Gesundheitskosten

Krankenkassenprämien steigen dank Intervention des Bundes nur sehr moderat an

Die Kosten für das Gesundheitssystem steigen laufend an, unter anderem aufgrund des medizin-technischen Fortschritts.

Die Kosten für das Gesundheitssystem steigen laufend an, unter anderem aufgrund des medizin-technischen Fortschritts.

Die Krankenkassenprämien steigen 2020 durchschnittlich um 0,2 Prozent. Das ist erheblich weniger als in Vorjahren. Grund dafür sind kostendämpfende Massnahmen des Bundesrats, etwa die Anpassung des Ärztetarifs Tarmed. Andere wichtige Massnahmen stossen auf Widerstand.

Es ist beinahe historisch. Nächstes Jahr bleiben die Krankenkassenprämien im Schnitt fast auf demselben Niveau wie heute. Sie steigen lediglich um 0,2 Prozent. Das ist noch weniger als im Vorjahr, als die Prämien um 1,2 Prozent gestiegen sind. Davor war die Entwicklung deutlich weniger moderat. Durchschnittlich schlugen sie jährlich um 3,8 Prozent auf. In böser Erinnerung ist vor allem das Jahr 2008, als sie um über 8 Prozent nach oben korrigiert werden mussten.

Der nun leichte Anstieg erstaunt insofern, als viele Experten nach der letzten Prämienrunde vor einer happigen Erhöhung in den Folgejahren gewarnt hatten. Bundesrat Alain Berset sprach am Dienstag denn auch wiederholt von einer «sehr guten Nachricht». «Es zeigt, dass wir etwas tun können, um die Kosten zu dämpfen», sagte er vor den Medien. Die Kosten im Gesundheitswesen nehmen unter anderem wegen der demografischen Entwicklung und des medizinischen-technischen Fortschritts laufend zu. 2018 hat die obligatorische Krankenversicherung Leistungen von total 32,6 Milliarden Franken bezahlt. Steigend sind deshalb auch die Prämien, welche die Kosten decken müssen.

Anpassung der Ärztetarife und tiefere Medikamentenpreise

Wie also ist der nur leichte Anstieg nun möglich, obschon Versicherer, Verbände und Experten das Gegenteil prognostiziert hatten? Bundesrat Berset führt dies auf Massnahmen zur Kostendämpfung zurück. Gewirkt habe vor allem die Anpassung des ambulanten Ärztetarifs Tarmed im letzten Jahr. Seitdem müssen Ärzte Leistungen einheitlich abrechnen, was etwa verhindert, dass manche Behandlungen zu hoch vergütet werden können. Dank der Anpassung konnten rund 500 Millionen Franken eingespart werden. «Die Tarmed-Revision hat viel besser gewirkt, als zahlreiche Akteure erwartet haben», so Berset.

Ebenfalls wirksam sind die seit 2012 regelmässigen Senkungen der Medikamentenpreise, die insgesamt eine Milliarde Franken eingespart haben. Als weiteren Punkt nannte Berset die Senkung der Reserven, die mehrere Krankenkassen nächstes Jahr vornehmen. Insgesamt habe der Bundesrat einen Reserveabbau von 27 Millionen Franken genehmigt. Der Meccano funktioniert wie folgt: Übersteigen die eingenommenen Prämien in einem Jahr die tatsächlichen Gesundheitskosten, baut ein Versicherer Reserven auf, welche im umgekehrten Fall einen Verlust decken. Reserven sollten dabei weder zu hoch noch zu tief sein. Laut Berset war eine knappere Kalkulation bei mehreren Kassen angebracht, was nun deren jeweiligen Prämienzahlern zugutekommt.

In zehn Kantonen sinken die Prämien

Doch nicht alle acht Millionen Versicherten profitieren gleichermassen. Am stärksten entlastet werden junge Erwachsene: Sie bezahlen im Schnitt 2 Prozent weniger als im Vorjahr. Und wie immer gibt es zwischen den 26 Kantonen Unterschiede. Die mittleren Prämien werden in zehn Kantonen sogar sinken. Dazu gehören Aargau, Bern, Baselstadt, Luzern, Schaffhausen, Solothurn, Waadt, Zug und Zürich – in Luzern sinken die Prämien dabei am meisten (siehe Grafik rechts). In fünf Kantonen steigen sie um über 1,5 Prozent, in den restlichen elf Kantonen liegt der Anstieg zwischen 0 und 1,5 Prozent.

In absoluten Zahlen heisst das zum Beispiel, dass ein in Luzern wohnhafter Erwachsener nächstes Jahr durchschnittlich 321,9 statt 326,3 Franken zahlt und somit fünf Franken pro Monat spart. Schweizweit beläuft sich die mittlere Prämie 2020 auf 315,40 Franken. Die kantonalen Unterschiede sind laut Berset auf verschiedene Ursachen zurückzuführen, so etwa die Ärzte- und Spitaldichte oder die Bevölkerungsstruktur.

Damit Prämienzahler auch in Zukunft nicht von einem starken Kostenwachstum überrollt werden, bedarf es weiterer Bemühungen. «Die Kosten müssen jedes Jahr gedämpft werden. Dafür braucht es eine starke Unterstützung von allen», sagte Berset und appellierte an das Parlament und die Branche. Auch die Parteien sehen Handlungsbedarf. SP und CVP verwiesen am Dienstag auf ihre Volksinitiativen, mit denen sie die Prämienzahler entlasten respektive die Kosten bremsen wollen. Berset sieht die Notwendigkeit dieser Initiativen nicht, da sich der Bundesrat seit Jahren um dasselbe bemühe.

Auch die Branche sieht die Möglichkeiten zur Kostendämpfung noch nicht ausgeschöpft. Allerdings bestehen unterschiedliche Ansichten, wo der Rotstift anzusetzen ist. Der Apothekerverband Pharmasuisse, welcher die Senkung der Medikamentenpreise zu spüren bekam, fordert, dass der Bundesrat auch andere Leistungsbringer in die Pflicht nimmt. Er wehrt sich gegen die angestossene Reform zur Senkung der Generikapreise.

Überhaupt sind sich die Akteure uneinig, ob die vom Bundesrat angestossenen Massnahmenpakete zielführend sind. Der Krankenkassenverband Curafutura und der Vergleichsdienst Comparis sehen vor allem in der einheitlichen Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen Einsparungspotenzial. Gerade dies wird im Ständerat aber schwierig durchzubringen sein, weil sich die Kantone dagegen wehren. Zunächst kommt das Geschäft am Donnerstag in den Nationalrat. Da können die Parteien zeigen, wie reformfreudig sie wirklich sind.

Autor

Gabriela Jordan

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