Experte gibt Antworten
Müssen wir uns vor Ebola in der Schweiz fürchten?

In den drei afrikanischen Ländern Sierra Leone, Liberia und Guinea ist Ebola ausser Kontrolle. Der Bundesamt-Experte Daniel Koch sagt, unter welchen Umständen die Krankheit auch in die Schweiz gebracht werden könnte.

Anna Wanner
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Totaler Schutz ist unerlässlich, um nicht mit Ebola angesteckt zu werden. keystone

Totaler Schutz ist unerlässlich, um nicht mit Ebola angesteckt zu werden. keystone

Herr Koch, Anfang der Woche ist bekannt geworden, dass sich in Spanien eine Pflegerin an einem Ebola-Patienten infiziert hat. Müssen wir uns vor dieser Krankheit fürchten?

Daniel Koch: Die Schweizer Bevölkerung ist nach wie vor nicht gefährdet. Dennoch hat die ganze Welt Angst vor dieser Krankheit. Nicht, weil sie bald auf Europa oder Amerika übergreifen wird – von diesem Szenario sind wir weit entfernt. Angst hat man, weil die drei Staaten, in denen Ebola grassiert, die Krankheit nicht im Griff haben. Und solange die Krankheit nicht unter Kontrolle ist, besteht ein grosses Gefahrenpotenzial, dass sie sich weiter verbreitet.

Zur Person Daniel Koch leitet die Abteilung Übertragbare Krankheiten im Bundesamt für Gesundheit.

Zur Person Daniel Koch leitet die Abteilung Übertragbare Krankheiten im Bundesamt für Gesundheit.

Zur Verfügung gestellt

Besteht also auch ausserhalb der westafrikanischen Staaten Gefahr?

In Sierra Leone, Liberia und Guinea ist Ebola völlig ausser Kontrolle. Das Gesundheitssystem von Sierra Leone und Liberia ist zusammengebrochen. Die beiden Staaten sind nicht in der Lage, den Ausbruch einzudämmen. Sie sind auf ausländische Hilfe angewiesen, um die Kranken zu pflegen und um endlich den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen. Das bedeutet: Immer mehr Leute aus dem Westen reisen in diese Region, um zu helfen.

Und die Helfer könnten sich infizieren?

Wie wir gesehen haben, kann ein Unfall schnell passieren. Eine Unvorsichtigkeit genügt, um sich anzustecken. Betroffene Helfer werden nach Möglichkeit rasch zurück in ihr Herkunftsland – allenfalls auch in die Schweiz gebracht – und mit den besten medizinischen Möglichkeiten versorgt. Je länger die Situation in Westafrika unkontrolliert bleibt, umso grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass Ebola auch nach Europa gebracht wird.

Was passiert, wenn in der Schweiz jemand mit Ebola-Symptomen zum Arzt geht?

Die ersten Symptome von Ebola können nicht von denen der saisonalen Grippe oder anderen Virus-Erkrankungen unterschieden werden. Zuerst muss der Arzt also fragen: Woher kommen Sie? Kommt die Person nicht aus einem der betroffenen Staaten und hatte keinen Kontakt zu an Ebola erkrankten oder verstorbenen Personen, ist Ebola auszuschliessen.

Und falls die Person aus Liberia kommt?

Je nach Kanton müssen sich die Ärzte beim kantonsärztlichen Dienst oder beim Referenzarzt melden und den Fall besprechen. Nur weil jemand Fieber hat, heisst das nicht, dass er auch Ebola hat. Asylsuchende aus Westafrika reisen meist über den Landweg nach Europa. Weil diese Reise lange dauert und die Krankheit nach maximal 21 Tagen ausbricht, schaffen es infizierte Personen nicht, noch während der Inkubationszeit die Schweiz zu erreichen. Der Personenkreis, der mit dem Flugzeug einreist, ist klein. Dazu gehören Mitarbeiter der Hilfswerke, ganz vereinzelt Asylsuchende und Personen, die Verwandte besuchen. Touristen oder Arbeitsreisende befinden sich äusserst selten in jener Region und sind kaum betroffen.

In Spanien kam es in einem Spital zur ersten Übertragung in Europa. Wie konnte das passieren?

Ein Fall wie in Spanien dürfte nicht vorkommen. Selbstverständlich haben die Spanier die Vorsichtsmassnahmen eingehalten. Aber der Fall zeigt, dass der Umgang mit der Krankheit nicht einfach ist und dass man extrem vorsichtig sein muss. Schutzanzüge und Schutzmassnahmen alleine reichen nicht: Das Personal muss genau wissen, wie es sich zu verhalten hat.

Sind die Schweizer Spitäler gewappnet?

Sie verfügen über das notwendige Material und Isolationszimmer. Wir werden sie nochmals darauf aufmerksam machen, dass der Ablauf geübt werden muss, um im Ernstfall richtig handeln zu können.

Der Immunologe Beda Stadler sagte gegenüber dem Newsportal «watson», jede Grippe sei schlimmer als Ebola.

Man sollte Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Ebola ist eine ganz andere Krankheit. Das Virus hat ein ganz anderes Gefahrenpotenzial und es gibt noch kein spezifisches Medikament dagegen. Wo ich Beda Stadler hingegen recht gebe: Im Moment ist Ebola für die Schweizer Bevölkerung die kleinere Gefahr als die Grippe, die nächstes Jahr wieder kommen wird.

Ist es möglich, dass die Situation heute falsch eingeschätzt wird? Dass also die Gefahr gar nicht so gross ist wie dargestellt, dass überreagiert wird?

Im Nachhinein zu sagen, es war nicht so schlimm, wie wir gedacht haben, ist nicht möglich, weil es jetzt schon viel schlimmer ist, als wir es uns je vorgestellt haben. Wir müssen deshalb verhindern, dass es noch schlimmer wird, dass es keine weiteren Länder trifft.

Schon früher brach die Krankheit aus. Wieso schafft man es jetzt nicht, sie in den Griff zu kriegen?

Frühere Ausbrüche waren viel kleiner, weil sie schneller kontrolliert werden konnten. Der aktuelle Ausbruch hat in einer äusserst unglücklichen Situation stattgefunden: in Staaten mit fragiler Infrastruktur. In Staaten, wo nach Jahrzehnten des Krieges die Bürger den Autoritäten nicht mehr vertrauen.

Im August hat die Weltgesundheitsorganisation Ebola als Internationalen Gesundheitsnotfall klassiert. Seither gab es kaum Fortschritte. Macht Sie das nervös?

Wenn mit Fortschritt die Kontrolle über die Epidemie gemeint ist, findet tatsächlich keiner statt. Allerdings hat man von Anfang an gesagt, es werde Monate dauern, bis die Situation kontrolliert werden kann. Nervös werden wir nicht deswegen, sondern weil die Krankheit ein riesiges Gefahrenpotenzial birgt. Wenn es nicht gelingt, die Krankheit in den betroffenen Ländern unter Kontrolle zu bringen, steigt die Gefahr für den Rest der Welt. Das Problem: Die betroffenen Staaten können das Virus nicht selbst unter Kontrolle bringen, sie sind auf Hilfe angewiesen.

Schwingt da Kritik mit, dass im Moment zu wenig unternommen wird?

Nein. Es ist keine Kritik. Es ist eine Feststellung. Liberia und Sierra Leone schaffen es nicht alleine. Sie brauchen die Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft.