heinrich FDP - Thurgau - 1920 bis 1934
Chuard, Ernest FDP - Waadt - 1919 bis 1928
Musy, Jean-Marie CVP - Freiburg - 1919 bis 1934
Scheurer, Karl FDP - Bern - 1919 bis 1929
Haab, Robert FDP - Zürich - 1917 bis 1929
Ador, Gustave Liberale Partei - Genf - 1917 bis 1919
Calonder, Felix-Louis FDP - Graubünden - 1913 bis 1920
Decoppet, Camille FDP - Waadt - 1912 bis 1919
Schulthess, Edmund FDP - Aargau - 1912 bis 1935
Perrier, Louis FDP - Neuenburg - 1912 bis 1913
Motta, Giuseppe CVP - Tessin - 1911 bis 1940
Hoffmann, Arthur FDP - St.Gallen - 1911 bis 1917
Schobinger, Josef Anton CVP - Luzern - 1908 bis 1911
Forrer, Ludwig FDP - Zürich - 1902 bis 1917
Comtesse, Robert FDP - Neuenburg 1899 bis 1912
Ruchet, Marc-Emile FDP - Waadt - 1899 bis 1912
Brenner, Ernst FDP - Basel-Stadt - 1897 bis 1911
Müller, Eduard FDP - Bern - 1895 bis 1919
Ruffy, Eugène FDP - Waadt - 1893 bis 1899
Lachenal, Adrien FDP - Genf - 1892 bis 1899
Zemp, Joseph CVP - Luzern - 1891 bis 1908
Frey, Emil FDP - Basel-Land - 1890 bis 1897
Hauser, Walter FDP - Zürich - 1888 bis 1902
Deucher, Adolf FDP - Thurgau - 1883 bis 1912
Ruchonnet, Antoine Louis John FDP - Waadt - 1881 bis 1893
Hertenstein, Wilhelm FDP - Zürich - 1879 bis 1888
Bavier, Simeon FDP - Graubünden - 1878 bis 1883
Droz, Numa FDP - Neuenburg - 1875 bis 1892
Anderwert, Fridolin FDP - Thurgau - 1875 bis 1880
Hammer, Bernhard FDP - Solothurn - 1875 bis 1890
Heer, Joachim FDP - Glarus - 1875 bis 1878
Borel, Eugène FDP - Neuenburg - 1872 bis 1875
Scherer, Johann Jakob FDP - Zürich - 1872 bis 1878
Ceresole, Paul FDP - Waadt - 1870 bis 1875
Ruffy, Victor FDP - Waadt - 1867 bis 1869
Welti, Emil FDP - Aargau 1866 bis 1891
Challet-Venel, Jean-Jacques FDP - Genf - 1864 bis 1872
Schenk, Karl FDP - Bern - 1863 bis 1895
Dubs, Jakob FDP - Zürich - 1861 bis 1872
Pioda Battista, Giovanni FDP - Tessin - 1857 bis 1864
Knüsel, Josef Martin FDP - Luzern - 1855 bis 1875
Fornerod, Constant FDP - Waadt - 1855 bis 1867
Stämpfli, Jakob FDP - Bern 1854 bis 1863
Druey, Daniel-Henri FDP - Waadt - 1848 bis 1855
Franscini, Stefano FDP - Tessin - 1848 bis 1857
Frey-Herosé, Friedrich FDP - Aargau - 1848 bis 1866
Furrer, Jonas FDP - Zürich - 1848 bis 1861
Munzinger, Martin J. FDP - Solothurn - 1848 bis 1855
Naeff, Wilhelm Matthias FDP - St. Gallen - 1848 bis 1875
Ochsenbein, Ulrich FDP - Bern - 1848 bis 1854

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848 Karin Keller-Sutter - St. Gallen - ab 2019

Keystone

Cassis' liberale Haltung in der Drogenpolitik kostete ihm keine Sympathien in der SVP. Wieso eigentlich nicht?

