Parteipräsidium

Kraftort Familie: Mit ihrer Unterstützung nimmt Marco Chiesa das SVP-Präsidium in Angriff

Hier tankt er Energie: Marco Chiesa mit seinen Kindern Micol und Mathias und seiner Ehefrau Monja.

Hier tankt er Energie: Marco Chiesa mit seinen Kindern Micol und Mathias und seiner Ehefrau Monja.

Christoph Blochers Kampf gegen den EWR hat Marco Chiesa geprägt. Den Vorwurf, er werde als künftiger SVP-Präsident zu dessen Befehlsempfänger degradiert, lächelt er mit Tessiner Charme weg.

Ehefrau Monja wirkt entspannt, als sie im bündnerischen Lenz die Fotografin und den Redaktor von CH Media begrüsst: «Wir wussten, was uns erwartet.» Nämlich: dass jetzt ständig Journalisten im Ferienchalet aufkreuzen. Dass ihr Ehemann auf dem einen oder anderen Familienausflug fehlen wird. Dass Marco Chiesa, aktuell Vize- und designierter Neo-SVP-Präsident, zu den ewiggleichen Fragen Stellung nehmen muss: Ein Befehlsempfänger von Christoph Blocher und Magdalena Martullo-Blocher, die ganz in der Nähe auf der Lenzerheide ebenfalls eine Ferienwohnung besitzt? Eine Notlösung, weil die SVP ums Verrecken niemanden anders fürs Präsidium gefunden hat? Taugt sein Deutsch für die «Arena»?

Um gegen die Personenfreizügigkeit anzureden, auf jeden Fall. Beim Kaffeekochen feuert der Tessiner Ständerat ungefragt die ersten Pfeile dagegen ab.

Tochter Micol (10) hilft der Fotografin, den Sonnenschirm zurechtzurücken, während Sohn Mathias (12) mit dem Ball gegen das Garagentor kickt. Ja, die Familie. Marcel Dettling zum Beispiel, Schwyzer Nationalrat und parteiinterner Lieblingskandidat, hat ihretwegen abgesagt. Im Februar, als die parteiinterne Findungskommission Marco Chiesa ein erstes Mal kontaktierte, sagte auch seine famiglia «No!». Monja befürchtete, ihr Mann, ohnehin schon oft in Bern, würde noch mehr Zeit in der Deutschschweiz verbringen. Marco Chiesa nennt einen weiteren gewichtigen Grund für die damalige Absage: das Coronavirus. Chiesa arbeitet seit 15 Jahren als Direktor des intergenerationellen Zentrums Opera Mater Cristi (OMC) in der Gemeinde Grono im bündnerischen Misoxtal, das eine Kinderkrippe und ein Altersheim betreibt. Mitten in einer sich anbahnenden Krise habe er das Cockpit doch nicht einfach verlassen können.

Drei ältere Personen starben am Coronavirus

Ungeschoren kam das OMC nicht davon. Ein Besucher schleppte das Virus ein. 14 Personen, darunter vier Mitarbeiter, steckten sich im März damit an. Drei ältere Personen mit Vorerkrankungen starben. Dank Schutzmassnahmen ist die Lage unter Kontrolle, die Stelle gekündigt. Und als die SVP Anfang Juli nach erfolgloser Suche erneut bei Chiesa anklopfte, hatte die Partei eine neue Stelle geschaffen: einen Stabschef in der Person von Franz Grüter. Der Luzerner Nationalrat wird sich um die Kantone kümmern. Das bedeutet: Chiesa muss nicht jede Kleinst-Ortssektion zum 50-Jahr-Jubiläum mit seiner Anwesenheit beehren. Oder in Alleinregie darbenden Kantonalsektionen auf die Beine helfen. Ergo gab Monja grünes Licht. Die Kinder seien unterdessen schon recht selbstständig und älter als jene von Dettling, sagt Chiesa. Während des Interviews dampfen Mathias und Micol allein ab in Richtung Badi Lenzerheide.

