Interview
Priorin Irene Gassmann: «Vertrauen und Hoffnung schlummern in uns allen. Wir müssen es nur zulassen»

Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr musste ihre Gemeinschaft durch die Krise manövrieren. Ein Gespräch über Glaube, Hoffnung und das Gute an Routine.

Anna Miller
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Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr.

Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr.

Severin Bigler

Priorin Irene Gassmann, wir hoffen gerade alle, dass diese Endloskrise bald ein Ende hat.

Ja, das hoffen viele, und darin zeigt sich wunderbar schonmal eines: Wir haben oft sehr klare Vorstellungen davon, was wir uns erhoffen. Dass die Krise bald zu Ende ist. Uns die grosse Liebe begegnet. Dass die Ferien noch buchbar sind. Das ist aber keine Hoffnung. Das sind Wünsche.

Und Hoffnung wäre?

Hoffnung ist für mich eine Art Grundvertrauen, dass alles einen Sinn hat, so, wie es sich uns gerade präsentiert. Das ist ja die Pointe an der Hoffnung: Ich hoffe auf das Gute, weiss dabei aber nicht mit Sicherheit, ob es auch eintritt. Oder, wie es sich zeigen wird. Darin liegt doch der Zauber. Im Unerwarteten.

Mit dem Unerwarteten kommen viele Menschen gerade nicht so gut zurecht.

Wir leben in einer Welt, die uns in unseren Breitengraden zumindest sehr viel Kontrolle und Sicherheit suggeriert. Gerade diese Pandemie ist deshalb für viele fast unerträglich. Denn nun müssen wir mit Ungewissheit leben. Diese Pandemie lehrt uns: Wir haben sie nicht im Griff, wir können nicht alles planen, wir wissen nicht, was noch kommt. Aber genau damit können wir lernen, gut zu leben. Auch mit Gottes Hilfe.

Einige würden Ihnen jetzt entgegnen: Es gibt keinen Gott. Und wenn, dann hätte er ja mal dafür sorgen können, dass diese Pandemie nicht über uns hereinbricht.

Der Glaube an Gott ist kein Ticket in den Frieden, kein Freipass gegen Krankheiten. Gott verspricht uns nicht, die Probleme zu lösen oder uns davor zu verschonen, sondern er hilft uns, sie zu bewältigen. Meine Zuversicht besteht darin, zu glauben: Gott wirkt mit. Ich muss nicht alles alleine machen. Gleichzeitig erkenne ich an, dass ich ihm nicht vorschreiben kann, was er zu tun hat.

Und was ist mit denen, die nicht an Gott glauben?

Ich glaube, dass Menschen in ihrem tiefsten Inneren immer glauben. Vielleicht nennen sie dies nicht Gott, aber sie glauben an eine andere Form von etwas Höherem. Ich frage daher: Was trägt dich? Was trägt mich? Jeder muss für sich selbst mitnehmen, was stimmig ist. Meine Erfahrung ist, dass Religion und Glaube in dieser Zeit eine Hilfe sein können. Der Glaube gibt mir Kraft, und aus dieser Kraft kommt eine Gewissheit. Er gibt mir eine Perspektive. Es fühlt sich befreiend an, nicht von Angst bestimmt zu sein.

Welche Ängste hatten Sie, dieses Jahr?

Zu Anfang der Pandemie wussten wir so wenig darüber, und ich dachte: Wenn das mal hier rein kommt, in unser Kloster, kann das das Ende sein. Ich habe mir die Angst schlicht verboten. Ich habe mir verboten, zu denken, was wäre, wenn. Dann wurde die erste Schwester krank, wir hatten fünf Kranke von 20 Schwestern, und alle sind genesen. Die Realität stellte sich, wir haben grosses Glück gehabt, weniger schlimm heraus als befürchtet. Die Angst ist auch eine Art Virus, und meine Aufgabe als Priorin ist es, keine Angst zu verbreiten, sondern Respekt, Sicherheit und Schutz.

Was hat Ihnen neben dem Glauben konkret Kraft gegeben, in diesen Zeiten?

Unser Klosterleben. Das, was dieses Klosterleben im Kern ausmacht. Das gemeinsame Gebet, das Lesen in der Bibel, die Gemeinschaft, der geregelte Tagesablauf. Das Leben in der Klausur, das wir freiwillig gewählt haben.

Und plötzlich müssen wir alle zuhause bleiben. Ein bisschen leben auch wir jetzt wie im Kloster?

Ja, absolut. Viele Menschen müssen wegen der Pandemie nun ungewollt so leben, wie wir uns das im Kloster bewusst ausgesucht haben: Zum Beispiel das Bleiben an Ort und Stelle, in der Gemeinschaft. Auch merken viele Menschen nun, dass sie eine geordnete Tagesstruktur brauchen. So, wie wir das schon immer machen.

