Am Sonntag sollen die 70 Abgeordneten des evangelischen Kirchenbundes (SEK) eine wichtige Entscheidung treffen: Wird Gottfried Locher (51), seit acht Jahren amtierender Präsident der Schweizer Reformierten, für vier Jahre wiedergewählt? Oder soll seine Gegenkandidatin Rita Famos (52), Pfarrerin aus Zürich, die Leitung übernehmen?

Die Kirche macht es der Heraus- forderin schwer. Amtsinhaber Locher ging Direktvergleichen und Streitgesprächen aus dem Weg. Und Rita Famos erhielt nur vor Westschweizer Abgeordneten Gelegenheit, sich vorzustellen (gestrige «Nordwestschweiz»).

Gottfried Locher lehnte angeblich aus Zeitmangel gemeinsame Auftritte ab. «Meine Agenda ist bereits seit Monaten voll», hält er auf Anfrage fest. Und: «Um Wahlkampf zu betreiben, fehlt mir die Zeit.»

Keine Zeit für Wahlkampf? Gestern publizierten «Bund», «Berner Zeitung» und «Tages-Anzeiger» ein Interview mit Locher, in welchem dieser auf Kritik von der Kirchenbasis reagierte.

Und auch sonst fand der SEK-Präsident dieser Tage mehr Zeit als erklärt für Wahlkampf. Er schrieb den Abgeordneten einen persönlichen Brief, datiert vom 12. Juni. Die Vornamen der «lieben Abgeordneten» schrieb er handschriftlich hin und unterzeichnete mit «Gottfried».

Er wolle vor der Wahl «noch ein klärendes Wort abgeben», steht im Schreiben. In der Deutschschweiz seien drei Dinge kontrovers diskutiert worden. Er wolle sich dazu erklären. Es folgen drei Punkte, die ersten sind sein Verhältnis zur Macht und die «Zusammenarbeit von Mann und Frau».

Interessant ist vor allem der dritte Punkt. Dort nimmt Locher zum Vorwurf Stellung, er habe «das Elend der Prostitution bagatellisiert». Dagegen «verwahre ich mich mit Nachdruck», schreibt Locher und zitiert aus dem Buch «Gottfried Locher, der ‹reformierte Bischof› auf dem Prüfstand», das die heiklen Aussagen enthält.

Prostitution habe «eine hässliche Fratze», habe er dort gesagt, so Locher nun. «Es trifft nicht zu, dass ich Prostitution rechtfertigte», behauptet er. Er habe Gründe für ihre Existenz gesucht, nur so könne man «etwas verändern».

Prostitution als Bedürfnis

Nur: Locher zitiert sich unvollständig bis falsch. Im Buch (1. Auflage, 2014) sagteder Kirchenpräsident etwas anderes. Nämlich: «Prostitution hat zwei Gesichter. Das eine ist ihre hässliche Fratze (...)». Und er beschrieb auch die «andere» Seite: «Das ist das andere Gesicht der Prostitution: Sie erfüllt eine gesellschaftliche Aufgabe. Prostituierte übernehmen einen unverzichtbaren Dienst an der Gesellschaft.» Und: «Prostitution ist ein Bedürfnis. Wieder kann ich nur für uns Männer sprechen: Viele von uns haben Lust auf Sex, und nicht alle haben eine Partnerin, um mit ihr erfüllte Lust zu erfahren.»