Herr Suter, die Metron ist spezialisiert auf Raumentwicklung. Nächstes Jahr feiert das Unternehmen 50 Jahre des Bestehens. Nun geht ein diffuses Gefühl dahin: Ebenfalls seit 50 Jahren wird das Land zersiedelt. Kann man gegen Zersiedelung gar nicht mehr «anplanen»?

Beat Suter: Die Schweiz hat sich tatsächlich in ihrer Geschichte nie so verändert wie in der Nachkriegszeit bis heute. Die Forderungen der Raumplanung lauteten schon immer: Landschaft schützen, Zersiedelung vermeiden, haushälterische Bodennutzung. Dass dies nicht gelungen ist, hat letztendlich zur Landschaftsinitiative und zur Änderung des Raumplanungsgesetzes geführt. Und zwar vor den beiden späteren Einwanderungsinitiativen. Die erfolgreiche Abstimmung zum Raumplanungsgesetz (RPG) war die richtige Antwort, um die Zersiedelung tatsächlich zu stoppen.

Ist die Rede von der «Zersiedelung» eine Mär oder Beobachtung?

Hauptgründe einer solchen Wahrnehmung sind die in der Landschaft bzw. entlang den Autobahnen stehenden Gewerbegebiete und die ausufernden Einfamilienhausteppiche. Im Mittelland sind 60 Prozent des Siedlungsgebietes mit Einfamilienhauszonen belegt. Wäre hier von Anfang an dichter gebaut worden, wäre unser Siedlungsraum locker um einen Drittel kleiner! Und dazu hätte es keine Hochhäuser gebraucht. Schon Doppelhäuser, Reihenhäuser und kleine Mehrfamilienhäuser hätten die erforderliche Dichte gebracht. Letztlich waren es aber immer die Gemeinderäte und die Gemeindeversammlungen, die Zonenpläne beschlossen haben. Die zersiedelte Schweiz ist der Spiegel unserer politischen Entscheide – und nicht etwa dem Umstand geschuldet, dass ein Ufo gelandet wäre.

Fährt man über Land, erschrickt man, was auf der grünen Wiese in nur drei Jahren hingeklotzt wurde.

Ich denke, dass es tatsächlich enger wird, dass alles, was zusätzlich entsteht, stärker auffällt und auch stören kann. Entwicklung, auch bauliche Entwicklung, ist aber weiterhin ein berechtigtes Bedürfnis der Gesellschaft und der Wirtschaft – das hat ja die letzte Abstimmung bestätigt. Die Frage ist aber: Was schaffen wir damit für Qualitäten? In der Geschichte war Bauen immer ein wichtiger Kulturbeitrag.

Was visuell zu Buche schlägt – und den ästhetischen Sinn fast erschlägt –, sind Gewerbebauten: Logistikzentren, Billigläden, Lagerhallen. Gibt es da eigentlich Auflagen, nicht zu brachial zu bauen?

Da bin ich anderer Meinung: Wichtig sind die Alltagsräume. Die Ortszentren, die Wohnquartiere. Die früheren Dörfer, die zur Agglomeration und zur Vorstadt geworden sind und sich sträuben, ihre neue Position zu akzeptieren und aktiv zu gestalten. Das heisst: Die bereit wären, mehr Stadt zu werden. Das Bauen wird der Bauindustrie überlassen, und die Fragen der Ortsgestaltung und der Baukultur werden viel zu oft ignoriert.

Gibts keine überkantonale, überregionale Handhabe zur Mässigung? Was ist mit dem Bund bzw. mit dem Bundesamt für Raumplanung ARE? Immerhin schreibt sich das ARE ebenfalls Nachhaltigkeit auf die Fahnen und gibt «Anreiz» für Lösungen innerhalb der vom Bund «gesetzten Schwerpunkte».

