Kontroverse
Umweltpolitik ist keine Gesundheitspolitik – Ärztepräsidentin pfeift Mitglieder zurück

Yvonne Gilli sass einst für die Grünen im Nationalrat. Als Chefin des Ärzteverbandes FMH will sie nicht, dass dieser sich zu konkreten Umweltvorlagen äussert.

Pascal Ritter
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Ist Grüne, will aber die Umweltpolitik nicht forcieren: Ärzteverbandspräsidentin Yvonne Gilli.

Ist Grüne, will aber die Umweltpolitik nicht forcieren: Ärzteverbandspräsidentin Yvonne Gilli.

Michel Canonica

Vorworte von Verbandszeitschriften werden in der Regel gerne überblättert. Das Editorial der Präsidentin der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH), Yvonne Gilli, gehört nicht dazu. Es sorgt für Diskussionen in der Ärzteschaft.

Sie schreibt dort, der Verband solle sich aus der Umweltpolitik heraushalten und sich auf «standespolitische ärztliche Themen» konzentrieren. Sie gibt damit einzelnen Mitgliedern und Mitgliedsverbänden eine Absage, die den Dachverband aufgefordert hatten, zu Umweltthemen im Namen der Gesundheit stärker Position zu beziehen.

FMH soll keine Umweltorganisation sein

Zwar nimmt die Ärztepräsidentin an, «dass alle uns angeschlossenen Ärztinnen und Ärzte gesunde Lebensbedingungen befürworten». Sie geht aber davon aus, dass die Mitglieder unterschiedliche Einschätzungen haben und abweichende Schlüsse daraus zögen. Sie schreibt:

«Unsere Mitglieder erwarten von der Ärztinnen- und Ärztevereinigung FMH nicht das Engagement einer Umweltorganisation.»

Der Appell der Präsidentin ist bemerkenswert, weil Gilli von 2007 bis 2015 für die Grünen im Nationalrat sass. Die St. Gallerin ist zudem Mitglied im Verein «Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz». Ausgerechnet sie plädiert nun für Zurückhaltung ihres Verbandes in diesem Bereich.

Statuten: Einsatz «für die Erhaltung gesunder Umwelt-und Lebensbedingungen»

Bei den Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz, der jüngst eine Kampagne für die beiden Agrarinitiativen und das CO2-Gesetz führte, kommt die Haltung der Kollegin und FMH-Präsidentin Gilli nicht nur gut an.

Umweltärzte-Präsident Bernhard Aufdereggen versteht zwar, dass sich die FMH in den aktuellen Diskussionen auf die Standespolitik konzentrieren will. Dort stünden verschiedene gröbere Probleme an, wie etwa die Tarif-Diskussionen.

Er ist aber der Meinung, dass die Ärzteschaft eine Verantwortung habe, sich für die Gesundheit ihrer Patienten einzusetzen. Er sagt:

«Klimaerwärmung, die Verschmutzung von Luft und Trinkwasser oder andere negative Umwelteinflüsse schaden der Gesundheit. Wer, wenn nicht wir Ärztinnen und Ärzte können und müssen uns dazu kompetent äussern.»

Aufdereggen verweist zudem auf die Statuten der Vereinigung. Dort heisst es: «Die FMH bezweckt der Bevölkerung eine hochstehende ärztliche Versorgung zu angemessenen Kosten zu gewährleisten, zur Gesundheitsförderung beizutragen und sich für die Erhaltung gesunder Umwelt-und Lebensbedingungen einzusetzen». Er erinnert zudem an frühere Stellungnahmen der FMH zu Themen, die ebenfalls nicht nur standespolitisch waren. So äusserte sich der Verband etwa zum Tabak-Gesetz oder zu Mobilfunkstrahlung.

Yvonne Gilli ist zurzeit in den Ferien und war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Eine Sprecherin der Ärzteverbindung FMH erklärt, die Ärzteschaft sei heterogen. Es gebe Mitglieder, die sich ein Engagement in der Umweltpolitik wünschen würden. Andere Mitglieder fänden aber, dass die FMH als Berufsverband sich auf ärztliche Expertise fokussieren sollte. Sie sagt:

«Das Editorial unserer Präsidentin ist ein Debattenbeitrag. Er steht am Anfang einer Diskussion und nicht am Ende. »

Hintergrund der Debatte ist eine Intervention von jungen Ärztinnen- und Ärzten, sowie Studierenden der Medizin. Sie forderten die Vereinigung FMH auf, sich in der Klimadebatte zu positionieren und brachten die Delegiertenversammlung dazu, ein «Manifest für eine gesunde Zukunft» zu unterstützen, das unter anderem mehr Rücksicht auf die Umwelt fordert.

Zudem setzte die FMH eine Arbeitsgruppe ein, die ein Positionspapier zu Klima und Gesundheit ausarbeiten soll. Das Papier befindet sich noch in der Vernehmlassung.

Der Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (VSOA), sowie der Nachwuchsverband Swimsa jubelten im November in einem gemeinsamen Communiqué: «Ärzte setzen Zeichen gegen Klimawandel» und feierten die Annahme ihrer Anträge.

Nora Bienz Co-Vizepräsidentin des VSOA und Oberärztin am Inselspital Bern nimmt die aktuelle Stellungnahme der FMH-Präsidentin gelassen. «Es ist klar, dass die Ärztevereinigung keine Umweltorganisation sein kann.» Sie ist zuversichtlich, dass der Verband im Herbst ein fortschrittliches Positionspapier zu Klimafrage verabschieden wird. Zudem werde sich ihr Verband weiter für Umweltschutz engagieren.

Die Ärzte sind traditionell politisch vielfältig. Selbst zu Themen, die sie direkt betreffen, sind sie sich nicht immer einig. Als im Jahr 2014 über den Vorschlag einer Einheitskrankenkasse abgestimmt wurde, beschloss der Verband Stimmfreigabe. Die Vorlage wurde abgelehnt.

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