Um das Drama der beiden toten Bärenjungen 3 und 4 im Berner Tierpark Dählhölzli zu verstehen, muss man den Anfang der Geschichte von Masha und Misha kennen.

Im äusserten Osten Russlands, in den Wäldern Ussiriens, wurden sie als Jungtiere von Wildhütern aufgefunden - nicht zusammen, weshalb sie auch nicht miteinander verwandt sind. Alleine hätten beide nicht überlebt. Die beiden sieben Monate alten Waisen wurden danach im Rehabilitationszentrum Utyos für wilde Tiere von Hand aufgezogen und gepflegt. Trotz engem Kontakt mit Menschen lernten sie klettern und umherstreifen, waren aber dennoch stark aufeinander fixiert. Schon bald sollten sie aber in die Schweiz gebracht werden.

Absicht des russischen Präsidenten

2009 instruierte der russische Botschafter Igor Bratchikov den Berner Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät über die Absicht von Präsidenten Dmitri Medwedew, beim ersten Staatsbesuchs eines russischen Präsidenten in der Schweiz der Hauptstadt Bären zu schenken. Mit Dählhölzli-Direktor Bernd Schildger beriet Tschäppät das Anliegen.

Zwei Bären, die sich kennen würden, müssten es schon sein, beschied Tschäppät schliesslich dem Botschafter. Wenig später hiess es, dass zwei Bären gefunden seien. Im September desselben Jahres übergab dann Swetlana Medwedew, die Gattin des Präsidenten der Russischen Föderation, die beiden Bärenwaisen - Misha das Männchen und Masha das Weibchen - der Stadt Bern. «Ein wunderbares Geschenk» hatte Tschäppät damals beim Anlass verlautet lassen.

Einige Wochen mussten die beiden Jungtiere im Bärengraben hausen. Danach wurden sie in den Tierpark gebracht. Zum ersten Mal im Aussengehege herumwandern konnten sie dann Ende November. Aber auch im Dählhölzi wurden Misha und Masha noch eine Zeit lang von Tierpflegern geführt. Sie sollten aber selbständiger werden.

Bären bekommen eigenes Revier

Im Jahr 2012 haben Misha und Masha mit dem sogenannten Bärenwald ihr eigenes Revier erhalten. Die über 6035 Quadratmeter grosse Anlage kostete knapp drei Millionen Franken. Die Hälfte davon bezahlte eine private Spenderin. An der Eröffnung sagte der russische Botschafter Michail Makarow: «Misha und Masha sind ein bärenstarkes und lebendiges Zeichen der Freundschaft zwischen Russland und der Schweiz.»

Es zeigt sich bald auch, dass die beiden sehr aufeinander angewiesen sind. Wenn Masha fresse, wolle Misha auch gleich fressen, heisst es von den Tierpflegern. Sie würden sich nicht gerne aus den Augen lassen. Auch den Winterschlaf machen die beiden gemeinsam, was für Bären sehr atypisch ist.

Den Verantwortlichen im Dählhölzli ist die naturnahe Tierhaltung trotzdem wichtig. Misha wurde nicht sterilisiert. «Wenn wir ein naturnahes Verhalten ermöglichen wollen, gehört auch der Nachwuchs dazu. Denn es ist höchstes Ziel eines jeden Lebewesens, sich fortzupflanzen. Wir haben das unseren Bären ermöglichen wollen», sagte Jürg Hadorn, Vize-Direktor des Dählhölzli, gestern auf Anfrage.

Trennung hat nicht funktioniert

Masha wurde also trächtig und brachte im Januar die Bären 3 und 4 zur Welt. Nach ihren ersten Aussenspaziergängen im April passierte es dann: Misha schüttelte Bär 3, liess ihn fallen und warf ihn durch die Luft - bis das Jungtier nur noch leblos dalag. Der Park konnte über die Beweggründe nur spekulieren.

Ist es Spiel, Aufmerksamkeit erhaschen oder Ausmerzen des schwächeren Tieres? Die Tierpfleger versuchten, die beiden erwachsenen Bären zu trennen. Aber schon nach ein halben Stunde zeigten beide starke Verhaltenauffälligkeiten. Zu fest sind sie aufeinander fixiert. Sie blieben also weiterhin zusammen.

Die Parkleitung überliess das Schicksal von Bär 4 also den Bäreneltern. Die Tage danach waren ruhiger. Es machte sich aber bemerkbar, dass Masha ihre Mutterrolle zunehmend vernachlässigte. Als dann schliesslich Misha auch Bär 4 aus dem Stall zog, reagierten die Verantwortlichen.

Ein Tierarzt schläferte das Jungtier ein, «um es vor weiterem Stress und Schmerzen zu schützen», wie es vom Tierpark Dählhölzli hiess. «Misha» wird in den nächsten Wochen sterilisiert. «Dass sie mit Nachwuchs nicht umzugehen wissen, haben wir jetzt gesehen. Aber das war nicht von Anfang an absehbar: Es gab auch vergleichbare Konstellationen, die funktionierten. Bei uns nicht. Das ist schade», sagt Hadorn.

Handaufzucht als Grundproblem

Martin Wehrle, der als Tierarzt im Tierpark Goldau für die Betreuung der seltenen Syrischen Braunbären verantwortlich ist weiss um die Schwierigkeit in diesem Fall. Man könne dies nicht mit einer normalen Bärenhaltung vergleichen. «Die beiden Elterntiere wurden von Hand aufgezogen. Das ist immer eine spezielle Situation. Das ist sicher auch eine Grundproblematik», sagt Wehrle.

Bär 4 per Hand aufzuziehen wäre wohl auch der falsche Weg gewesen. Gerade bei Bären hätten Handaufzuchten häufig Verhaltensstörungen. «In Bern kann es das gewesen sein, muss aber nicht», ergänzt Wehrle in Bezug auf «Misha» und «Masha». Laut Wehrle gehören solche Tragödien zur Tierhaltung. Wer Tiere halte, müsse einfach auch damit rechnen, dass was schief gehen könne.

«Das passiert bei Zootieren, Nutztieren und Heimtiere. Es werden so viele Kaninchen und Meerschweinchen falsch gehalten». Man solle den Fall nicht überbewerten.