Der wichtigste Hebel der Steuerung in Richtung einer nachhaltigeren Siedlungspolitik ist das revidierte Raumplanungsgesetz (RPG) und die nun zwingend folgenden Revisionen aller kantonalen Richtplanungen. Der Ball liegt heute weniger beim Bund als bei den Kantonen, die ihre Richtpläne anpassen müssen.

Der Bund schuf indes eine sogenannte Tripartite Agglomerationskonferenz (TAK) – ein Gremium zur Zusammenarbeit. Funktioniert das Gremium Ihrer Ansicht nach?

In der TAK sind der Bund, die Kantone und Agglomerationsgemeinden vertreten. Diese Zusammenarbeit über alle Ebenen ist sehr wichtig. Die Wirkung der TAK ist aber bisher vor allem im Rahmen der Agglomerationsprogramme spürbar gewesen. Zukünftig soll auch das Thema der nachhaltigen Siedlungsentwicklung angegangen werden. Wir konnten dazu an einem Forderungskatalog mitarbeiten. Aus meiner Sicht besteht die Chance, dass dabei vor allem die Fragen der Siedlungsqualität und der Qualitätssicherung forciert werden. Es ist übrigens sehr erfreulich, dass auch der Bund das Thema Baukultur in seine Kulturförderung aufgenommen hat. Am meisten Handlungsbedarf besteht hier bei den Gemeinden: Man hat zwar fleissig eingezont, aber nicht diskutiert, was einen guten Ort und ein gutes Quartier ausmachen. Anders als die Städte, welche Städtebau als gestalterische Aufgabe erfolgreich betreiben, haben sich die meisten der Agglomerationsgemeinden dieser Aufgabe leider nur sehr spärlich gestellt.

Wie schaltet sich die Metron auf den besagten drei Ebenen ein? Geht das einigermassen gut, oder verläuft alles noch zu kleinräumig?

Wir haben uns fokussiert auf die qualitätsorientierte Siedlungsentwicklung nach innen, auf Verdichtung mit Qualität. Die Gemeinden sind heute mit der Frage «Innenentwicklung ja, aber wie?» konfrontiert. Die Zersiedelung stoppen und gleichzeitig Entwicklungsspielräume schaffen, bedeutet, dass wir den bestehenden Siedlungsraum weiter gestalten müssen. Wir sehen darin tatsächlich auch eine Chance. Die Bevölkerung schätzt durchaus auch die Qualitäten mit der Nähe zur Landschaft und den durchgrünten Quartieren. Die Bauten der 1960er-, 1970er-, 1980er-Jahre sind akut im Sanierungsalter, die Energieziele der Schweiz verfolgen eine Sanierung. Der Siedlungskörper ist weit dynamischer als wir das wahrnehmen. Es wird schon intensiv saniert, umgebaut und abgebrochen. Mit dieser Dynamik verbinden wir das Ziel einer Nachverdichtung und wollen dazu die richtigen Weichen stellen.

Ein Viertel der Gesamtfläche in der Schweiz ist «Agglo». Warum schützt man kleine Nester an Berghängen, schafft es aber nicht, einen Viertel des Landes ästhetisch in eine erträgliche Form zu zwingen?

Wenn jedes Jahr 2 Prozent der Gebäude saniert werden, wie es der Bundesrat in den Energiezielen verfolgt, dann wird in 25 Jahren die Hälfte aller Bauten baulich verändert. Wenn man dabei auch zusätzliche Wohnungen schaffen kann und gleichzeitig die Qualität der Quartiere weiterbringt, dann ist viel gewonnen. Es geht aber nicht ohne ein Bekenntnis zu mehr Urbanität; dieses muss von den Agglomerationsgemeinden getragen und planerisch umgesetzt werden. Die Gemeinden, die das schon länger gecheckt haben, sind übrigens auch jene Gemeinden, die in den letzten Jahren den Wakker-Preis erhalten haben: Aarau, Sion, Köniz und Ouest lausannois.