Kommentar
Berset & Co. kritisieren Impf-Zögerer: Das ist ein Fehler – besser wäre es, ihre Bedenken ernst zu nehmen

Nach zwei fulminanten Monaten erlahmt zurzeit die Impf-Dynamik in der Schweiz. Die Behörden haben zwei Gruppen als Sündenböcke ausgemacht: Altersheim-Angestellte und die Jungen.

Patrik Müller
Patrik Müller
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Die Kurve flacht ab, es scheint inzwischen fraglich, ob der Bund das Ziel erreicht, 75 Prozent der Bevölkerung zu impfen. 60 Prozent sind realistischer – das reicht bei Ausbreitung der hochansteckenden Delta-Variante nicht, um im Herbst eine vierte Welle abzuwenden. Eine Umfrage der SonntagsZeitung bei den Kantonen ergab: Die Wartelisten sind vielerorts leer, Neuanmeldungen kommen kaum noch dazu.

Darum ist richtig, dass die Behörden ihre Impf-Bemühungen verstärken. Was es nicht braucht, sind Druckversuche und Schuldzuweisungen. Die Behörden haben zwei Bevölkerungsgruppen als Sündenböcke ausgemacht:

  • Angestellte in Altersheimen, die eine relativ tiefe Impfquote haben. «Das darf nicht sein», sagte dazu Alain Berset in der NZZ.
  • Die junge Generation, in der viele abwarten und der vorgeworfen wird, unsolidarisch zu sein. Bei den ganz Jungen - den 12- bis 15-Jährigen - haben sich bislang nicht einmal zehn Prozent für einen Impftermin angemeldet.

Impfzögerer an den Pranger zu stellen, ist der falsche Weg und kontraproduktiv. Statt ihnen ein schlechtes Gewissen einzujagen, braucht es Fakten, Aufklärung – und Vertrauen.

Geimpfte Personen in der Schweiz und Liechtenstein, in Prozent der Gesamtbevölkerung: Aktuell haben rund 50 Prozent zumindest eine Dosis erhalten.

Geimpfte Personen in der Schweiz und Liechtenstein, in Prozent der Gesamtbevölkerung: Aktuell haben rund 50 Prozent zumindest eine Dosis erhalten.

Quelle: BAG

Seien wir ehrlich: Das Zögern hängt auch damit zusammen, dass die Nebenwirkungen bei vielen Geimpften stärker sind, als man aufgrund der behördlichen Aussagen erwartet hatten. Jeder kennt solche Fälle in seinem Umfeld. Beschönigen trägt nicht zur Vertrauensbildung bei.

Wer zögert, begeht keinen Landesverrat, man muss die Bedenken ernst nehmen. Objektive Information verbunden mit niederschwelligen Impf-Zugängen und positiven Anreizen wirken am besten. Noch ist es nicht zu spät.