Weil es eine Hierarchie von politischen Themen gibt. Die Drogenpolitik ist aktuell für die SVP eine komplette Nebensache. Und nicht einmal Cassis' liberale Landwirtschaftspolitik hat sie abgeschreckt. Zentral ist für die SVP aktuell einzig seine Positionierung in Sachen Europa und Migration.

Ist Cassis nun ein Bundesrat von SVPs Gnaden?

So wird es zumindest die SVP auslegen. Sie haben sich früh für Cassis ausgesprochen und werden jetzt seine Nähe suchen und Druck aufbauen. Es ist ein Versuch wert, schliesslich ist Cassis politisch relativ flexibel.

Politisch flexibel ist ein schönerer Ausdruck für ‹Wendehals›. Woran machen Sie das fest?

Als Cassis 2007 in den Nationalrat gewählt wurde, war er am linken Flügel seiner Partei angesiedelt. Dann rutsche er nach und nach in die Mitte. Er reagiert also offenbar auch Druck, hat keine starren Überzeugungen, das versucht die SVP auszunützen.

Die SP hatte sich nie klar für einen Kandidaten ausgesprochen. War das ein Fehler?

Nein, das Problem war nicht mangelnde Einigung, sondern, dass die Linke im Parlament ganz einfach nicht genug Stimmen gegen Cassis organisieren konnte.

Auf der anderen Seite hat die SP darauf verzichtet, sich klar gegen Cassis zu positionieren.

Ja, das war ein kluger Schachzug der SP. Es wäre ungeschickt gewesen von Mitte-links, sich klar gegen Cassis zu positionieren. Jetzt kann sie immer noch versuchen, ihn einzubinden.

«Krankenkassen-Lobbyist»-Anwürfen und seinem klaren Nein zur Rentenreform zum Trotz: So richtig eignet sich Cassis nicht als Feindbild der Linken.

Je mehr man links geht, desto grösser war die Opposition gegen Cassis, aber für das moderate linke Spektrum bot Cassis tatsächlich zu wenig Angriffsfläche. Er ist kein Rechtsfreisinniger, sondern nur etwas weniger linksliberal als der typische lateinische FDPler.

Trotzdem gibt es Stimmen, die nun einen Rechtsruck im Bundesrat prophezeien. Wird ein solcher eintreten?

Ja, aber nur in kleinen Schritten. Was jetzt geschieht, kann man als Salamitaktik bezeichnen. In mehreren Etappen rückt der Bundesrat nach rechts. Das hat mit dem Rücktritt von Eveline Widmer-Schlumpf begonnen, erfährt mit der Wahl Cassis seine Fortsetzung und wird mit dem Rücktritt von Doris Leuthard weitergehen. Die CVP-Kandidaten, die in den Startlöchern stehen, sind alle eher konservativ. So gesehen vollzieht sich im Bundesrat ein Rechtsruck, ja.

Bildet der Bundesrat nun nicht einfach die Stärkeverhältnisse im Parlament besser ab?

Das halte ich für nicht stichhaltig. Im Ständerat hat FDP/SVP ja keine Mehrheit, und das ist ja die halbe Miete.

Ex-SVP-Chef Toni Brunner hat im Fall einer Niederlage bei der Abstimmung am kommenden Wochenende einen Wechsel von Alain Berset ins EDA gefordert. Steht der Bundesrat jetzt vor der grossen Rochade?

Das ist eine Frage, die man als Aussenstehender nicht seriös beantworten kann. Die amtierenden Bundesräte sitzen jedenfalls relativ sicher im Sattel und Druck wirkt im Bundesrat bei der Departementsverteilung erfahrungsgemäss nicht gut.

Was geht der Landesregierung mit dem Rücktritt von Didier Burkhalter verloren?

Der Abgang Burkhalters markiert das Ende der liberal-bürgerlichen Generation, die mit dem EWR-Entscheid politisiert wurde. Burkhalter war ein klassischer Vertreter einer stärkeren europäischen Integration. Diesen Generationenwechsel sieht man vor allem bei der jüngeren Exponenten der FDP, für die die Europafrage nicht mehr zentral ist.

