Tabakproduktegesetz

Lobbying-Offensive für E-Zigaretten: Wie Pharma-Manager von Todesfällen ablenken sollen

Nächstes Jahr berät das Parlament über das neue Tabakproduktegesetz. Darin werden auch die Regeln für sogenannte «alternative Tabakprodukte» festgelegt. Die grossen Tabakhersteller haben eine nie dagewesene Öffentlichkeitsoffensive gestartet, um Ausnahmen für E-Zigaretten und Erhitzungstabak zu erreichen.

Wenige Wirtschaftszweige meiden das Licht der Öffentlichkeit so konsequent wie die Schweizer Tabakkonzerne. Wenn Zigarettenhersteller ein Gesetz zum Absturz bringen wollen, dann mit viel Geld für Lobbyisten, aber ohne Lärm und TV-Kameras.

Umso aussergewöhnlicher die Entwicklung der vergangenen Wochen. Gleich drei milliardenschwere Unternehmen aus dem Nikotingeschäft haben Journalisten in Zürich und Bern zu Treffen mit den Chefs ihrer Unternehmen eingeladen. Über den Grund für die plötzliche Offenheit lässt sich nur spekulieren. Naheliegender Auslöser dürften aber die sich häufenden Meldungen über amerikanische Jugendliche sein, die nach dem Konsum von E-Zigaretten mit schweren Lungenverletzungen im Spital gelandet sind.

© Illustration von Silvan Wegmann

Einladung ins Zunfthaus am Zürcher Limmatquai

Den Anfang der PR-Offensive macht der amerikanische E-Zigarettenhersteller Juul am 8. November: Im Namen des Unternehmens organisiert der weitum bekannte Schweizer Lobbyist und Ex-Botschafter Thomas Borer im gehobenen Zürcher Zunfthaus zur Zimmerleuten einen «Media Lunch». Journalisten von der «Republik» bis zur «Handelszeitung» folgen der Einladung an den Limmatquai.

Während einige der Medienschaffenden auf Rechnung des Unternehmens Zürcher Geschnetzeltes und Wein geniessen, kommt Juuls Schweizer General Manager Jonathan Green auf die Erkrankungs- und Todesfälle in den USA zu sprechen. Green drückt den Opfern sein Mitgefühl aus. Auch in seinen Presseunterlagen schreibt Juul: «Wir sind in den Gedanken bei den Betroffenen.» Um einen Abschnitt später festzuhalten: Unsere Produkte waren es nicht. Wie fast alle Anbieter von E-Zigaretten gibt Juul den erkrankten Konsumenten selbst die Schuld – diese hätten die E-Zigaretten zweckentfremdet zum Inhalieren von THC-Öl verwendet. Mit Juuls Nikotinkapseln sei das nicht möglich, lautet die Botschaft am «Media Lunch». Ob das reicht, um die Negativmeldungen über E-Zigaretten aus den USA zu entschärfen?

Die Tabakmultis befinden sich in einer heiklen Situation. In der Frühlings- oder spätestens in der Sommersession entscheidet der Nationalrat über das neue Tabakproduktegesetz. Es geht um viel Geld und die Frage, ob in Zukunft die gleich strengen Werberegeln für alle Kategorien von Tabakprodukten gelten sollen. Die Stimmung gegenüber der Branche hat sich in den letzten Monaten verschlechtert.

Am liebsten hätten die Hersteller gar kein Gesetz. Denn dieses beinhaltet Einschränkungen in den Bereichen Werbung, Sponsoring und Promotion. Wenigstens aber wollen sie für ihre neuen «alternativen Tabakprodukte» gegenüber regulären Zigaretten flächendeckende Ausnahmen durchsetzen, um diese weiterhin möglichst uneingeschränkt vermarkten zu können.

Als «alternative Tabakprodukte» gelten zum einen batteriebetriebene E-Zigaretten, die nikotinhaltige Flüssigkeit verdampfen, zum anderen Heat-not-burn-Produkte, die den Tabak nicht verbrennen, sondern erhitzen und ein nikotinhaltiges Luftgemisch erzeugen.

Um Konsumenten und Politik auf ihre Seite holen, vermarkten die Tabakmultis ihre elektronischen Zigaretten als gesunde Alternative zu regulären Zigaretten. Es ist kaum Zufall, dass Juul beim Schweizer Markteintritt 2018 mit Jonathan Green einen langjährigen Pharmamanager als Landeschef angeheuert hat. Und kein Einzelfall.

Auch der weltgrösste Tabakkonzern Philip Morris lässt am Dienstagmorgen bei seinem Medienanlass im Fünfsternehotel Bellevue in Bern mit Edith Helmle eine ehemalige Pharmamanagerin und Ärztin auftreten. Helmle ist bei Philip Morris seit Juli 2018 Senior Manager für medizinische und wissenschaftliche Angelegenheiten und sagt Sätze wie: «Rauchstopp kommt immer an erster Stelle, das ist auch bei uns die Devise.»

Gleichzeitig streicht sie vor den Journalisten die «gesundheitspolitische Berechtigung» von Produkten wie den firmeneigenen Erhitzungszigaretten hervor: Indem die «Iqos»-Geräte den Tabak nur erhitzten, sei die Schädlichkeit gegenüber regulären Zigaretten geringer. Es gebe zwar keine Langzeitstudien, dafür könne Philip Morris unzählige vorklinische Studien, klinische Studien, Laboranalysen, toxikologische Befunde und Berichte von Regierungen vorweisen.

Im Vorfeld des Anlasses hat Lobbyist Sacha Wigdorovits bei Journalisten und Chefredaktoren die Werbetrommel für den Anlass von Philip Morris gerührt. Der Schweizer CEO des Konzerns, Dominique Leroux, ist sichtlich zufrieden. Er freut sich darüber, dass er die Zahl Schweizer Nutzer von Iqos innert eines Jahres von 50000 auf 100000 verdoppeln konnte. Natürlich wolle Philip Morris nur bestehende Raucher als Kunden gewinnen. Jugendliche und Nichtraucher gehörten nicht zur Zielgruppe.

Dritter Lobbying-Anlass von British American Tobacco

Am 27. November lädt mit British American Tobacco (BAT) der dritte Tabakkonzern Journalisten zu «einer hochkarätigen Gesprächsrunde zum Thema E-Zigaretten» ein. Mit dabei auf dem Podium: Der der Tabakindustrie wohlgesinnte Pharmakologieprofessor Bernd Mayer von der Universität Graz. In der Einladung schreibt BAT: «Es ist wichtig, dass die Schweizer Bevölkerung aus erster Hand erfährt, wie es um die wissenschaftlichen Erkenntnisse dieser Alternativlösung zum herkömmlichen Rauchen steht.»

Während die Informationsoffensive der Tabakkonzerne weiterläuft, äussert sich das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Bern deutlich zurückhaltender: Zahlen zu Lungenverletzungen im Zusammenhang mit dem Konsum von E-Zigaretten gebe es keine für die Schweiz. Und: «Die langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen des Konsums von E-Zigaretten sind noch weitgehend unbekannt.»

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