Marco Chiesa bedient einige SVP-Klischees. Seine Besucher steckt er in Hausfinken, die mit Schweizer Wappen verziert sind. Als Tessiner Kantonsrat brachte er einen Vorstoss für ein Landeshymnenobligatorium in der Volksschule durch. Auf einem SVP-Filmchen zum 1. August verputzt er auf der Älggialp im Kanton Obwalden, dem geografischen Mittelpunkt der Schweiz, zusammen mit Noch-Präsident Albert Rösti und Céline Amaudruz, der Vizepräsidentin aus Genf, ein Fleisch-Käse-Plättchen, angestossen wird mit Wein. Im Hintergrund: Fahnenschwinger, Schwyzerörgeli, Alphornbläser und ein paar Geissen. «Wir müssen unsere Identität schützen», sagt Chiesa. «Die Schweiz hat in Europa fast den höchsten Ausländeranteil – wenn die masslose Zuwanderung so weiter geht, dann sind wir Schweizerinnen und Schweizer im eigenen Land bald in der Minderheit.»

Der eine geht, der andere kommt: Noch-SVP-Präsident Albert Rösti (links) und Marco Chiesa an einer Pressekonferenz zur Begrenzungsinitiative.

Der eine geht, der andere kommt: Noch-SVP-Präsident Albert Rösti (links) und Marco Chiesa an einer Pressekonferenz zur Begrenzungsinitiative.

Andererseits ist der 45-Jährige weder Bauer noch Gewerbler, sondern arbeitet im Sozialbereich, der traditionelle SVP-Stallgeruch fehlt. Als Leiter des Zentrums in Grono realisierte er, wie wichtig familienexterne Kinderbetreuung für Mitarbeiter ist. Also gründete er mehrere Kinderkrippen. Wenn der Staat hilft, die Tarife auf ein bezahlbares Niveau zu senken, wehrt er sich nicht. Einen Widerspruch zur SVP-Politik verneint er. Für ihn stehe Eigenverantwortung an oberster Stelle. Als Vertreter der lateinischen Schweiz gebe er dem Staat aber eine wichtigere Rolle als Deutschschweizer.

Vater gewann Schweizer Cup mit dem FC Lugano

Chiesa wuchs in Lugano auf. Sein Vater kickte als Mittelstürmer beim FC Lugano und gewann 1968 sogar den Schweizer Cup. Sohn Marco schaffte es nur bis in die 4. Liga, dafür ist er in der nationalen Politik bis in die höchste Spielklasse aufgestiegen: vom Luganeser Stadtparlament zum Tessiner Kantonsrat, vom National- zum Ständerat und jetzt, am 22. August an der DV in Brugg, zum Präsidenten der SVP. Die Wahl scheint nur noch Formsache, die Parteileitung hat ihn auf den Schild gehoben.

Die Karrieresprünge rufen Kritiker auf den Plan. Viele mäkeln, er habe in Bern wenig bewirkt. Auf nationaler Ebene generierte er tatsächlich selten Aufmerksamkeit. Die Forderung, die Doppelbürgerschaft für Bundesräte zu verbieten, bildete eine Ausnahme. Politiker von links bis rechts schätzen Chiesas Diskussionskultur: moderat im Auftritt, hart in der Sache, kein Polteri. «Polteri?» Wir erlauben uns einen kleinen Deutschtest. Versteht er das? «Andreas Glarner», antwortet er lachend. Prüfung bestanden.

Chiesa lebt mit seiner Familie in Ruvigliana, am Hang des Monte Brè mit Blick auf den San Salvatore und den Luganer See. In Freiburg studierte er Betriebswirtschaft, an der Universität Lugano hängte er einen Master für Management im Gesundheitswesen und in Personalführung an. Mit 26 Jahren wirkte er zunächst als Steuerberater bei Pricewaterhouse-Coopers, dann kümmerte er sich bei der UBS in Mailand um Klienten, die von der Steueramnestie der damaligen Regierung Berlusconi profitierten. Die Arbeit als Banker befriedigte ihn nicht. «Ich wollte etwas machen, bei dem der Mensch im Zentrum steht.» Seine Berufung fand er als Direktor des Zentrums in Grono.

