Nähkästchen

Nationalrätin Maya Graf über Glarner und Köppel: «Nur mit Provokationen lassen sich keine Mehrheiten bilden»

Maya Graf hat im Garten ihres heimlichen Hauptquartiers, dem Bistro Cheesmeyer in Sissach, den Begriff «Sexappeal» gezogen.

Maya Graf hat im Garten ihres heimlichen Hauptquartiers, dem Bistro Cheesmeyer in Sissach, den Begriff «Sexappeal» gezogen.

Die Baselbieter Nationalrätin Maya Graf (55) plaudert aus unserem Nähkästchen. Über ein Thema, das die Grünen-Politikerin gar nicht mag.

Maya Graf, worüber reden wir heute?

Maya Graf: Über Sexappeal. Warum ist gerade dieser Begriff bei mir im Nähkästchen? Meine Politik und meine Tätigkeiten haben nicht sehr viel mit Sexappeal zu tun.

Wieso wehren Sie sich gegen eine solche Zuschreibung?

Für mich ist eine Person immer nur in einem umfassenden Sinn attraktiv, was sie ausstrahlt, wofür sie sich einsetzt, was sie leistet, was sie erreicht. Aber nie nur auf Äusserlichkeiten reduziert. Auf die Politik bezogen kann ich mit diesem Begriff wirklich nicht viel anfangen.

Wollen Sie ernsthaft behaupten, dass Aussehen und Sexappeal im Berner Bundeshaus keine Rolle spielen? Der frühere TV-Moderator Matthias Aebischer beispielsweise ist doch sicher nicht wegen seines politischen Leistungsausweises Nationalrat geworden.

Es stimmt schon, dass in der heutigen Mediengesellschaft ein attraktives Aussehen an Stellenwert gewonnen hat – leider. Aber wenn ich mich unter der Bundeshauskuppel umsehe, fällt mir niemand ein, der seinen Erfolg oder Einfluss ausschliesslich dem zu verdanken hätte. Gerade Matthias Aebischer leistet sehr viel. Mir fällt eher das Gegenbeispiel ein: Der Solothurner Nationalrat Kurt Fluri ist ja auf den ersten Blick nicht gerade attraktiv, aber er wird es, wenn man seinen beachtlichen Leistungsausweis, seine Erfolge und seinen Einfluss hinzunimmt.

Keine Blender weit und breit? Ist das Ihr Ernst?

Eine solche Fassade liesse sich in der täglichen politischen Arbeit innerhalb des Schweizer Systems, wo alle mal miteinander zu tun haben, gar nicht aufrechterhalten. Da würde man rasch auffliegen. Nehmen Sie einen Herr Glarner oder Herr Köppel: Die sind laut, in den Medien omipräsent, haben aber in Bern null Einfluss. Nur mit Provokationen lassen sich keine politischen Mehrheiten bilden.

Trotzdem, wenn Sie sich festlegen müssten: Wer von Ihren Kolleginnen und Kollegen in Bern hat am meisten Sexappeal?

Ich würde trotzdem sehr stark zwischen der Persönlichkeit und blossem Sexappeal unterscheiden. Ich bin nicht alleine, wenn ich sage, dass Doris Leuthard viele der mir wichtigen Eigenschaften auf eine positive Art verbindet. Bei Didier Burkhalter gefällt mir seine bescheidene Art des Auftretens. (Denkt nach) Nicht zu vergessen Anita Fetz, die ihre Ausstrahlung über Jahrzehnte beibehalten konnte; das muss man zuerst können.

Hand aufs Herz: Zumindest in Ihren Wahlkämpfen setzen Sie auf Ihr gutes Aussehen, oder?

Natürlich will man sich auf dem Plakat nicht hässlicher machen, als man ist. Aber ich hätte mich nie darauf reduzieren lassen. Schon als jüngstes Mitglied der Sissacher Gemeindekommission ist es mir um politische Inhalte gegangen. Mir wäre nicht eingefallen, mit dem Äusseren zu spielen. Es entspricht schlicht nicht meinen Überzeugungen.

Dann ist alles nur die Schuld der Medien? Das ist doch zu billig.

Es ist aber so, dass Medien noch heute sehr oft bei Frauen in diese Rollenklischees verfallen. Bei Eveline Widmer-Schlumpf, der besten Bundesrätin, die wir je hatten, wurde noch nach Jahren im Amt über ihre Frisur geschrieben.

Aber doch nicht nur. Ihre Politik wurde stets sehr ausführlich, meist objektiv kommentiert. Wieso macht Ihnen diese Episode so sehr zu schaffen?

Mich beschäftigen die Rollenklischees, weil wir ihnen noch extrem verhaftet sind und dadurch die persönliche Freiheit von Frauen und Männern einschränken. Das Geschlecht ist nur ein Teil unserer Persönlichkeit. Doch wir orientieren uns daran. Wenn in gewissen Berufsfeldern die Vorbilder fehlen, also etwa die Frauen in den Chefetagen und in den MINT-Bereichen oder die männlichen Kindergärtner, dann zeigt man Jungen und Mädchen einen Teil ihrer Entwicklungsmöglichkeiten und Zukunftsperspektiven nicht.

Sie haben den Begriff Sexappeal sofort mit der Politik assoziiert. Ist das Ihr persönliches Rollenklischee, dass es für Sie ausser der Politik gar nichts anderes mehr gibt?

Wenn ich ein Interview gebe, dann tue ich es üblicherweise als Politikerin. Für meine Familie und Freunde wäre eine solche Reduktion aber sehr schlimm. Ich brauche das Abschalten in der Familie, das Festen im Freundeskreis. Wenn ich zu Hause anfange zu politisieren, sagen sie mir: Du bist hier nicht im Nationalrat. Das wirkt!

Dann jetzt völlig unpolitisch: Beim Sexappeal welchen Schauspielers werden Sie schwach?

Da gibt es für mich nur einen: Kevin Costner. Auch heute noch nach fast 30 Jahren. Für mich ist er die Verkörperung eines wirklich attraktiven Mannes, auch im fortgeschrittenen Alter.

Welcher seine Filme gab dafür die Initialzündung? «Bodyguard»?

Nein, «Dances with Wolves» hat bei mir etwas in Bewegung gesetzt. Schon als Kind war ich ein Indianerfan, bin mit Indianerzöpfen als «Mondkind» in die Primarschule und habe alles über sie gelesen – alles ausser Karl May. Dadurch habe ich den engen Bezug zur Natur entwickelt. Kevin Costner hat einen wichtigen Teil ihrer Geschichte, den Untergang der indigenen Kultur und die Auseinandersetzung mit den Invasoren, eindrücklich nachgezeichnet. Den Film habe ich sicher zehnmal gesehen.

Dann war Kevin Costner schuld daran, dass Sie heute Nationalrätin sind?

Nein. Wann ist «Dances with Wolves» erschienen? 1990? Da war ich schon politisiert und mitten in der Umweltbewegung und Gemeindepolitik angekommen. Der Film hat mich einfach darin bestärkt, für und nicht gegen die Natur zu leben. Indianische Weisheiten bedeuten mir sehr viel, etwa ihre Dankbarkeit gegenüber den Gaben der Natur. Bezeichnend für Costners Charakter ist übrigens, dass er mit seinem Film nicht einfach nur das Thema und die indianischen Darsteller kommerziell ausgenutzt hat, sondern sich auch darüber hinaus für die Verbesserung ihrer Lebensumstände einsetzte und als Mitglied in den Stamm aufgenommen wurde. Hugh!

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