Wie misst man die Befindlichkeiten an Schulen? Ein guter Indikator ist – gerade in der föderalistischen Schweiz – die jährliche Umfrage des nationalen Schulleiterverbandes (VSLCH). Die noch unveröffentlichten Ergebnisse 2018 liegen der «Schweiz am Wochenende» vor und geben Einblicke, wo die grossen Herausforderungen rund um die Klassenzimmer liegen.

Während in den vergangenen Jahren die Stellensituation im Fokus der Umfrage stand, hat der Verband seine über tausend Mitglieder nun zum ersten Mal direkt gefragt: «Was beschäftigt Sie überdurchschnittlich?» Ist es der Lehrermangel, Stress mit Eltern, der digitale Wandel – oder doch etwas anders?

An der Spitze der Herausforderungen steht die Umsetzung des Lehrplans 21. Nach jahrelanger Debatte, unzähligen Vorstössen und kantonalen Abstimmungen haben sich alle Deutschschweizer Kantone auf einen gemeinsamen Lehrplan geeinigt. Nun sind die Schulleiter stark gefordert.

Dabei ist es zweitrangig, ob die Kantone den neuen Lehrplan bereits eingeführt haben oder ob sie ihn – wie beispielsweise im Kanton Aargau – erst noch umsetzen müssen. Die seitenlangen Beschreibungen, was Kinder in welchen Fächern künftig können müssen, fordern Schulleiter, Lehrer und Kinder gleichermassen.

Mit Tablet im Klassenzimmer

VSLCH-Präsident Bernard Gertsch möchte deshalb, dass sich auch die Lehrerausbildung strukturell an den Lehrplan 21 anpasst. Statt Primar- und Sekundarlehrer würden die angehenden Lehrkräfte dann in den drei Zyklen des Lehrplans ausgebildet: Kindergarten bis 2. Klasse, 3. bis 6. Klasse und 1. bis 3. Sekundarstufe. So werde das Profil der Lehrpersonen geschärft, sagt Gertsch, und die Stellensuche vereinfacht.

Eine weitere grosse Herausforderung der nächsten Jahre ist gemäss Umfrage der digitale Wandel. Erstens geht es um die Aufrüstung der Klassenzimmer: «In wenigen Jahren ist ein Tablet so essenziell wie heute ein Etui», betont Lehrerpräsident Beat Zemp schon länger. Er unterstützt deshalb die «Bring your own device»-Strategie.

Auf der Sekundarstufe zwei soll jeder Schüler sein eigenes Gerät in den Unterricht mitnehmen. Das sei am günstigsten. Wer allerdings keines hat, darf ein Gerät der Schule benutzen. Des Weitern müssen sich auch die Lehrkräfte auf neue Unterrichtsmethoden einstellen. Gerade in Zeiten steigender Schülerzahlen könnten es technische Hilfsmittel erlauben, grössere Klassen individuell und effizient zu unterrichten.

Ein drittes Thema, das aus der Umfrage hervorgeht, sind die Sparmassnahmen. Dabei offenbaren sich grosse kantonale Unterschiede. Während im Aargau 60 Prozent und in Luzern 57 Prozent der Schulleiter Sorgen wegen der Sparzwänge bekunden, sind es in Bern lediglich 18 und in Basel-Stadt nur 7 Prozent (siehe nachfolgende Grafik). Das ist kein Zufall: Besonders im Aargau und in Luzern wurde zuletzt heftig über Kürzungen des Budgets diskutiert.

Zwangsferien wegen Geldsorgen

Zum Höhepunkt der Debatte schickte der Kanton Luzern gar 20 000 Gymnasiasten und Lehrlingen eine Woche in die Zwangsferien. Das liess selbst den Erfinder der Pisa-Studie ratlos zurück: «Von einer solchen Massnahme habe ich nur einmal gehört», sagte der Deutsche Andreas Schleicher. Das sei in Kalifornien gewesen – zum Höhepunkt der letzten Finanzkrise. «Wenn die Schweiz als reiches Land so eine Massnahme umsetzt, ist das schon bizarr.»

In der Umfrage spiegeln sich die finanziellen Mittel ebenfalls in der Stellensuche wieder. Besonders dann, wenn der Nachbarkanton höhere Anfangsgehälter zahlen kann. So beginnt ein Primarlehrer in Bern mit einem Jahresgehalt von 73 600 Franken, was monatlich 5600 Franken entspricht, wie die kantonalen Lohntabellen zeigen.

Die Kollegen in Solothurn verdienen jährlich 7000 Franken mehr. Nach zehn Jahren im Beruf sind es jährlich gar 20 000 Franken mehr. Wer in den Grenzgebieten lebt, sucht sich deshalb in jenem Kanton eine Stelle, der besser zahlt – zum Leidwesen des Nachbars. Wer in der Deutschschweiz am meisten verdienen will, muss nach Zürich.

Dort bezahlt der Kanton Junglehrern 90 750 Franken im Jahr. 18 000 mehr als in Graubünden. Am wenigsten verdienen nach zehn Jahren die Aargauer. Am tiefsten ist der Lohn allerdings im Kindergarten. Auch deshalb gestaltet sich die Personalsuche dort notorisch schwierig, wie die Umfrage zeigt.

Ein Grund für den Mangel auf den tieferen Schulstufen sind festgefahrene Rollenbilder. Männer interessieren sich kaum für die Stellen. Es gibt Kinder, die vom Kindergarten bis zur Oberstufe fast nur von Frauen unterrichtet wurden. Das soll sich nun ändern. Der Verein «Männer an die Primarschule» will die Quote in der Unter- und Mittelstufe erhöhen, vom Kindergarten bis in die 6. Klasse. Zurzeit läuft die Eingabefrist für Projekte, die ab 2019 für vier Jahre laufen. Ziel des Vereins ist es, den Männeranteil bis 2030 um 30 Prozent zu erhöhen – und so dem Mangel entgegenzuwirken.