Landwirtschaftspolitik

Mit Netz und Lockstoffen gegen Insekten: Zwei Initiativen fordern eine Schweiz ohne Pestizide

So kann der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft reduziert werden. Bauer Walter Stettler zeigt seine Kirschen-Plantage, die mit einem Netz geschützt ist.

So kann der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft reduziert werden. Bauer Walter Stettler zeigt seine Kirschen-Plantage, die mit einem Netz geschützt ist.

Gleich zwei Initiativen nehmen den Pestizid-Einsatz in der Landwirtschaft ins Visier. Manche Bauern wie Walter Stettler setzen stattdessen auf Netze und Duftstoffe, um Insekten fernzuhalten. Ganz ohne Pflanzenschutzmittel kommt er aber nicht aus.

Es ist ein permanenter Abwehrkampf, den Bauer Walter Stettler führt, um seine Kirschen zu schützen. Kirschessigfliegen, Blattläuse, Vögel – sie alle bedrohen die Ernte. Selbst der Regen ist ein Problem: Gross und knackig müssen die Kirschen heute sein, so werden sie gewünscht.

Dadurch sind sie aber derart empfindlich, dass sie rasch platzen, wenn es regnet. Am meisten setzt Stettler jedoch die Kirschessigfliege zu. «Ich müsste eigentlich kurz vor der Ernte nochmals ein Insektizid spritzen», sagt er. «Das will ich aber nicht tun.»

Landauf und landab treibt der Kampf gegen die Schädlinge die Bauern um. Dabei greifen sie auf jene Hilfsmittel zurück, um die derzeit ein politischer Streit tobt: Pflanzenschutzmittel. Jährlich werden in der Schweiz über 2000 Tonnen davon verkauft. Die Mittel erfüllen zwar ihren Zweck, sie gelangen aber auch dorthin, wo sie nicht sollten, in Bäche etwa und ins Grundwasser.

Gleich zwei Volksinitiativen wollen den Einsatz von Pestiziden deshalb einschränken: Die eine fordert ein Verbot von synthetischen Pestiziden; die Trinkwasser-Initiative wiederum will Bauern, die Pestizide einsetzen, die Direktzahlungen streichen. Am Donnerstag entscheidet der Nationalrat darüber, das Resultat ist absehbar: Er wird beide Initiativen ablehnen, so wie es auch Bundesrat und der Bauernverband tun. Sie setzen stattdessen auf den unverbindlichen «Aktionsplan Pflanzenschutzmittel», um den Pestizideinsatz zu reduzieren.

Siehe auch: Paul Sicher, Sprecher des Trinkwasserverbandes, im Interview

Kein Zutritt für Insekten

Wie das konkret funktionieren kann, zeigt ein Besuch bei Walter Stettler. Sein Hof liegt im kleinen Weiler Flugbrunnen im Kanton Bern, umgeben von grünen Wiesen, die sich an die Hügel schmiegen. Stettler ist auf dem Hof aufgewachsen, heute baut der bald 60-Jährige zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn auf 3,5 Hektaren, was knapp fünf Fussballfeldern entspricht, Kirschen, Äpfel, Zwetschgen und andere Früchte an. Gerade im Obstbau werden in der Schweiz viele Pestizide eingesetzt. Stettler – Jeans, blau gestreiftes Polohemd, darüber eine graue Faserpelzjacke – ist kein Biobauer. Aber er versucht, keine Pflanzenschutzmittel einzusetzen, wenn es andere gute Lösungen gibt.

Die meisten seiner Obstbäume wachsen deshalb in einer Art Zelt: Ein engmaschiges Netz ist auf der Wiese rund um die Bäume gespannt; wie ein dunkles, eckiges Treibhaus sieht es aus. Sobald die Bienen die Bäume im Frühling bestäubt haben, stellt Stettler das Netz jeweils auf, damit Insekten und Vögel nicht an die Früchte kommen. Ein Augenschmaus ist das nicht – aber es funktioniert. «Die Insekten auszusperren, ist die beste Lösung», sagt er. Seit über fünf Jahren schützt er Kirschen, Nektarinen, Zwetschgen und Pfirsiche mit einem Netz. Mit Fallen überwacht er, ob tatsächlich keine Kirschessigfliegen und andere Schädlinge den Weg zu den Bäumen finden. In den vergangenen Jahren klappte das gut, und Stettler musste bei den eingenetzten Bäumen keine Insektizide spritzen.

