Kommentar

Nur Solidarität verhindert den totalen Stillstand

Eine Werbetafel macht im karg bevölkerten Bahnhof Bern auf die Hygiene-Tipps des Bundesamts für Gesundheit aufmerksam.

Eine Werbetafel macht im karg bevölkerten Bahnhof Bern auf die Hygiene-Tipps des Bundesamts für Gesundheit aufmerksam.

Kommentar zum Enscheid des Bundesrats, das öffentliche Leben weiter herunterzufahren.

Es ist keine Katastrophe, die sich mit einem Knall angekündigt hat. Mit einem Bild, das sich in unseren Köpfen festmachen wird. Wie dem einstürzenden World Trade Center 2001 etwa oder dem brennenden Atomreaktor in Tschernobyl. Das Corona-Virus ist unsichtbar. Wohl deshalb dauerte es (zu) lange, bis der Ernst der Lage in das Bewusstsein der Bevölkerung eindrang. Zu sorglos gingen wir mit den Ratschlägen des Bundes um. Distanz halten? Nicht für mich! Viele fühlten sich unverletzlich und vergassen dabei: Es geht nicht um einen selbst ­­– sondern um den Schutz der Mitmenschen. Um die älteren und verletzlichen, gewiss. Aber auch um den jungen, verunfallten Töfffahrer oder um das krebskranke Mädchen. Auch sie brauchen ein Gesundheitssystem, das funktioniert und nicht wegen Corona kollabiert. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga nannte die richtigen Beispiele, um zu zeigen, weshalb es Solidarität braucht, ja ein «Ruck durch die Gesellschaft gehen muss».

Die Situation ist neu. Täglich lernen die Experten dazu. Man kann dem Bundesrat vorwerfen, dass er mit seinem Massnahmenpaket vom letzten Freitag zu viel offengelassen und damit einen föderalen Flickenteppich provoziert hat. Das hat Unsicherheiten geschürt. Nun hat der Bundesrat nachgelegt: Er macht einheitliche Vorgaben an die Kantone, bietet die Armee auf und schränkt das öffentliche Leben weiter ein. Die Botschaft war klar: Jeder muss einen Beitrag leisten, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Der Staat setzt dem eigenen Handeln enge Grenzen. Das ist einschneidend, aber nötig. Wer seine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft jetzt nicht wahrnimmt, provoziert weitere Einschnitte. Ja, den totalen Stillstand. Wie etwa in Österreich, wo de facto ein Ausgehverbot gilt. Die Massnahmen sind bereits jetzt drastisch. Coiffeusen, Ladenbesitzer oder Gastronomen fürchten um ihre Existenz. Immerhin: Die Schweiz hat die Mittel und das Know-how, um unbürokratisch zu helfen.

Die Parteien haben mit einem gemeinsamen Communiqué ein Zeichen gesetzt. Sie erinnerten an die Inschrift in der Bundeshauskuppel: «Unus pro omnibus, omnes pro uno» – ­Einer für alle, alle für einen. Zu pathetisch? Nein. Corona ist ein echter Solidaritätstest für das Land.

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