Im Wahlkampf griff er wieder zur Zigarette

Während des Ständeratwahlkampfs im Tessin begann er wieder zu rauchen (Parisienne). Er möchte den letzten Glimmstängel bald ausdrücken, aber gelingt das bei einem Stressjob? Bei der Abstimmung über die Begrenzungs-Initiative droht laut Umfragen die nächste Niederlage. Die Klimafrage, aktuell zwar verdrängt von der Coronapandemie, hilft den Grünen. Die SVP-Themen stecken im Konjunkturtief. Bei den letzten Wahlen hätten einige Parteimitglieder zu sehr geglaubt, der Erfolg stelle sich von allein ein. Chiesa beschwört den Teamgeist und will die Partei wieder wachrütteln, allerdings ohne Kehrtwenden in den Kernthemen. Ein Ja zum Rahmenabkommen ist auch unter Chiesa so wahrscheinlich wie ein Meter Schnee am Lago Maggiore. Hoffnungen auf eine ökoaffinere SVP scheinen verfrüht. Investitionen in grüne Technologien begrüsst Chiesa zwar. Das neue CO2-Gesetz aber, das die Bürger zu Kasse bitte, werde er bekämpfen.

Zum ersten Mal abstimmen durfte Chiesa ausgerechnet bei der EWR-Abstimmung vom 6. Dezember 1992. Es beeindruckte ihn, wie Christoph Blocher den Vertrag praktisch im Alleingang bodigte, wie sich der SVP-Übervater für die Unabhängigkeit der Schweiz ins Zeug legte. Chiesa schloss sich der SVP an, obwohl sie im Tessin bis heute eine kleine Partei mit eher geringen Karriereaussichten ist. Die Gifte­leien, er sei Befehlsempfänger der Familie Blocher, lacht er weg. «Ich war bis jetzt nur einmal in Herrliberg, als Christoph alle neu gewählten SVP-Parlamentarier einlud.» Blocher wolle keine Soldaten an der Parteispitze, sondern schätze Personen, die ihre eigene Meinung einbringen würden. Dass ihn die politische Konkurrenz als Schosshündchen der Blocher-Tochter verhöhnte, verbucht er unter dem Kapitel «politische Spielerei». Als Notnagel sieht sich Chiesa nicht. Im SVP-Lager hofft man, dass er die Partei in der lateinischen Schweiz beflügelt. Der desig­nierte Stabschef Franz Grüter sagt sogar: «Mit Chiesa ist uns ein Coup gelungen. Seine Deutschdefizite kompensiert er mit Charme.»

Erholung in der Schweiz: Der SVP-Ständerat Marco Chiesa geniesst die Bergwelt in der Nähe seiner Ferienwohnung Lenz GR.

Erholung in der Schweiz: Der SVP-Ständerat Marco Chiesa geniesst die Bergwelt in der Nähe seiner Ferienwohnung Lenz GR.

Spesenpauschale von 20'000 bis 25'000 Franken

Chiesa nimmt Deutschunterricht. Drei Stunden Interview in einer Fremdsprache ermüden ihn, wie er zugibt. Aber man kann sich den Tessiner in der Arena vorstellen. Nicht als König der Metaphern und Meister kunstvoller Formulierungen, als Soliddebattierer in Flüssigdeutsch hingegen schon. Die Höhe der Entschädigung ist noch offen. Er rechnet damit, dass seine Spesenpauschale rund einen Drittel seines bisherigen Einkommens als Heimleiter mit reduziertem Pensum betragen wird, um die 20'000 bis 25'000 Franken ungefähr. Die Ständerat-Entschädigung und das 70-Prozent-Pensum seiner Frau in einer Pharmafirma machen die Einbusse verkraftbar.

Seine Familie bezeichnet Chiesa als Kraftort. «Wenn ich sie am Abend sehe, sind alle Kritiken vergessen.» Er ist zuversichtlich, mit seinen Liebsten auch als SVP-Präsident regelmässig Skipisten hinunterzukurven, Berge hochzuwandern oder den einen oder anderen Fussballmatch zu besuchen. Das scheint derzeit auf jeden Fall wahrscheinlicher als ein SVP-Sieg bei der Begrenzungs-Initiative. Aber eine solch frühe Niederlage dürfte die Parteibasis dem neuen SVP-Trainer noch verzeihen.

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