Haben wir da draussen und Sie im Kloster noch weitere Gemeinsamkeiten, in dieser Krise?

Wenn man abgeschlossen lebt, auf engem Raum, wird man kreativ mit dem Wenigen, was man hat. Das erlebe ich hier jeden Tag. Die Schwestern stellen Dinge selbst her, basteln, werken. Man kann im Kloster nicht sofort in den nächsten Coop rennen. Zeit haben in der Gemeinschaft und sie kreativ nutzen: Das dürfen wir jetzt alle.

Wie haben Sie persönlich die Krise erlebt?

Ich bin viel öfter zuhause, sonst bin ich oft auswärts an Sitzungen. Ich bemerke eine Entschleunigung, sogar im Kloster, durch all das, was abgesagt wurde. Ich spüre mehr Ruhe. In Gesprächen habe ich gemerkt, dass Corona für viele auch der Warnschuss ist, wieder bewusster zu leben. Und ich wünsche mir, dass es mir gelingt, den Mut zu haben, öfter mal Nein zu sagen. Und Zeiten zu schaffen, die unverplant sind.

Lustig, dass sogar Sie als Klosterschwester das sagen.

Wir hatten ja so viele Veranstaltungen im Kloster, und es ist ja auch wunderbar. Wir geniessen die Menschen. Sich abzukapseln ist auch nicht gut. Aber ein gutes Mass zu finden zwischen Öffnung und Rückzug, bleibt eine Herausforderung.

Macht Gott Sie gelassener in der Krise?

Ich vertraue auf ihn, und das ist ein Geschenk. Aber das fällt nicht einfach so vom Himmel. Auch ich muss mein Vertrauen und meine Zuversicht pflegen und üben. Vielleicht geht es auch darum, zu erkennen, dass Vertrauen und Hoffnung irgendwo in uns schlummern. Und wir uns dafür öffnen dürfen. Hoffnung wahrnehmen. Ihr eine Chance geben. Das ist ja etwas ganz Tiefes. Ich muss dazu bereit sein, zu vertrauen. Es zulassen wollen, und mich dafür entscheiden.

Das fällt Menschen, die gerade jede Hoffnung verloren haben, sicher nicht leicht.

Denen, die gerade hoffnungslos sind, nützt es wirklich nichts, zu sagen: Vertrau doch einfach! Das ist ein billiger Trost. Viel wichtiger ist es, sie in ihrem Leiden ernst zu nehmen. Wenn sie das spüren, fragen sie irgendwann: Was hilft denn dir? Ich werde selbst auch durch andere inspiriert, und so, wie ich mit anderen umgehe, sie wertschätze, aber auch stehen lassen kann, wie sie sind, entsteht eine andere Atmosphäre. Das alleine kann schon Hoffnung geben.

Dazu braucht es aber die Begegnung mit anderen Menschen.

Wenn jemand Begegnung sucht, findet er sie. Auch schriftlich oder am Telefon. Wir haben heute Möglichkeiten, in Kontakt zu treten, wie wir das vorher nie konnten. Aber ich muss ja auch nicht 100 Kontakte haben.. Die Qualität macht es aus.

Kennen Sie hoffnungslose Zeiten?

Nein. Ich bin wohl einfach gesegnet. Ich habe schon sehr viele schwierige Situationen erlebt, aber ich glaube, dass Gott bei mir ist. Das gibt mir viel Kraft und Zuversicht. Manchmal sage ich auch zu ihm: Jetzt musst du helfen! Jetzt darfst du mich nicht allein lassen!

Das klingt wie eine Beziehung.

Ja, genau das ist sie auch. Für mich ist Gott ein Gegenüber auf Augenhöhe.

Haben Sie ihn schon gefragt, was Corona soll?

Nein, und das muss ich ihn nicht fragen. Was ändert es? Corona ist da. Und jetzt geht es darum, im Jetzt aus der Situation das Beste zu machen. Wir leben jetzt. Meine Aufgabe ist nun, mich zu fragen: Was mache ich daraus?

Freuen Sie sich trotz allem auf Weihnachten?

Ja, sehr sogar. Jetzt ist Weihnachten: es ist dunkel und ungewiss, und da ist Not und Sehnsucht, das ist die Zeit für Gott. Genau in so einer Zeit wird Gott Mensch. Und rein äusserlich war es ein derart ruhiger und besinnlicher Advent, wie ich ihn kaum je erlebt habe. Schlicht und wesentlich, ohne Glanz und Gloria, einfach die Nacht, der Sternenhimmel, Stille – und die Ahnung: Gott ist da!