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Eine andere Methode setzt er bei den Äpfeln ein. «Hier verwirre ich», sagt er. Verwirren, das heisst: An den Bäumen hängt ein Dispenser, der aussieht wie ein dicker Draht. Dieser gibt einen Duft ab, der dem weiblichen Lockstoff des Schädlings Apfelwickler ähnelt – und dies in einer Konzentration, der die männlichen Tiere orientierungslos macht. So finden sie nicht mehr zu den Weibchen und können sich nicht vermehren.

Ganz auf Pflanzenschutzmittel verzichtet Stettler aber nicht. Bei Pilzbefall spritzt er, auch bei Blattläusen musste er schon zu Mittel greifen. Und am Boden unter den Bäumen setzt er Herbizide ein. Würde er darauf verzichten, müssten Gras und Unkraut alle drei Wochen gehackt werden – mit der Maschine und von Hand. «Das ist zu viel Aufwand und käme zu teuer», sagt er.

Für die Verwirrungstechnik und das Aufstellen der Netze erhält Stettler inzwischen Geld von Kanton und Bund. Er nimmt am Berner Pflanzenschutzprojekt teil, das vor zwei Jahren aufgegleist wurde mit dem Ziel, den Pestizideinsatz zu reduzieren. Geld gibt es zum Beispiel auch für Bauern, die auf Herbizide verzichten, ebenso für jene, die einen befestigten Platz zum Waschen der Sprühgeräte einrichten, damit die Pflanzenschutzmittel beim Reinigen der Geräte nicht in die Umwelt gelangen. Rund 3400 Betriebe nehmen am Projekt teil – mehr als die Hälfte der Höfe, die dafür infrage kommen. Das Berner Projekt fällt ins Gewicht, denn schweizweit liegt jeder fünfte Betrieb in diesem Kanton.

Auch in anderen Regionen laufen ähnliche Projekte, die im Rahmen des «Aktionsplans Pflanzenschutzmittel» vom Bund finanziell unterstützt werden. Andere starten erst noch: In den Kantonen Aargau, Thurgau und Zürich läuft derzeit ein Projekt namens «Pflopf» an, das auf Technik setzt – etwa auf GPS-gesteuerte Pflanzenschutzgeräte. Ziel ist es, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln um mindestens ein Viertel zu senken. Gegen 60 Betriebe machen laut den Verantwortlichen mit. Sie erhalten dafür maximal 15 000 Franken pro Jahr.

Widersprüchliche Wünsche

Bei Walter Stettler gaben die finanziellen Anreize nicht den Ausschlag. «Das Geld reicht nicht aus, um die Kosten zu decken», sagt er. Er gebe zwar auch weniger für Pflanzenschutzmittel aus, das Netz aber habe ihn mehrere zehntausend Franken gekostet. «Ich mache das aus ökologischer Überzeugung», sagt er. «Und es ist auch ein Verkaufsargument.» Im Hofladen und auf dem Markt werde er ab und zu gefragt, wie viel Pestizide er spritze. Gleichzeitig beobachtet er aber auch: «Ein grosser Teil der Konsumenten kauft keine Früchte, die Flecken haben. Und Würmer im Apfel werden schon gar nicht akzeptiert.» Es ist das Dilemma, welches Bauern immer wieder beklagen: Pflanzenschutzmittel werden verteufelt, die Ware aber soll makellos sein.

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Die Kritik an den Bauern geht Stettler sichtlich auf die Nerven. Er redet normalerweise ruhig und bedächtig, doch wenn es um die Politik geht, da wird er doch ein wenig lauter. Auf der Landwirtschaft werde herumgehackt, sagt er. Und dass die Trinkwasser-Initiative zustande kam, findet er schlicht «verrückt». Schliesslich spritze man heute viel gezielter als früher. Und es sei eben nicht einfach: Wenn weitere Anforderungen hinzukämen, etwa Herbizid-frei zu produzieren, müsste er sich überlegen, auf Bio umzustellen, sagt er. Nur: «Das würden viele andere auch tun. Es gäbe ein Überangebot.» Und wenn er ohne Herbizide produzieren würde, müsste er häufiger mit dem Traktor durch die Bäume fahren – was wiederum schlecht ist für den Boden und die Umwelt. Stettler sagt es so: «Alles Gute hat auch eine Kehrseite.»

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