Nach Vorwürfen
Neuer Protestbrief: Tamedia-Männer solidarisieren sich mit Journalistinnen

Männer der Tamedia-Redaktion reagieren auf den Protestbrief ihrer Kolleginnen und doppeln nach. Sie bekunden ihre Solidarität – ebenfalls in einem Brief.

Nina Fargahi
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Hauptsitz des Medienunternehmens TX Group, das unter Tamedia den «Tages-Anzeiger» herausgibt.

Hauptsitz des Medienunternehmens TX Group, das unter Tamedia den «Tages-Anzeiger» herausgibt.

Bild: Keystone

78 Tamedia-Journalistinnen haben einen Brief unterschrieben und Sexismus in ihrem Betrieb angeprangert. Nun doppeln Männer der Redaktion nach und bekunden ihre Solidarität mit ihren Kolleginnen – ebenfalls per Brief, den bis Montagabend knapp hundert Redaktoren unterzeichnet haben. «Wir verurteilen das geschilderte diskriminierende Klima in den Redaktionen», heisst es in dem Schreiben, das CH Media vorliegt. Dass für einige Frauen als Ausweg nur noch die Kündigung geblieben sei, finde man unhaltbar:

«Wir sind der Meinung, dass in einem fortschrittlichen Medien-Unternehmen, das sich zur Diversität bekennt, solches Verhalten keinen Platz hat.»

Tamedia ist nicht das einzige Medienhaus, in dem Sexismus beklagt wird. Das Problem wird als strukturell gesehen. Eine Unterzeichnerin, die nicht namentlich genannt wird, sagt: «Der Skandal ist nicht, dass wir diesen Brief geschrieben haben, sondern dass Sexismus in allen Medienhäusern und in allen anderen Unternehmen Alltag ist.» Dies sei eine Gelegenheit, um strukturelle Probleme aufzuarbeiten.

Gabriella Hunter, Ressortleiterin bei der Tamedia-Zeitung «Finanz&Wirtschaft», sagt: «Ich unterstütze den Protestbrief, weil er aufzeigt, wie sich etwas ändern kann. Auch wenn es wohl einen gesamtgesellschaftlichen Wandel braucht.»

Auch die Inland-Redaktorin Salome Müller, die den Protestbrief unterschrieben hat, sagt: «Ich habe nicht damit gerechnet, dass unser Schreiben so breit aufgenommen wird; es zeigt: Wir müssen jetzt darüber sprechen.»

Und es zeige auch, dass viele Frauen ähnliche Erfahrungen gemacht hätten, sowohl in der Medienbranche als auch in anderen Betrieben. Spätestens seit dem Frauenstreik wisse man, wie tiefgreifend dieses Problem sei.

«Sehr viele Frauen kennen genau solche oder ähnliche Situationen, die wir geschildert haben. Ich glaube, dass unser Brief deshalb so eine grosse Wirkung hatte.»

Tamedia hatte offenbar Wind bekommen von diesem Brief, denn kurz vorher veröffentlichten die Geschäftsleiter ein Email, in dem sie die Frauenförderung im Betrieb thematisierten und «verbindliche Ziele» definierten.

Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser sagt auf Anfrage: «Wir werden den konkreten Vorwürfen nachgehen.» Man werde auch eine erneute Lohnanalyse machen, obwohl die letzte von 2019 keine Diskriminierung festgestellt habe. Zudem werde man weibliche Kandidaturen bei Neueinstellungen berücksichtigen. Die Absenderinnen warten intern noch auf eine Stellungnahme der Chefredaktion.