Ausbildung
KV-Lehrabgänger sind erfolgreich, aber teilweise unterbezahlt

Die Stellensituation für KV-Lehrabgänger ist gut – die meisten finden nach der Grundausbildung einen Job und wollen sich weiterbilden. Handlungsbedarf sieht der Kaufmännische Verband aber bei den Löhnen.

Philipp Lenherr
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Das Arbeitsklima war den Umfrageteilnehmerinnen wichtiger als den -teilnehmern.

Das Arbeitsklima war den Umfrageteilnehmerinnen wichtiger als den -teilnehmern.

Keystone

Rund 11 000 Personen schliessen jedes Jahr eine kaufmännische Grundbildung ab. Die KV-Lehre ist damit nach wie vor die beliebteste Lehre in der Schweiz. «Neun von zehn jungen Erwachsenen fühlen sich nach Abschluss der KV-Lehre gut auf ihre erste Arbeitsstelle vorbereitet», sagte Michael Kraft am Freitag bei der Präsentation der Ergebnisse einer Umfrage unter rund 3000 Abgängern und Abgängerinnen der kaufmännischen Grundbildung im Jahr 2015.

Kraft ist beim Kaufmännischen Verband Schweiz (KVS) zuständig für Jugendpolitik und -beratung. An der Umfrage teilgenommen haben sowohl Absolventen der betrieblichen Grundbildung als auch Abgänger der Handels- und Wirtschaftsmittelschulen sowie privater Handelsschulen.

Die Teilnehmer wurden im Juli und November 2015 unter anderem zu ihrer Stellensituation befragt. Bereits im Juli, also zum Zeitpunkt des Lehr- oder Schulabschlusses, hatte mehr als die Hälfte von ihnen eine Arbeitsstelle auf sicher. Bis im November stieg der Wert auf rund drei Viertel. 18,5 Prozent waren nicht auf Stellensuche, weil sie anderweitig beschäftigt waren, beispielsweise mit Militärdienst oder einem Sprachaufenthalt.

Von allen Umfrageteilnehmern waren im November 2015 noch 6,7 Prozent auf Stellensuche. Bei den Absolventen der klassischen KV-Lehre lag der Anteil etwas tiefer bei 4,9 Prozent. 3,4 Prozent waren beim RAV als arbeitslos gemeldet. Dieser Wert liegt leicht unter der Arbeitslosenquote der 18 bis 21-Jährigen.

Weniger Lohn als empfohlen

Erstmals hat der KVS die Lehrabgänger auch zu ihren Löhnen befragt. Rund ein Fünftel der Umfrageteilnehmer verdiente nach Abschluss der Ausbildung weniger als die vom Verband empfohlenen 4000 Franken pro Monat. Noch öfter nicht eingehalten wird offenbar die Empfehlung von 1480 Franken im Monat im dritten Lehrjahr. In diesem Bereich sieht der KVS Handlungsbedarf.

Ebenfalls angehen will der Kaufmännische Verband die Einhaltung der Ferienregelungen für unter 20-Jährige. Im Gegensatz zu den Lohnempfehlungen sind diese verbindlich gesetzlich geregelt. Rund ein Fünftel der Befragten hat aber angegeben, weniger als die vorgeschriebenen fünf Wochen Ferien pro Jahr beziehen zu können. Laut Kraft sei vielen Arbeitgebern offenbar nicht bewusst, dass eben nicht nur Lernende, sondern alle Arbeitnehmer unter 20 Jahren Anspruch auf mindestens fünf Wochen Ferien hätten.

Berufsbild ist im Umbruch

Die Bereitschaft zur Weiterbildung ist bei den KV-Absolventen hoch. 93 Prozent der Befragten haben vor, eine Weiterbildung in Angriff zu nehmen.

Daniel Jositsch

Daniel Jositsch

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«Die Berufseinsteigerinnen und -einsteiger haben das lebenslange Lernen bereits verinnerlicht», sagte KVS-Präsident Daniel Jositsch. Dies sei eine wichtige Voraussetzung, um in der digitalen Arbeitswelt bestehen zu können. Eine ernsthafte Gefahr, dass das bisherige Erfolgsmodell KV-Lehre wegen der Digitalisierung zum Auslaufmodell werden könnte, sieht der Zürcher SP-Ständerat nicht. «Die gesamte Berufswelt ist derzeit in Bewegung». Aber die Berufswelt werde auch zukünftig noch aus Menschen bestehen, auch wenn diese vielleicht andere Tätigkeiten ausüben werden als heute. Für das kaufmännische Berufsbild sei eine solche Entwicklung infolge von Digitalisierung und Automatisierung nichts Neues. Klassische Sekretärinnen beispielsweise, die hauptsächlich diktierte Briefe tippen würden, gebe es heute kaum mehr.

Die Berufseinsteiger wurden auch zu ihren Erwartungen an ihre Arbeitsstelle befragt. Fast 70 Prozent legen Wert darauf, interessante Tätigkeiten ausüben zu können. In diesem Punkt waren sich die männlichen und die weiblichen Umfrageteilnehmer einig.

Bei den weiteren Faktoren gibt es jedoch Differenzen: Während bei den Frauen das Arbeitsklima das zweitwichtigste Kriterium ist, ist es bei den Männern die Möglichkeit, sich beruflich zu entwickeln und Karriere zu machen. Einen «angemessenen Lohn» halten fast 50 Prozent der Männer und knapp 41 Prozent der Frauen für wichtig.