Cassis hat Jahrgang 61, Burkhalter Jahrgang 60...

Klar, altersmässig liegen sie nahe auseinander. Aber anders als Burkhalter ist Cassis nicht über die Dynamik der EWR-Abstimmung ins Parlament gekommen. Das hat sicher auch mit seiner Herkunft zu tun. Im Tessin hat die Frage nach dem EWR-Beitritt viel weniger polarisiert als in der Romandie. Der Röstigraben hat sich sehr stark daran entzündet.

Burkhalter galt lange als umgänglich, aber ziemlich farblos. Cassis sagt man ähnliches nach. Eine perfekte Ablösung?

Ja, Burkhalter hat lange als langweilig und profillos gegolten, mit der Zeit mauserte er sich aber zu einem Bundesrat mit Format. Die ruhige, sympathische Art, die kann Cassis sicher ersetzen. Ob er als Bundesrat ähnlich wie Burkhalter an Profil gewinnen kann, bleibt abzuwarten.

Stichwort Profil: Hat es Maudet eigentlich geschadet, dass er im Wahlkampf so souverän aufgetreten ist?

Nein, hätte Maudet nicht dieses Profil gehabt, hätte er gar nicht zum wichtigsten Herausforderer aufsteigen können. Dass im Bundesrat schwache Figuren bevorzugt werden, halte ich für einen Mythos. Schauen Sie Leuthard, Berset oder Couchepin an.

Gab es einen richtungsweisenden Moment im Wahlkampf?

Nein, schlussendlich war es ein Start-Ziel-Sieg von Cassis. Dass es kein Zweier-Ticket aus dem Tessin gab, hat Cassis aber sicher ordentlich Auftrieb gegeben. Das war schlussendlich sein unique-selling-point.

Jetzt ist das Tessin nach 18 Jahren Abwesenheit wieder in der Regierung vertreten. Was wird sich ändern?

Das Tessin war und ist das Sorgenkind der Schweiz. Eingeklemmt im Sandwich zwischen Italien und den Alpen, hinter dem Gotthard vergessen gegangen. Wenn es kulturelle Spannungen gibt in der Schweiz, dann ist meistens das Tessin involviert. Für die Tessiner Bevölkerung ist es in erster Linie ein wichtiges Symbol, ein: ‹Wir haben euch nicht vergessen› aus der Restschweiz. Aber: Cassis wird keine Wunder bewirken, die Probleme des Tessins werden sich nicht in Luft auflösen, nur weil einer der ihren im Bundesrat sitzt.

«Alle können gut leben mit Cassis», hörte man nach der Wahl vielerorts. Stimmt das?

Ja, das kann man so sehen. Wie gesagt, Cassis ist kein Schreckgespenst der Linken, kein ideologischer Betonkopf. Und auf der anderen Seite erhofft sich die SVP zumindest eine leichte Kurskorrektur nach rechts.

In seiner Rede vor der Bundesversammlung zitierte Cassis Rosa Luxemburg, eine Säulenheilige des Sozialismus. Hat er der Linken die Hand gereicht, oder war das ein Affront?

An dieser Rede wird Cassis ohne Zweifel seit Monaten herumgedacht haben, da ist kein Wort Zufall. Ja, ich denke, man kann das als eine Geste nach Mitte-links interpretieren.

Die Frauenfrage wird sich nach der Nichtwahl von Isabelle Moret verschärfen.

Das ist so, Garantien gibt es jedoch keine. Auch das Tessin ist in den letzten Jahren leer ausgegangen, obwohl der Anspruch schon lange bestand. Allerdings könnte das Geschlechterverhältnis nach dem Rücktritt von Doris Leuthard bei 1:6 liegen – ein krasses Missverhältnis. Nachdem es zwischenzeitlich eine Frauenmehrheit im Bundesrat gab, wurde die Frauenfrage in den letzten Jahren selbst von den Frauen etwas vernachlässigt. Der Kampf wurde offensichtlich zu früh eingestellt.

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