Auch wenn die Schweizerischen Bundesbahnen gewöhnlich unter dem Kürzel SBB auftreten, sind sie doch eine Aktiengesellschaft. Zwar, was die Eigentümerstruktur angeht, keine besonders spannende, denn alle Anteile gehören dem Bund.

Aber immerhin: Sie orientieren sich am selben Recht, welches für börsenkotierte Privatunternehmen gilt. Die SBB selbst definieren sich als «spezialgesetzliche Aktiengesellschaft». Die korrekte Bezeichnung ist demnach: SBB AG.

Nach dem Interview, das Konzernchef Andreas Meyer gestern der «NZZ am Sonntag» gab, gerät man geradezu in Versuchung, «SBB AG» ein wenig anders zu interpretieren: nämlich als Schweizerische Bahn-, Bus- und Auto-Gesellschaft. In diese Richtung will Meyer den Traditionsbetrieb offenbar steuern.

Gegen Fernbusse wappnen

Den Bundesbahnen steht demnach eine Transformation bevor. Mit Blick auf die aufstrebende Konkurrenz aus Billigfliegern, Fernbussen und autonomen Autos will Meyer den Konzern radikal umbauen: «Ich kann mir vorstellen, dass die SBB den Kunden künftig die ganze Mobilitätskette anbieten: vom Fernverkehr über die S-Bahn bis zum kleinen selbstfahrenden Fahrzeug, das eine oder mehrere Personen an der Haustür abholt und wieder absetzt», sagte er.

Aus den Bahnhöfen will Meyer Drehkreuze der Mobilität machen – oder, wie man eben sagt, wenn regelmässig Berater von McKinsey durch die eigenen Büros marschieren: «Mobilitäts-Hubs».

SBB streichen 1400 Stellen

SBB streichen 1400 Stellen

Bern - 22.9.16. - Bis 2020 will die SBB ihre Kosten um 1,2 Milliarden Franken senken. Rund 1400 Stellen sollen in den kommenden Jahren eingespart werden.

Im Zentrum der SBB-Neuausrichtung steht indes die Effizienz. Und zwar nicht nur in der eigenen Verwaltung, die im Zuge des in der vergangenen Woche vorgestellten Sparprogramms entschlackt werden soll.

Sondern auch im Einsatz der Verkehrsmittel: «Es gibt Regionalzüge, in denen drei oder vier Passagiere sitzen. Da wäre es gescheiter, den Zug im Depot zu lassen und ein anderes Verkehrsmittel einzusetzen», sagte Meyer der «NZZ am Sonntag». Und bei neuen Ausbauten müsse die Frage erlaubt sein, ob nicht ein selbstfahrendes Postauto das bessere Mittel als die Bahn sei.

Einwände von Verkehrspolitikern

In der Berner Politik stossen Meyers Pläne auf Kritik. Zwar sind sich die von der «Nordwestschweiz» befragten Verkehrspolitiker einig, dass auch die SBB ständig effizienter arbeiten müssen. Dabei dürfe jedoch nicht die Verankerung in der Bevölkerung ausser Acht gelassen werden, mahnt Philipp Hadorn von der SP. «Das System SBB ist Teil der Schweiz», sagt er. Die Randregionen bauten darauf, erschlossen zu sein.

Der Aargauer FDP-Mann Thierry Burkart verweist auf den Service-public-Auftrag der SBB. Dieser beinhalte, «dass auch die Randregionen erschlossen sein müssen». Mit welchem Verkehrsmittel dies geschehe, sei jedoch zweitrangig. Hier müssten die SBB auch auf die Effizienz schauen, sagt er. Klar müsse sein: «Einen Leistungsabbau in den Randregionen darf es nicht geben.»

Das findet freilich auch die SVP. Die Berner Nationalrätin Nadja Pieren richtet deutliche Worte an den SBB-Chef: «Dass die Randregionen angebunden und die Züge aus-, aber nicht über- oder unterlastet sind, ist die Kernaufgabe von Herrn Meyer. Nicht, wie der Passagier von Tür zu Tür kommt.»

Pieren wirft Meyer vor, mit entsprechenden Zukunftsvisionen von realen Problemen abzulenken – und davon, dass einmal mehr «bei den Indianern und nicht bei den Häuptlingen gespart wird».

Erst in 30 oder 40 Jahren

In der Tat seien Meyers Pläne recht weit in die Zukunft gerichtet, meint auch der Solothurner Verkehrs- und Finanzpolitiker Hadorn. Er spricht von «Entwicklungen in 30, 40 Jahren». Dass der SBB-Chef schon jetzt über das Verlassen des eigentlichen Kerngeschäfts nachdenkt, sieht Hadorn kritisch: «Die Herrschaft über das ganze Mobilitätssystem anzustreben, ist fragwürdig.»

Besonders, da man bei den SBB offenbar schon heute nicht mit den akuten Problemen alleine klarkomme – ein Seitenhieb auf Meyers McKinseyBerater. Das von Letzteren gemeinsam mit der SBB-Führung ausgearbeitete «Railfit»-Programm dürfe nicht zum «ersten Wurf einer Totenschaufel der SBB werden, welche bisher zu Recht als Garant für ein weltweit anerkanntes und bewundertes öV-System galt», so der SP-Politiker und SEV-Gewerkschafter weiter.

Private nicht konkurrenzieren

Dass die SBB künftig die «ganze Mobilitätskette» bewirtschaften und Passagiere dabei etwa mit selbstfahrenden Autos am Wohnort abholen wollen, sieht auch FDP-Politiker Burkart kritisch: «Da muss man ganz genau hinschauen», sagt er. «Dass die Mobilitätskette geschlossen wird, wird wohl das Modell der Zukunft sein. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es hier auch private Angebote geben wird.»

Die SBB seien zu einem grossen Teil steuerfinanziert. «Es darf nicht sein, dass durch die Bahn private Unternehmen konkurrenziert werden.»

In Sachen Auslastung sind die drei Befragten indes auf der selben Linie wie der SBB-Chef: Sie müsse gesteigert werden, um den gesamten Betrieb effizienter zu machen. Das hiesse in letzter Konsequenz jedoch auch, dass die Zeiten des leeren Viererabteils bald vorbei wären.

An Gesprächspartnern auf Zugreisen würde es dann also nicht mehr mangeln. Und dank Andreas Meyers gross angelegtem Vorstoss in Sachen SBB-Umbau wohl auch nicht an Gesprächsthemen.