Sustengebiet

Landschaftsschutz gegen Wasserkraft: Lohnt es sich, für einen Stausee unberührte Natur zu opfern?

Spektakuläre Hängebrücke, umstrittene Pläne: Im Talkessel ist ein 400-Millionen-Stauseeprojekt geplant. Bild: Imago Images

Spektakuläre Hängebrücke, umstrittene Pläne: Im Talkessel ist ein 400-Millionen-Stauseeprojekt geplant. Bild: Imago Images

Im Sustengebiet planen die Kraftwerke Oberhasli einen Stausee in einem Talkessel, aus dem sich der Triftgletscher zurückgezogen hat. Prominente Landschaftsschützer wehren sich dagegen. Lohnt es sich, für das Projekt unberührte Landschaft zu opfern?

Nur Schwindelfreie wagen sich auf die Hängebrücke. Unter ihren Lärchenholzplanken geht es hundert Meter hinab in eine Schlucht. Schweiz Tourismus bewirbt sie als «eine der spektakulärsten Fussgängerbrücken der Alpen». Sie befindet sich im Sustengebiet auf 1750 Meter über Meer, am Ausgang eines Talkessels, aus dem sich der Triftgletscher zurückgezogen hat. Angelockt von der Hängebrücke besichtigen Touristen aus aller Welt die «Urlandschaft», wie Dominik Siegrist, Geografieprofessor an der Hochschule für Technik in Rapperswil, das Triftgebiet nennt. Der Experte für nachhaltigen Tourismus sitzt vor der SAC-Windegghütte nahe der Hängebrücke. Er weist in den Talkessel, an dessen oberem Rand noch der Triftgletscher zu sehen ist, und spricht von einer «Landschaft mit einer gewaltigen Kraft, mit riesigen Bächen und einer Pioniervegetation im Gletschervorfeld».

Eine erste Brücke im nepalesischen Stil entstand 2004. Fünf Jahre später wurde sie durch eine sicherere und besser zugängliche Brücke ersetzt. Sie ersetzt den Wanderweg, der über den inzwischen geschmolzenen Gletscher geführt hatte.

Staumauer beeinträchtigt Aussicht von Hängebrücke

Zum Touristenmagnet wurde die Brücke auch, weil ihre Bauherrin, die Kraftwerke Oberhasli (KWO), eine kleine Luftseilbahn dem Publikum öffnete, die bis dahin als Werkbahn diente. Die KWO wollten der Öffentlichkeit anhand des dramatisch geschwundenen Gletschers den Klimawandel und die Vorteile der Wasserkraft aufzeigen. Inzwischen planen die KWO ein 400 Millionen Franken teures Stauseeprojekt, über das sie mit Infotafeln am westlichen Brückenkopf informieren. Mit einer 167 Meter hohen Staumauer soll der Talkessel unter Wasser gesetzt werden.

Ein Kraftwerk mit 80 Megawatt Leistung könnte 145 Gigawattstunden Strom im Jahr produzieren, den Bedarf von rund 35 000 Haushalten. Ein Beitrag zur Energiewende, die den Ausbau der Wasserkraft vorsieht.

Der Standort erscheint ideal für diesen Zweck. Hier wird kein Dorf unter Wasser gesetzt wie beim Marmorera-Stausee, auch kein mäandrierendes Flusssystem mit Mooren, wie es beim Stauprojekt in der Greina-Hochebene der Fall gewesen wäre. Die Trift befindet sich nicht im Bundesinventar von Landschaften nationaler Bedeutung. Allerdings liegt sie zwischen zwei solchen Gebieten. Für Siegrist ist es keine Frage, dass das Triftprojekt verhindert werden muss.

Der 62-jährige Zürcher ist die treibende Kraft hinter dem Triftkomitee, das dieses Jahr gegründet worden ist. Zu seinen Aushängeschildern zählen die Nationalräte Thomas Weibel (GLP, ZH), Martina Munz (SP, SH), Silva Semadeni (SP, GR) sowie der Kabarettist Franz Hohler. Siegrist ist Mitglied des Initiativkomitees der Gletscherinitiative, die bis 2050 den Netto-Ausstoss von Treibhausgasen auf null senken will.

Er engagiert sich aber auch seit Jahrzehnten gegen die Überbauung der Alpen mit Staumauern, Strassen und Skiliften. Unter anderem präsidierte er von 2004 bis 2014 die Internationale Alpenschutzkommission Cipra. Die Alpen sind laut Siegrist «nicht mehr der Energiespeicher Europas; die neuen Dimensionen sind so riesig, dass wir andere Speichermedien brauchen». Der ganze Energiebedarf der Schweiz könne von der Sonne gedeckt werden; als Speichermedien sollen Wasserstoff und Methan dienen.

Berner Kantonsparlament unterstützt das Triftprojekt

Nächstes Jahr wird der Berner Grosse Rat voraussichtlich das Konzessionsgesuch für das Triftprojekt genehmigen, das derzeit vom Bundesamt für Umwelt geprüft wird. Das Kantonsparlament überwies einstimmig eine SP-Motion für einen zügigen Bau des Triftprojekts. Der Regierungsrat soll auf die Berner Kraftwerke (BKW) Druck ausüben. Den BKW gehören die Hälfte der KWO-Aktien, der Rest ist auf die Städte Bern, Basel und Zürich verteilt. Der Kanton Bern kann den börsenkotierten BKW aber eine Investition nicht vorschreiben, auch wenn er 52 Prozent ihrer Aktien hält.

WWF und Pro Natura akzeptieren den Staudamm, sofern auf den Bau diverser geplanter Kleinkraftwerke verzichtet wird. Die Umweltorganisationen Aqua Viva und der Grimselverein jedoch haben Einsprache erhoben. Ob der Triftdamm je gebaut wird, dafür ist auch der Strompreis entscheidend. Der Verwaltungsratspräsident der Kraftwerke Oberhasli betrachtet laut «Der Bund» die Rentabilität des Projekts als ungewiss.

Der Triftstausee würde lediglich 0,25  Prozent der schweizerischen Stromproduktion liefern, sagt Siegrist. Das sei ein Tropfen auf den heissen Stein, wenn man bedenke, dass der Bedarf nach dem Ausstieg aus der Atomenergie und aus den fossilen Energien auf das Vier- bis Fünffache steige. «Da muss man sich fragen, ob es sich lohnt, diese unberührte Landschaft dafür zu opfern.»

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