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Phänomen Greta Thunberg: «Sie nervt gewaltig»

Phänomen Greta Thunberg: "Sie nervt gewaltig."

Phänomen Greta Thunberg: "Sie nervt gewaltig."

Patrik Müller, Chefredaktor Zentralredaktion CH Media und «Schweiz am Wochenende», sowie Kaspar Loeb, PR- und Kommunikationsberater, diskutieren das Phänomen Greta Thunberg im «TalkTäglich».

Ein Jahr ist es her, dass die schwedische Schülerin Greta Thunberg die Schule schwänzte, um sich für das Klima einzusetzen. Die damals 15-Jährige setzte sich mit einem Schild vor den Schwedischen Reichstag und streikte. Aus ihrem stillen Protest hat sich mittlerweile eine lautstarke internationale Bewegung entwickelt. Doch was hat Greta in diesem Jahr bewegt? Wie hat sie die Politik beeinflusst? Und handelt sie überhaupt autonom?

In der Fernsehsendung «TalkTäglich», diskutiert Moderator Markus Gilli mit den zwei Medien- und Kommunikationsprofis Patrik Müller, Chefredaktor Zentralredaktion CH Media und "Schweiz am Wochenende", sowie Kaspar Loeb, PR- und Kommunikationsberater, über das Phänomen Greta Thunberg. 

Moderator Markus Gilli will zu Beginn wissen: «Was ist da genau abgelaufen? Was ist der Grund?» Es geht um die Suche nach Erklärungen für den Hype um die Person Greta Thunberg.

CH Media Cefredakteur Patrik Müller schreibt Gretas Erfolg einerseits ihrer Art zu, aber auch dem Timing ihres Auftritts: «Sie ist komplett anders, als die meisten Menschen, auch als die meisten von ihrer Generation.» Das könne mit ihrem Aussehen zusammenhängen und auch mit ihrer Krankheit, dem Asberger-Syndrom. Entscheidend aber scheint: «Sie strahlt ein unglaubliches Durchhaltevermögen aus», so Müller. Die Klimaerwärmung sei kein neues Thema, aber jetzt im letzten Sommer habe man es besonders zu spüren bekommen «mit dem historischen Hitze- und Dürresommer in ganz Europa, den Waldbränden, der Trockenheit, der Hitze.» Und dann habe sich das Mädchen «vor das Parlament gesetzt und nicht mehr aufgehört», so Müller weiter.

«Alles was Greta im Titel hat, wird unglaublich geklickt»

Die medialen Dynamiken, die Greta zum Erfolg verholfen hätten, erklärt Müller wie folgt: Der Klimabewegung habe bisher ein Gesicht gefehlt und: «Medienschaffende wissen: Geschichten brauchen Gesichter.» Ohne Gesichter könne man heutzutage ein Thema nur schlecht vermitteln. Mit Greta Thunberg habe die Klimabewegung jetzt ein Gesicht bekommen und zwar eines das polarisiere. «Alles was Greta im Titel hat, wird unglaublich geklickt»; die Kommentare würden aber weit auseinander gehen, weiss Müller aus eigener Erfahrung als Chefredakteur. 

Wie steht es nun um die neusten Nachrichten, mit denen die junge Klima-Aktivistin aktuell Schlagzeilen macht? Statt zur Klimakonferenz nach New York zu fliegen, segelt sie mit einer Hochseeyacht über den Atlantik und bekommt dafür viel mediale Aufmerksamkeit. 

«Der Schuss geht langsam nach hinten los»

Moderator Markus Gilli will von PR-Profi Kaspar Loeb wissen, ob Gretas Segeltörn über den Atlantik ein strategisch kluger Schachzug war. Kaspar Loeb glaubt, der Schuss gehe «langsam nach hinten los». Die Aufmerksamkeit, die Greta Thunberg gerade bekomme, habe nämlich nichts mehr mit dem Thema zutun. Jegliche Details des Segeltörns und der persönlichen Befindlichkeit Gretas würden medial ausgeschlachtet: «Die Frage ob es auf der Yacht eine richtige Toilette hat, ob schönes Wetter ist oder ob sie Seekrank wird», all das bringe Klicks, aber verfehle das eigentliche Thema, so Loeb. Hinzu kommt, dass diese Entscheidung ihr nicht nur positive Schlagzeilen einbrachte.

Ausgerechnet die deutsche Tageszeitung «TAZ», welche bekanntlich nicht zu den Klimaleugnern gehört, titelte kürzlich kritisch. Unter der Schlagzeile «Gretas Törn schädlicher als Flug» verwies die Zeitung darauf, dass der medial inszenierte Segeltörn letztendlich mindestens sechs Flüge über den Atlantik nach sich ziehe und damit einen grösseren CO2-Abdruck hinterlasse, als wenn Thunberg und ihr Vater nach New York geflogen wären. 

