Herr Theunert, manche Männer reagieren verunsichert auf den #Aufschrei-Entrüstungssturm. Was dürfen Männer noch?

Markus Theunert: Ich verstehe, dass Männer verunsichert reagieren. Nehmen wir als Beispiel die Aussage «du hast eine attraktive Figur»: Sie kann in unterschiedlichen Kontexten völlig anders verstanden werden. Sie kann angemessen sein, aber auch bereits einen Übergriff darstellen. Die Arbeitswelt muss keine flirtfreie Zone werden. Es geht aber darum, einen Umgang zu finden, der die Freiheiten aller Beteiligten schützt.


Was ist dabei entscheidend?
Es geht um Intuition, die ein Mensch mit sich bringt, wenn er darauf achtet, wie die Aussenwelt auf sein Tun reagiert. Bei einer Äusserung wie der eingangs erwähnten müsste man sich die Frage stellen: Passt das zum Charakter der Beziehung, die man zur angesprochenen Person pflegt?


Diese Frage hat sich der FDP-Hoffnungsträger Rainer Brüderle offensichtlich nicht gestellt.
Offenbar nicht. Doch es kommen wichtige Kontextfaktoren hinzu: Die Bemerkung fiel spätabends, in einer Hotelbar und unter Alkoholeinfluss.


Dann wäre die Bemerkung schlimmer gewesen, wenn sie am Nachmittag in einem Besprechungszimmer gefallen wäre?
Die Frage der Angemessenheit in der Beziehung zwischen dem Politiker und der Journalistin würde sich auch dann stellen. Aber ein solcher Rahmen ist sicher formeller.


Die Journalistin sprach das «fortgeschrittene» Alter des damals 66-jährigen Brüderle an. Ist das nicht eine anzügliche Frage?
Nein, die Frage halte ich politisch für relevant. Schliesslich wird er als FDP-Spitzenkandidat gehandelt.


Einen 29-jährigen Journalisten hätte man gerüffelt, hätte er dieselbe Frage einer 66-jährigen Kanzlerkandidatin gestellt.
Wäre es so, dann läge aus meiner Sicht eine Form von positivem Sexismus vor. Ob jemand gesundheitlich einem Amt wie demjenigen des Bundeskanzlers gewachsen ist oder nicht - das ist auch bei einer Politikerin politisch relevant.


Es sind häufig Frauen, die Opfer von sexueller Belästigung werden. Meist sind es Männer in Machtpositionen, die belästigen.
Das mag stimmen. Doch gibt es weit mehr Männer, die von sexueller Belästigung betroffen sind, als sich trauen, das zu melden. Das hat eine grundsätzliche Ursache: Mann und Opfer sein - das ist bis heute nicht vereinbar.