UNO-Hilfswerk

Nach Uno-Rücktritt: Krähenbühl präsentiert sich als Opfer der Politik

Der Schweizer Chef des Uno-Hilfswerks UNRWA tritt zurück.

Der Schweizer Chef des Uno-Hilfswerks UNRWA tritt zurück.

Der Schweizer Chef des Uno-Hilfswerk tritt zurück. Seine Verteidiger wittern einen Komplott der USA, seine Kritiker monieren fehlende Einsicht.

Dokumentarfilm oder Humanitäre Hilfe? Die Welt beobachten oder Handeln? Diese Fragen stellte sich Pierre Krähenbühl in seiner Jugend. Der Genfer wählte die Humanitäre Hilfe und brachte es weit: Bis zum höchsten Schweizer Uno-Funktionär.

Mehr als fünf Jahre leitete Krähenbühl die UNRWA, das Uno-Hilfswerk für die Palästinenser. Am Mittwoch trat der 55-Jährige ab und setzte einen vorläufigen Schlusspunkt in einer Geschichte, die alle Elemente für einen guten Dokfilm enthält: Eine der grossen ungelösten Frage der Weltpolitik, Missmanagement, Liebe und Komplotttheorien.

Vor bald einem Jahr erhielt Uno-Generalsekretär Antonio Guterres einen Bericht der Ethik-Kommission der UNRWA. Die Vorwürfe an die Adresse Krähenbühls und drei seiner engsten Mitarbeiter sind gravierend: Managementfehler, sexuelles Fehlverhalten, Vetternwirtschaft, Diskriminierung und Machtmissbrauch.

Darin thematisiert wird auch eine Liaison zwischen Krähenbühl und der Beraterin Maria M., die er 2015 ernannt hatte. Der Rekrutierungsprozess sei «ungewöhnlich schnell» verlaufen. Den Posten von Maria M. finanzierte bis Ende 2018 die Schweiz. Diese Beziehung habe zu einem «vergifteten Klima» geführt.

Laut dem Bericht begleitete Maria M. ihren Chef oft auf «extensiven Geschäftsreisen.» Die beiden sammelten Geld für die UNRWA. Denn die USA hatten 2018 ihre Zahlungen von 360 Millionen auf 60 Millionen Dollar gekürzt und mittlerweile ganz gestrichen.

Krähenbühl bestreitet die Vorwürfe, seit sie im Sommer publik geworden sind. Seine Stellvertreterin und der Personalchef traten umgehend ab. Sie warteten nicht auf den Schlussbericht der Untersuchung, der Ende November erwartet wird.

Der Teil über Krähenbühl ist bereits fertig gestellt. Gemäss einem Sprecher der Uno zeige die Untersuchung, dass Krähenbühl weder betrogen noch Gelder veruntreut habe. Aber es gebe «Managementprobleme.» Krähenbühl sagte im Westschweizerfernsehen, dass von den Vorwürfen nichts übrig bleibe ausser zum Managment und zur Rekrutierung. Der Bericht zeige auch, dass er nie eine Affäre mit einer Mitarbeiterin gehabt habe.

Jean Ziegler wehrt sich für seinen einen seiner besten Studenten

Krähenbühl präsentierte sich als Opfer der Weltpolitik und nannte die «Hyperpolitisierung» als Grund für seinen Rücktritt. Er meinte damit die Attacken auf die UNRWA vor allem der USA. «Ich habe mich dagegen gewehrt auch wenn ich wusste, dass ich einen Preis dafür bezahlen muss.» Zu den Kritikern der UNRWA zählt auch Bundesrat Ignazio Cassis.

Er hatte die Uno-Organsiation als Teil des Problems bezeichnet. Krähenbühl meinte darauf lapidar, Cassis Vorschläge würden bestimmt nicht in die Geschichtsbücher eingehen. Und er stellte ihm eine Frage. «Wo werden die 280'000 Schüler im Gazastreifen unterrichtet, wenn es die UNRWA nicht mehr gibt?» Er antwortete gleich selbst: «In den Schulen der Hamas. Wollen Sie das, Herr Cassis?» Seit bekanntwerden der Vorwürfe hat die Schweiz die Zahlungen an die UNRWA sistiert. Die Schweiz überweist jährlich 22 Millionen Franken.

Auch Soziologe Jean Ziegler sieht Krähenbühl «einer seiner besten Studenten» als Opfert der Politik. In einem Artikel für die Zeitschrift «Work» schrieb er im August von einer «Verleumdung.» Die USA und Israel wollten die UNRWA ersticken. «Das kann der unbeugsame, diplomatisch geschickte Krähenbühl gegenwärtig noch verhindern. Darum die Schmutzkampagne gegen ihn.»

Ähnlich äusserte sich François Bugnion, ein ehemaliger Direktor des IKRK in einem Leserbrief. Er stellte die «Kabale» in den Zusammenhang mit der Anti-Palästinenserpolitik von Donald Trump. «Ich habe das grösste Vertrauen in Krähenbühls humanitäre Beweggründe, seine Gerechtigkeit und seine Integrität.»

Krähenbühl war selbst 12 Jahre Direktor beim IKRK. Er leitete die Abteilung Operationen. «Ich schätze seine Arbeit», sagt der Genfer Professor Riccardo Bocco. Aber: «Krähenbühl will die Wahrheit nicht anerkennen.» Bocco ist ein intimer Kenner der UNRWA. Gemäss seinen Informationen stimmt die Geschichte mit der Geliebten.

Das könne man zwar als Privatsache abtun, aber die Arbeit von Maria M. sei von Schweizer Steuerzahlern bezahlt worden. Zudem wiege schwer, dass Krähenbühl oft im Ausland war , statt sich vor Ort um die Organisation zu kümmern. Besonders gravierend sind offenbar die Verfehlungen des ehemaligen Personalchefs, der zum innersten Zirkel Krähenbühls gehörte.

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