Die Vorstellung ist schrecklich. Man liegt hilflos im Spitalbett, drückt den Notfallknopf neben dem Bett – und nichts passiert, kein Alarm geht los. Wie watson berichtete, ist genau dies schweizweit seit der Silvesternacht in zahlreichen Kliniken passiert. Schuld für den schweizweiten Ausfall ist ein Software-Fehler.

Teilweise schlagen Patienten und Bewohner nun per Babyphone oder Glocke Alarm. In den Spitälern sorgte die Panne für heikle Situationen. Lois*, auf Besuch bei einem Verwandten im Kantonsspital Aarau, sagt zu watson: «Der Patient im Nebenbett röchelte und drückte den Alarmknopf mehrfach – doch niemand kam.»

Jetzt zeigen weitere Recherchen das Ausmass des massiven Systemausfalls: Auch zahlreiche Alters- und Behindertenwohnheime sind betroffen.

Die Tertianum Gruppe etwa, einer der grössten Betreiber von Seniorenheimen in der Schweiz, hat mit der Störung zu kämpfen. «Bei zwei Betrieben funktionieren die Notrufsysteme noch nicht. Unser Personal macht darum zusätzliche Patrouillen und prüft regelmässig, ob bei den Bewohnern alles in Ordnung ist», sagt Tertianum-Sprecher Roger Zintl.

Auch bei den Pflegezentren der Stadt Zürich ist das System bei zwei der neun Betriebe ausgefallen. Das hat weitreichende Folgen. Anita Meier, Sprecherin des Gesundheits- und Umweltdepartements, sagt: «Wir mussten kurzfristig mehr Nachtwachen aufbieten. Die Probleme konnten inzwischen grösstenteils behoben werden.»

In den Wohnheimen Rossfeld für Menschen mit körperlicher Behinderung in der Stadt Bern ist das System laut Informationen von watson ebenfalls down. Man habe den Bewohnern Babyphones verteilt, für alle habe es nicht gereicht: «Zahlreiche Bewohner haben schlaflose Nächte. Aus Angst, man werde sie bei einem Problem nicht hören», so eine Person aus dem Umfeld des Heims. Die Stiftung Rossfeld war für eine offizielle Stellungnahme bisher nicht erreichbar.

Panne dauert bis nächste Woche an

Der Software-GAU ereignete sich um am 1. Januar um 0.01. Die Panne trat also durch den Jahreswechsel 2018/19 auf und erinnert so an den befürchteten Millenium-Bug, die Angst vor dem Crash diverser Informatiksysteme an der Jahrtausendwende. Der akutelle Softwarefehler bewirkte, dass die LED-Anzeigen der Displays mehr Strom bezogen. Dadurch brach das Datenübertragungssystem teilweise zusammen.

Der Hersteller ist die Firma Gets MSS SA in Lausanne. Das Unternehmen gibt auf Anfrage bekannt, am 2. Januar ein «fehlerbehebendes Update» aufgeschaltet zu haben. «Damit war das Notruf-System einen Tag später in  vielen Spitälern und Wohnheimen wieder zu 90 Prozent funktionsfähig.» Wegen der grossen Anzahl Unternehmen, die das «gets»-System nutzen, würden sich gewisse Institutionen aber bis nächste Woche gedulden müssen. Laut einer Partner-Webseite ist das System schweizweit bei rund 450 Spitälern, Alters- und Pflegeheimen im Einsatz. 

Die betroffenen Betriebe geben an, sofort Notfallmassnahmen in die Wege geleitet zu haben, um die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten. Institutionen haben zusätzliches Personal aufgeboten, an vielen Orten werden die Zimmetüren offen gelassen.

*Name geändert.