Spreitenbach

Opferhilfe zum Fall Céline: «Gegen Cybermobbing hilft vor allem Erziehung»

Die 13-jährige Céline nahm sich im Spätsommer 2017 das Leben.

Die 13-jährige Céline nahm sich im Spätsommer 2017 das Leben.

Die Jugendliche, die vor dem Suizid der 13-jährigen Céline diese online geplagt hatte, beschimpft bis heute und trotz Verurteilung weitere Jugendliche. Für die Opferhilfe ist das Justizsystem nicht das geeignete Mittel gegen Ausgrenzung im Internet.

Der Fall schockierte die ganze Schweiz. Ende August 2017 nahm sich Céline Pfister, 13 Jahre alt, das Leben. Zuvor musste sie monatelang Blossstellungen im Internet aushalten. Zwei Jugendliche, ein Mädchen und ein Junge, wurden kürzlich für die gegen Céline ausgesprochenen Beschimpfungen verurteilt.

Der Junge war Célines Angehimmelter. Ihm hatte sie freizügige Bilder geschickt, die er jedoch seiner Exfreundin weiterleitete. Diese verbreitete das Bild auf Snapchat. Der Streit eskalierte online, Céline wurde auf Social Media und im realen Leben mit Sprüchen über ihre Affäre blossgestellt.

Kurz nach deren Tod machte die Täterin weiter: Die damals Fünfzehnjährige schickte einer weiteren Jugendlichen ein Video, in dem sie ihr drohe, sie würde «sterben wie Céline». Nun berichtet die SRF-Rundschau, dass die unterdessen verurteilte junge Frau weiterhin andere Jugendlichen online bedrohe. Einem Mädchen schrieb sie vergangene Woche: «Ich reisse dir deine Pussy auf» und «Ich verboxe dich, du kleine Schlampe». Für keines der Vorfälle drohen ihr Sanktionen: Im Fall des Videos wurde eine Anzeige erstattet, die aber als ungültig erklärt wurde. Im zweiten Fall ging das bedrohte Mädchen zur Polizei. Dort sei dieses aber abgewimmelt worden, was die Kantonspolizei gegenüber der «Rundschau» abstreitet. Für die Mutter von Céline, Nadya Pfister, muss sich im Justizsystem etwas ändern. Seit dem Fall ihrer Tochter engagiert sie sich gegen Cybermobbing. Nachdem die Strafbefehle im April 2019 publik wurden, trat sie an die Öffentlichkeit und befürwortete auch den Abdruck des Fotos ihrer Tochter.

Strafvollzug reicht nicht

Susanne Nielen von der Beratungsstelle Opferhilfe Aargau/Solothurn drückt ihre Sympathie für die Eltern von Céline aus: «Es ist schrecklich für die betroffenen Familien und die weiteren Opfer, wenn eine Person einfach weitermacht.» Hier sieht sie auch die Grenzen des Rechtssystems: «Ein Strafverfahren ist wegen der Abschreckung an sich schon sinnvoll. Dieser Fall zeigt aber auf, dass es auch wirkungslos bleiben kann.» Für die Leiterin der Opferhilfe hat es damit zu tun, dass Beschimpfungen im Internet nur geringe strafrechtliche Folgen haben: «Grundsätzlich raten wir immer zu einer Anzeige in solchen Fällen.

Das Problem ist, dass im Internet nicht nur Drohungen, sondern auch Beschimpfungen ausgesprochen werden. «Du Arsch» oder «du bist hässlich» werden aber strafrechtlich weniger stark verfolgt, obwohl sie für die Betroffenen ebenfalls sehr schmerzhaft sein können.» In einem solchen Fall könnte sie sich vorstellen, dass Strafen «im Sinne einer pädagogischen Erziehung» ausgeteilt werden könnten. «Ein Handyverbot wäre vielleicht hilfreich, soweit das durchführbar ist.» Zu dem Vorwurf, dass die Polizei die neuen Klagen zu wenig ernst genommen haben soll, will sie sich aber nicht äussern. «Auf jeden Fall ist es wünschenswert, wenn jeder Vorwurf ernst genommen wird.»
Susanne Nielen meint aber auch, dass das Rechtssystem allein das Problem nicht lösen kann. «Ein weiterer Straftatbestand wird nichts ändern.» In ihren Augen könnten vor allem erzieherische Massnahmen Cybermobbing vorbeugen. In der Spreitenbacher Schule, die Céline besuchte, hat man deswegen auch Lehrer entsprechend ausgebildet. In der Hoffnung, dass zukünftige Fälle nicht unentdeckt bleiben.


Suizid nicht mit Mobbing zu tun

Weltweit gilt Célines Geschichte als Musterfall für die tragischen Folgen der Ausgrenzung im Internet. Der Fall bekam grosses Aufsehen, nicht zuletzt auch deshalb, weil der deutsche Rapper Nimo an ihrer Beerdigung teilnahm und auf Instagram durch einen «Ruh in Frieden»-Post eine äusserst belebte Debatte unter Jugendlichen auslöste. Für die betroffenen Eltern besteht kein Zweifel, dass der Suizid ihrer Tochter mit ihrer Ausgrenzung zu tun hatte. Gegenüber der «Rundschau» äussert sich der Vater: «Ich weiss nicht, was alles in Célines Kopf vorgegangen ist, aber ich kann mir vorstellen, dass diese öffentliche Blossstellung ihr das Genick gebrochen hat.»

Jedoch hat die Jugendanwaltschaft Limmattal/Albis keinen Kausalzusammenhang zwischen dem Mobbing gegen Céline und dem Suizid der Dreizehnjährigen festgestellt. Auch wies die Jugendanwaltschaft darauf hin, dass das Jugendstrafrecht in erster Linie ein Erziehungsstrafrecht sei und nicht Sühne oder Vergeltung anstrebe. 

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