Der Schock bei den Eltern sitzt tief. Am Mittwochabend erhielten sie eine Mail der Kindertagesstätte Fiorino, in der ihre Kinder betreut werden. Darin steht: «Heute wurden wir von der Staatsanwaltschaft St.Gallen informiert, dass im Rahmen der Ermittlungen auf verschiedenen Datenträgern Material gefunden wurde, das leider darauf schliessen lässt, dass ein Knabe in der betroffenen Fiorino-Kita sexuell missbraucht wurde.»

Unter den E-Mail-Empfängern ist auch eine Familie aus dem Raum St.Gallen, die ihre drei Kinder bei einer der Fiorino-Kitas betreuen lässt. Der Beschuldigte arbeitete ebenfalls stundenweise als Aushilfe dort. Zusätzlich suchte die Familie zum besagten Zeitpunkt eine Kinderfachperson, die ihre Kinder zu Hause betreut. Auf die Anzeige hin meldete sich schliesslich der mutmassliche Täter. Am Morgen nach der schockierenden E-Mail erinnert sich die Mutter:

«Er machte einen ganz normalen und zuverlässigen Eindruck.»

Auch die Tatsache, dass er bei der Kita Fiorino arbeitete, wertete die Familie als glücklichen Zufall und als Beweis für seine Kompetenz. Als in der Folge ein weiterer Termin abgemacht, dieser aber vom mutmasslichen Täter nicht wahrgenommen wurde, zweifelte die Familie an dessen Zuverlässigkeit. «Er meinte, er habe sich eine Grippe eingefangen und vergessen, den Termin abzusagen», sagt die Mutter. Heute kann sie ihre Dankbarkeit über diese Wendung des Schicksals nicht in Worte fassen.

«Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn diese Grippe nicht dazwischengekommen wäre, und er zu Hause unsere Kinder betreut hätte.»

Mehr Offenheit gewünscht

In ihrem Schreiben drückt die Kita Fiorino ihr tiefes Bedauern über die Geschehnisse aus. «Wir sind über diese Entwicklung zutiefst erschüttert und es macht uns sehr betroffen.» Als Sofortmassnahme wurde für Donnerstagabend ein Elternabend organisiert. Vertreter des Kinderschutzzentrums St.Gallen und die Verantwortlichen der Fiorino-Krippenleitungen sollten anwesend sein. «Es geht darum, offene Fragen zu beantworten und Unterstützungsangebote aufzuzeigen», schreibt die Kita.

Mehr Offenheit wünscht sich auch die Mutter der drei Kindern aus dem Raum St.Gallen. Bisher sei nie konkret über die Vorwürfe des vergangenen Jahres geredet worden.

«Wir möchten, dass nun alle Fakten auf den Tisch kommen und unsere Kinder mehr geschützt werden.»

Man sei sich bewusst, dass es nie eine hundertprozentige Sicherheit geben werde. Umso wichtiger sei es, Transparenz zu schaffen. Denkbar wäre laut der Familie beispielsweise ein Elternrat, bei dem genau solche Angelegenheiten zur Sprache kommen könnten – damit sich ein solcher Vorfall nie mehr wiederholen kann.