Arbeitnehmende

Mehr Stress, Belastung und Sorgen: So (un)zufrieden sind Schweizer mit den Arbeitsbedingungen

Fast die Hälfte der Arbeitnehmenden fühlt sich gemäss Studie sehr oft oder häufig gestresst. (Symbolbild)

Fast die Hälfte der Arbeitnehmenden fühlt sich gemäss Studie sehr oft oder häufig gestresst. (Symbolbild)

Schweizer Arbeitnehmende sind mit ihren Arbeitsbedingungen weniger zufrieden als in den Vorjahren. Sie wollen mehr Lohn, sind häufiger gestresst und sorgen sich stärker um ihren Arbeitsplatz. Travail.Suisse fordert Wirtschaft und Politik zum Handeln auf.

Am meisten Probleme haben die Arbeitnehmenden mit Stress und psychischer Belastung: 42,3 Prozent der Arbeitnehmenden fühlen sich durch ihre Arbeit oft oder sehr häufig gestresst, wie der am Montag publizierte Barometer "Gute Arbeit" von Travail.Suisse zeigt. Das entspricht einer Zunahme von 2,3 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr.

Ausserdem schlägt sich die Arbeit negativer auf den emotionalen Zustand der Erwerbstätigen aus. Der Anteil derjenigen mit sehr häufiger emotionaler Erschöpfung ist von 11,4 im Vorjahr auf 13,2 Prozent gestiegen. 2015 betrug der Anteil noch 8,3 Prozent.

"Dieser konstante Aufwärtstrend in diesen zwei Bereichen macht uns Sorge", sagte Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik bei Travail.Suisse, vor den Medien in Bern. Der Dachverband fordert die Arbeitgeber und die Politik auf, ein "möglichst stressfreies Arbeitsklima" zu schaffen.

Unter "guter Arbeit" verstehen die Autoren eine "zukunftsfähige Arbeit", welche die Gesundheit schützt, die Motivation erhält und ein gewisses Mass an Sicherheit bietet. Doch in allen drei Domänen sind die Ergebnisse tiefer ausgefallen als in den Vorjahren.

16 der 20 Kriterien wurden schlechter bewertet als bei der ersten Befragung vor fünf Jahren - und elf erzielten den seither tiefsten Wert. "Wir brauchen auf der politischen Ebene Verbesserungen für weiterhin gute Arbeitsbedingungen", hielt Travail.Suisse-Präsident Adrian Wühtrich fest.

Sorge um Arbeitsplatz wegen Digitalisierung

Neben dem Stress ist etwa auch die Sorge um den Arbeitsplatz gestiegen, insbesondere im Zuge der Digitalisierung. Zwar schätzen 43,3 Prozent der Befragten die Wahrscheinlichkeit weiterhin als sehr gering ein, dass ihr Job in den nächsten zehn Jahren durch digitale Technologien ersetzt wird. Innert Jahresfrist ist dieser Wert aber um 5,1 Punkte gesunken.

Generelle Sorge um den Arbeitsplatz in hohem oder sehr hohem Mass machen sich 17,4 Prozent - 3,1 Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr. 42,2 Prozent machen sich keine Sorgen (43,7 Prozent im Vorjahr).

Auch die Lohnstagnation hat Spuren hinterlassen: So halten 12,4 Prozent der Befragten ihren Lohn für gar nicht angemessen. Im vergangenen Jahr waren es noch 11,6 Prozent. Adrian Wüthrich führt dies darauf zurück, dass die Arbeitnehmenden in den vergangenen zwei Jahren einen Reallohnverlust hatten hinnehmen müssen. Er wiederholte die Forderung von Travail.Suisse, die Löhne generell um 2 Prozent zu erhöhen.

Arbeit wird als "sinnstiftend" betrachtet

Die Studie zeigt aber auch erfreuliche Resultate. So sind bei der Befragung über die Motivation der Arbeitnehmenden weiterhin hohe Werte erzielt worden. "Es gibt sehr viel Zufriedenheit und die Arbeit wird als sinnstiftend erachtet", sagte Fischer zusammenfassend.

Bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zeigt sich aber eine kontinuierliche Verschlechterung. Fast ein Viertel der Befragten hat "erhebliche" Probleme mit der Kombination von Familie und Beruf, 4,5 Prozentpunkte mehr als 2015. Das sei eine relativ markante Zunahme in einem eher kurzen Zeitraum, sagte Fischer. Travail.Suisse fordert daher "Kinderbetreuung als Service Public", wie Wüthrich sagte.

Im Durchschnitt wird die Qualität der Arbeitsbedingungen in der Informations- und Kommunikationsbranche am besten bewertet, während das Gastgewerbe am schlechtesten abschneidet. Ein Blick über die Regionen zeigt, dass die Arbeitnehmenden in der Zentralschweiz am motiviertesten sind, während sich sich vor allem Erwerbstätige in den Grenzregionen Tessin und Genfersee um ihre Arbeit sorgen.

Grosse Unterschiede bei Weiterbildungen

Travail.Suisse hat dieses Jahr die Weiterbildung als Schwerpunkt analysiert. Hier zeigt sich gemäss Gabriel Fischer grundsätzlich ein positives Bild. Insgesamt erhielten 41,9 Prozent derjenigen, die eine Weiterbildung machen, sowohl finanziell als auch zeitlich eine vollständige Unterstützung. Ein Viertel erhielt keine oder nur eine geringe Unterstützung - fast jeder Dritte hat im letzten Jahr keine Weiterbildung absolviert.

Bei der Unterstützung gibt es grosse Unterschiede. So werden Vollzeitangestellte vollständig unterstützt, während Teilzeitangestellte einen viel geringeren Beitrag erhalten. Das schlägt sich nieder auf die Betrachtung nach Geschlecht. Während zwei Drittel der Männer ihre Weiterbildung als Arbeitszeit anrechnen lassen können, kann dies fast die Hälfte der Frauen (46,8 Prozent) nicht oder nur teilweise.

Die Unterstützung seitens der Arbeitgeber fehlt gemäss Fischer zudem im planerischen Bereich. Bei einem Grossteil der Befragten wird in einem Mitarbeitergespräch das Thema Weiterbildung nicht angesprochen. Zudem gab nur rund ein Viertel der Befragten an, dass sie überhaupt ein Mitarbeitergespräch haben. Travail.Suisse fordert von den Arbeitgebern und vom Staat mehr Anstrengungen und finanzielle Mittel in Richtung lebenslanges Leben.

An der repräsentativen Online-Befragung nahmen rund 1400 Erwerbstätige teil, seit der ersten Befragung vor fünf Jahren haben 7500 Personen teilgenommen. Travail.Suisse wertete Befragung zusammen mit der Berner Fachhochschule aus.

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