Auswüchse
Nebenwirkungen billiger Medikamente machen Kopfweh

Die Preise für Medikamente werden so stark gedrückt, dass Hersteller Produkte zurückziehen. Und auch Apotheker leiden. Ist ein Arzneimittel günstiger als 15 Franken, rentiert der Verkauf für Apotheker nicht.

Anna Wanner
Drucken
Teilen
Das Geschäft mit Medikamenten ist für viele Apotheker kaum noch profitabel.

Das Geschäft mit Medikamenten ist für viele Apotheker kaum noch profitabel.

Keystone

Bis zu 800 Millionen Franken konnten im Gesundheitswesen eingespart werden, weil der Bundesrat die Medikamentenpreise vor drei Jahren senkte.

Was für die Konsumenten auf den ersten Blick als Entlastung daherkommt, könnte sich als Boomerang erweisen. «Welche Dynamik die tiefen Preise auslösen, wird heute unterschätzt», sagte Christian Köpe, Leiter Business Development Galenica, am gestrigen Medienanlass des Bündnisses freiheitliches Gesundheitswesen.

Neben den Herstellern, die von den Preissenkungen direkt betroffen sind, bekämen zunehmend auch Apotheker und Grosshändler die tiefen Preise zu spüren.

Teure Medis: Kein gutes Geschäft!

Der Grund liegt in der klar definierten Struktur des Medikamentenpreises. Vertreiber leben von Marge und Pauschale, die je nach Preis des Medikaments stark variieren.

Nicht immer können sie damit ihre Auslagen decken. Viele Apotheker weiteten ihr Sortiment auf Schmuck und Parfüm aus, weil das Geschäft mit den Medikamenten kaum mehr profitabel sei, sagte Marcel Mensil, Generalsekretär des Apothekerverbands Pharmasuisse.

Gemäss seinen Angaben geht die Rechnung für Apotheker nur bei Fabrikabgabepreisen zwischen 15 und 880 Franken auf. Liegt der Preis darunter, ist die Marge so tief, dass die Kosten nicht gedeckt werden können.

Bei teureren Medikamenten greift hingegen ein anderer Mecano: Wenn ein Apotheker ein Arzneimittel für 20 000 Franken kauft, geht er ein Risiko ein. Zunächst gibt es ab 2570 Franken keine Marge auf Medikamente mehr, sondern eine Pauschale von 240 Franken. Dann ist das Kapital blockiert, bis der Patient das Medikament kauft. Meist sind auch Transport und Lagerung heikel, also teuer. Und falls der Apotheker auf dem Medikament sitzen bleibt, schreibt er 20 000 Franken Verlust.

Rationierung aus Angst vor Verlust

Das Phänomen akzentuiert sich, weil sich die Schere der Medikamentenpreise öffnet. «Vor ein paar Jahren lagen 98 Prozent des Marktes in dem für die Vertreiber rentablen Spektrum», so Mensil. Doch wegen den Preissenkungen sei passiert, was lange als undenkbar galt: Viele wichtige Medikamente rutschten unter die kritische 15-Franken-Schwelle. Gleichzeitig hat sich der Absatz von teuren Medikamenten in den letzten beiden Jahren verdoppelt. Das spiegelt sich auch in den Gesundheitsausgaben wieder: Die gesparten 800 Millionen Franken konnten nicht an den Prämienzahler weitergegeben werden, sondern wurden für teure, innovative Medikamente eingesetzt. Das trifft die Branche der Apotheker und Grossisten gleich doppelt. «Günstige Produkte können wir bald nicht mehr liefern, weil es sich nicht rechnet», so Andreas Tschan, Geschäftsführer von Pharmafokus. Und bei den teureren gehe man ein zu grosses Risiko ein. «Wir haben zwar den Auftrag, Apotheken mit Medikamenten zu beliefern. Doch es zwingt uns niemand, dabei Verluste zu schreiben.»

Freier Markt für Medikamente

Gemäss Pharmasuisse wirkt sich die Preispolitik auf das Sortiment aus, weil einerseits Vertreiber Verlustgeschäfte vermeiden wollen. Aber auch Hersteller würden reagieren, wenn Medikamente nicht mehr rentabel sind. Ihm seien Produkte bekannt, die wegen des Preisdrucks vom Markt genommen wurden, sagt Mensil. Als Beispiel nennt er Sulfonamide, ein Mittel gegen Harnweg-Infektionen. Jetzt müsse zur Therapie ein teureres Produkt verwendet werden, denn auch für Generikahersteller rechne sich die Produktion nicht. Dasselbe Muster bei anderen Mitteln wie Hygroton gegen Bluthochdruck.

Aus dieser Situation leitet das Bündnis Forderungen ab. Denn wenn die Rechnung Ende Monat nicht aufgeht, kann weder Hersteller noch Grossist, noch Apotheker am Preis schrauben. Sie fordern einen Systemwechsel: Wenn rezeptpflichtige Medikamente mit gleicher Wirkung im Wettbewerb stehen, soll der Hersteller – und nicht der Staat – den Preis festlegen können.

Aktuelle Nachrichten