Es sind banale Beobachtungen, die Claudia Adrario de Roche zur Aussage verleiten: «In Basel gibt es immer mehr Obdachlose.» Die Präsidentin des Vereins Soup&Chill, einer Wärmestube für Randständige in Basel, macht ein Beispiel: Kürzlich hatte der Verein eine Matratze zu verschenken, doch keiner der Gäste zeigte sich interessiert. Auf Nachfrage sagte einer, er brauche zwar schon eine Matratze, aber er könne sie nicht den ganzen Tag mit sich herumtragen. Ein anderes Beispiel: Vor dem Wochenende, als der Kälteeinbruch bevorstand, gab Soup&Chill 20 Schlafsäcke aus. «Das sind Indikatoren», sagt Adrario de Roche. Sie schätzt, dass ein Drittel der rund hundert Stammgäste in der Suppenstube keine feste Adresse hat - «Tendenz steigend». Verlässliche Zahlen gebe es nicht, da sich viele Obdachlose bewusst nicht an die Ämter wenden würden.

Eine grosse Nachfrage nach Schlafplätzen an der Wärme beobachtet man auch bei den Sozialwerken Pfarrer Sieber in Zürich. Der Pfuusbus, der von Mitte November bis Mitte April 30 Schlafplätze bietet, war dieses Jahr schon in der dritten Nacht nach der Eröffnung voll belegt. «Normalerweise ist der Bus im November noch nicht voll. Und besonders kalt war es auch noch nicht», sagt Mediensprecher Walter von Arburg.

Spanier ohne Schlafplatz

Für den Ansturm auf die Plätze in Pfarrer Siebers Pfuusbus verantwortlich seien primär Arbeitsmigranten aus dem ganzen Euroraum, vor allem aber aus Spanien, Portugal, Bulgarien und Rumänien, die in der Schweiz nach einer Stelle suchen. Allerdings müssen sie nach drei Nächten den Bus wieder verlassen.

Die städtische Notschlafstelle nimmt nur Stadtzürcher und Personen aus dem Kanton Zürich auf, die von ihrer Wohngemeinde zugewiesen werden. Andere Obdachsuchende werden nur in Notfällen und nur für eine Nacht aufgenommen. Wohl deshalb bekomme man auch relativ wenige Anfragen von Arbeitsmigranten, sagt Barbara Strebel vom Sozialdepartement der Stadt Zürich.

Rita Schiavi, Migrationsverantwortliche bei der Gewerkschaft Unia, weiss von Arbeitsmigranten, die seit Tagen nichts gegessen hatten und sich Hilfe suchend bei lokalen Unia-Sekretariaten meldeten. «Zwar sind es auf die Masse der Arbeitssuchenden aus dem europäischen Ausland gesehen immer noch Einzelfälle», sagt Schiavi. «Doch immer mehr Personen reisen ohne Arbeitsvertrag und ohne Netzwerk in die Schweiz und geraten dann in eine Notsituation.»

Sponsoren für Wohnraum

Bei den Ansässigen, die im Pfuusbus unterkommen - und die theoretisch die ganze Saison im Bus bleiben dürfen - handle es sich vorwiegend um Leute, die keine zahlbare Wohnung mehr finden, sagt Mediensprecher von Arburg. Mit diesem Problem steht Zürich nicht alleine da: Annamarie Käch vom Verein Jobdach, der in Luzern im Auftrag der Gemeinden eine Notschlafstelle betreibt, sagt: «Die Situation ist in allen Kantonen und Städten prekär. Menschen am Rande der Gesellschaft finden weniger Wohnraum - und wenn es Probleme gibt, fallen sie schnell wieder raus.»

Claudia Adrario de Roche von der Basler Wärmestube für Randständige will dieses Problem angehen: Sie zeigt sich begeistert von einem Winternotprogramm, wie es die Hamburger Obdachlosenzeitung «Hinz&Kunzt» initiiert hat: Gönner finanzieren für die Wintermonate Wohnraum für Obdachlose. In Hamburg konnten so
15 Personen in einem leer stehenden Bürogebäude untergebracht werden. «In Basel bräuchten wir Unterkünfte für 30 bis 40 Personen. Mithilfe von Sponsoren sollte das zu machen sein», sagt Adrario de Roche.