«Geht da der Schuss tatsächlich nach hinten los oder ist das einfach kleinkariert?», will der Moderator wissen. Patrik Müller vermutet hinter solch einem Artikel die «verzweifelte Suche nach einer neuen Geschichte» und würdigt die originelle Idee Thunbergs. Für ihn ist die Symbolik entscheidend. Dass sie dieses Mittel der Aufmerksamkeit nutze, lasse ihn nicht an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln. 

Das werfe laut Moderator Gilli die Frage auf, ob man da nicht auch falsche Ansprüche an das 16-jährige Mädchen stelle. «Wir sind alle Klimasünder und von ihr verlangt man, dass sie 24 Stunden lang CO2-neutral auf diesem Planeten lebt», so Gilli. 

Kommunikationsberater Kaspar Loeb findet solche Forderungen auch absurd und meint, Thunberg wäre besser beraten gewesen, hätte sie aus ihrer Reise nach nach New York keine grosse Sache gemacht. «Wäre sie einfach mit ihrem Papa nach New York geflogen, hätte es vielleicht eine kleine Notiz gegeben, aber jetzt setzt sie sich etwas aus, das völlig unnötig ist», so Loeb. Vor allem prangert Loeb die Medien dafür an diesen Hype um Personen zu befeuern und sich nicht dem «wirklichen Thema» zu widmen. 

Moderator Gilli und Chefredakteur Müller sticheln scherzhaft: Sieht da etwa der PR- und Kommunikationsberater seine Zunft in Gefahr, weil da eine Schülerin, 16-jährig mit Asberger-Syndrom mehr zu bewegen mag, als millionenschwere Lobbies? Müller hält fest, dass Greta Thunberg eine Figur aus der Bevölkerung ist, welche nicht durch eine Lobby gesteuert wird und das mache ihre Glaubwürdigkeit aus. 

Wie autonom ist Greta?

«Wie autonom handelt Greta eigentlich?», bringt Moderator Gilli die brennende Frage auf den Punkt. Immer wieder werden Stimmen laut, dass die 16-jährige Aktivistin von einer «PR-Mafia» instrumentalisiert werde und von ihrem Vater gesteuert.

Müller glaubt an die intrinsische Motivation der Schülerin. Er geht davon aus, dass Thunberg aus einem starken inneren Antrieb heraus gehandelt hat. Welche Rolle dabei ihr Asberger-Syndrom spielt sei schwer zu sagen.

Wie reagiert man als Elternteil, wenn man merkt das Kind brenne förmlich für eine Sache? Kann man das Kind bevormunden oder sollte man es lieber unterstützen?

Loeb wirft ein, dass es immer noch ein Unterschied sei, ob man ein Kind nicht bevormunde oder ob man es zusätzlich «pushe». Die ständige Präsenz des Vaters sei für ihn ein Indiz dafür, dass er im Hintergrund die Fäden ziehe. Müller entgegnet, dass es ganz selbstverständlich sei, dass Eltern ihre minderjährigen berühmten Kinder zu öffentlichen Anlässen begleiten. Das hätten schon die Eltern von Martina Hingis und Roger Federer gemacht. 

«Ist das der Greta-Effekt oder der Wahltermin im Oktober?»

Trotz polarisierender Schlagzeilen scheint es die 16-jährige Schwedin es zu schaffen, Erwachsenen ein schlechtes Gewissen zu machen und damit nicht nur privates Handeln, sondern auch die Politik zu beeinflussen. 

Selbst in der Schweizer Politik sind aktuell Kursänderungen zu beobachten: «Die FDP hat ihren Kurs in der Umweltpolitik geändert und auch die Ständeratskommission kippt um und ist nun für eine Flugticketabgabe», hält Moderator Gilli fest. «Ist das der Greta-Effekt oder der Wahltermin im Oktober?», fragt er.

Kaspar Loeb meint beides würde die Handlungen der Politiker beeinflussen. Er ist davon überzeugt, dass Greta und die Klimajugend die Reaktionen in der Schweizer Politik ausgelöst haben. Greta war sozusagen der «Urknall». Doch «wären die Wahlen erst in drei Jahren, hätte man nicht so schnell reagiert», räumt er ein.  

Patrik Müller findet, das müsse man Greta Thunberg zugute halten. Sie würde einen «nerven» und einem jeden Tag ein schlechtes Gewissen einreden «und ein schlechtes Gewissen ist die Basis von politischer Handlung», hält er fest.

Doch was ändert sich letztendlich wirklich? Eine einzelne Person kann den Wandel nicht bringen. Greta Thunberg kann lediglich auf die Probleme aufmerksam machen und öffentlich Druck erzeugen. Um tatsächlich etwas zu verändern sind Politik und Unternehmen herausgefordert zu handeln. Da scheinen sich die Diskussionsteilnehmer einig. 

Abschliessend bittet Markus Gilli beide Gäste um eine Einschätzung: «Werden wir in einem Jahr noch über Greta sprechen? Ja oder nein?» Beide Gäste prognostizieren: Ja, Greta wird uns noch ein weiteres Jahr begleiten. 

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