Bundesratswahlen

Norman Gobbi ist der Brückenbauer, der gerne Mauern errichtet

Der Tessiner Norman Gobbi (38) will am 9. Dezember in den Bundesrat gewählt werden.

Der Tessiner Norman Gobbi (38) will am 9. Dezember in den Bundesrat gewählt werden.

Im dritten und letzten Teil der Serie über die SVP-Bundesratskandidaten stellt die «Nordwestschweiz» den Tessiner Regierungsrat Norman Gobbi vor. Heute bereut er seine früheren rassistischen Ausrutscher und gibt sich versöhnlich.

Norman Gobbi ist erst 38 Jahre alt. Aber wenn er auf dem offiziellen Parkett unterwegs ist, als Tessiner Regierungsrat, bewegt er sich wie ein altgedienter Staatsmann, der die gesellschaftlichen Etiketten bestens kennt. 

Anzug und Krawatte dürfen nie fehlen. Der Umgangston ist stets freundlich und konziliant, auch wenn im Blick etwas Spitzbübisches geblieben ist.

Bald 20 Jahre politische Erfahrung haben ihn geprägt – seit gut vier Jahren sitzt er in der Kantonsregierung und steht dem Justiz- und Polizeidepartement vor.

Es gibt aber auch einen anderen Gobbi. Man kann ihn erleben, wenn seine Partei – die rechtspopulistische Bewegung Lega dei Ticinesi – ihre Anhängerschaft zum Gratis-Risotto einlädt und er als «Super Norman» gefeiert wird.

Kritik an SVP-Dreierticket – Gewinnen könne nur einer, monieren Kritiker: Blocher-Zögling Thomas Aeschi.

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Dann schlägt der zweifache Familienvater aus der Leventina gerne mal mit der Faust auf den Tisch und zeigt sich im Holzfällerhemd; dann ist er ganz Kumpel. Den Lega-Wählern gefällt dieser Ton. Man möchte es doch so gerne «denen da oben» zeigen.

Allerdings, und dies ist ein wichtiges Detail, ist die Lega inzwischen selbst oben. In der Kantonsregierung stellt sie die relative Mehrheit – zwei von fünf Regierungsräten.

Gobbi ist vorsichtiger geworden

Norman Gobbi geht mit der Doppelrolle der Lega aus Opposition und Regierungsbeteiligung geschickt um. Als die Lega im Sommer 2013 mit einer unbewilligten «Freiheitskarawane» auf der Autobahn A2 unterwegs war, beteiligte er sich zwar nicht, distanzierte sich aber auch nicht eindeutig.

Er wusste: Als Polizeidirektor steigt man nicht mehr selbst auf die Barrikaden.

Verteidigt die Wahl der drei SVP-Bundesrats-Kandidaten: Parteipräsident Toni Brunner in der Sendung «TalkTäglich»

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Das war vor vielen Jahren anders. Politisch sozialisiert wurde Gobbi als Teenager, als mit der Lega dei Ticinesi im Südkanton eine neue politische Kraft auftauchte, die die traditionelle Dominanz von FDP und CVP aufweichte. Lega-Gründer Giuliano Bignasca war sein Idol.

Und natürlich gefiel auch dessen derber Wortschatz, in dem Ausländer, Asylbewerber und Grenzgänger stets eine bevorzugte Zielscheibe waren.

Gobbi war von dieser rebellischen Seite fasziniert, im Eishockey-Stadion von Ambrì fiel er 2007 dann selbst negativ durch rassistische Sprüche auf, als er einen schwarzen Spieler des HC Lugano als «negro» bezeichnete.

In seinem Blog zog er über Zigeuner her, die er mit Tieren verglich, oder wünschte sich, EU-Botschafter in den Bärengraben zu sperren. Heute bereut Gobbi diese Aussagen. Und man nimmt es ihm ab. Allerdings können sie kaum als Jugendsünden abgetan werden.

Denn immerhin war er damals schon 30 Jahre alt und Grossrat.

Die politische Karriereleiter ist Gobbi als studierter Kommunikationswissenschaftler schnell hochgeklettert. Nun steht er als Bundesratskandidat auf dem Dreierticket, damit auch die italienische Schweiz vertreten ist.

«Als Vertreter der italienischsprachigen Schweiz sehe ich mich als Brückenbauer, als Brückenbauer über den Rösti- und Polentagraben, aber auch als Brückenbauer zwischen der Schweiz und unseren Nachbarländern», sagte er nach seiner Nomination.

Wie ehrlich ist der sanftere Ton?

Das klingt gut. Doch im Tessin rieb man sich die Augen. Denn Gobbi forderte dieses Jahr noch, angesichts des Flüchtlingsstroms die Grenzen zu schliessen. Auch an den Brücken nach Bern sägte er gern: Beim Botschaftertreffen anlässlich des Filmfestivals von Locarno warf er dem Bundesrat vor, das Tessin im Namen der bilateralen Verträge mit der EU geopfert zu haben.

Das Parteiblatt forderte zudem wiederholt, Mauern an der Grenze nach Italien zu bauen. Und: Gobbi gehört zum innersten Machtzirkel der Lega – den so genannten «colonnelli».

Um für den Bundesrat kandidieren zu können, ist Gobbi flugs der SVP beigetreten. Die 30 Franken für die SVP-Mitgliedschaft habe ihm Attilio Bignasca gegeben, scherzt er. Ein Problem mit der doppelten Parteizugehörigkeit hat er nicht, «denn in allen wichtigen Fragen bin ich auf der SVP-Linie».

Das heisst vor allem in Fragen wie EU sowie Asyl- und Ausländerrecht.

Fraglos repräsentiert Gobbi mit seiner politischen Linie einen guten Teil der Tessiner Bevölkerung. Der Gesamtstaatsrat und das Präsidium des Grossen Rates unterstützen seine Kandidatur, damit nach 16 Jahren wieder ein Vertreter des italienischen Landesteils in der Landesregierung vertreten ist.

Doch die Kandidatur Gobbi spaltet auch den Kanton, wie viele Reaktionen zeigen.

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